Ein Besuch in Polens Schlössern rund um Posen

Schloss Kórnik: Die Bibliothek des neogotischen Palais von Karl Friedrich Schinkel beherbergt seltene Handschriften. Foto: Karol Budzinski

Malerische Schlösser rund um Posen erinnern an die Geschichte des polnischen Adels. Die Bauwerke kann man besichtigen und sogar in historischen Schlossmauern übernachten.

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. Die Bewohner der Region rund um Posen sind landesweit als die „polnischen Preußen“ bekannt. Sie gelten als ordentlich und sparsam. „Geiziger als Schotten“, beschreibt Katarzyna Tymek, die junge Reiseführerin aus Posen, ihre Landsleute schmunzelnd. Doch beim Bau ihrer Schlösser und Paläste wurde nicht gespart. Die polnischen Adligen beherrschten vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Geschichte des Landes. Ihren Familien gehörten riesige Ländereien, sie bestimmten die regionale Politik, besaßen Soldaten und wählten den König. Als Ende des 19. Jahrhunderts viele polnische Familien verarmten, mussten ihre Schlösser verkauft werden, andere wurden von reichen Industriellen neu gebaut.

Schloss Kórnik: Die Bibliothek des neogotischen Palais von Karl Friedrich Schinkel beherbergt seltene Handschriften. Foto: Karol Budzinski
Schloss Rogalin: Der prächtige Ballsall und die große Kunstsammlung machen den Palast zum Besuchermagneten. Foto: Jacek Cieslewicz
Üppige Deckengemälde schmücken das Schloss Rydzyna im gleichnamigen 3000-Seelen-Ort. Foto: Jacek Cieslewicz

So errichtete der Berliner Kaufmann und Bankier Richard von Hardt von 1870 bis 1872 Schloss Wasowo mit Türmchen, Zinnen und Erkern. „Der exzentrische von Hardt hatte zwei Hobbys: Das Business und die Jagd“, sagt Tymek. Zur Jagd ritt er in seinen englischen Park und in die umliegenden Ländereien. Sein Textilhandel führte ihn bis nach Brasilien. Sein Sohn, Richard von Hardt, baute um 1900 die Residenz groß aus, als Kaiser Wilhelm der II. seinen Besuch ankündigte. Dem Kaiser sollte es an nichts fehlen. Seit 1995 ist das Anwesen wieder in Privatbesitz und wurde zum Viersternehotel umgebaut. In der noch mit originalen Möbeln eingerichteten Kaiser-Suite können nun Urlauber übernachten. Bei langen Spaziergängen und Kutschfahrten durch den englischen Park laden 200 bis 300 Jahre alte Eichen, Buchen und Linden zum Träumen von längst vergangenen Zeiten ein.

Eine kurze Lindenallee führt vom Hotel zum Vorwerk, dem Gutshof. „Die ließ der erste von Hardt für seine Frau zum Schutz vor der Sonne pflanzen“, erklärt Tymek. Nach der Wende wurden die historische Schmiede, der Pferdestall, die Brennerei und die Scheunen des Folwark Wasowo ebenfalls restauriert und erneuert. Der neue Betreiber ist Piotr Wiela, ein sportlicher junger Mann mit Hipsterbart. Die Scheunen sind vor allem bei jungen Leuten beliebt für Hochzeiten. Dann wird aus dem schmucklosen Stall mit grobem Mauerwerk, in dem sonst dicke Strohballen lagern, eine Event-Location in der bis zum Sonnenaufgang gefeiert wird. „In unserem kleinen Restaurant Kuchnia Folwarku, kommen nur ökologische Speisen aus dem eigenen Garten auf den Tisch“, sagt Piotr. Eine Spezialität des Hauses sind die eingemachten Chutneys, Gemüsesäfte und die selbst gebrannten Liköre.

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Hufgetrappel und wiehernde Pferde empfangen die Besucher des Schlosses Racot. Der klassizistische Palast liegt etwa 40 Kilometer südlich von Posen im gleichnamigen Dorf. Seit 1928 befindet sich dort ein weit über Polen hinaus bekanntes Pferdegestüt. Im Schloss schmücken kostbare Seidentapeten, Kristalllüster und zierliche Sesselchen die 20 Hotelzimmer. Und es gibt ein Spukzimmer. Einst soll ein untreuer Hausverwalter Frau und Tochter des Besitzers in dessen Abwesenheit aus dem Palast vertrieben haben, um mit dem veruntreuten Geld rauschende Feste zu feiern. Als der Hausherr unerwartet zurückkehrte, ließ er den nichtsnutzigen Verwalter in einem Kellerverlies einsperren und einen qualvollen Hungertod sterben. Seither behaupten alle, dass es in Zimmer 15, das über dem Keller liegt, spukt. „Selbst Gäste, die nichts von der Gruselgeschichte wissen, wollen oft nach einer Nacht ein anderes Zimmer“, beteuert Tymek.

Eine spannende Geistergeschichte hütet auch Schloss Kórnik, ein Werk von Karl Friedrich Schinkel. Der neogotische Palast, der nie zerstört wurde, liegt etwa 30 Kilometer südlich von Posen und ist ein Traum für große und kleine Prinzessinnen und Raubritter. Um zum Schloss zu gelangen, muss man den Burggraben über eine Brücke überqueren. Im maurischen Saal stehen dutzende Ritterrüstungen Spalier. In der Bibliothek sind seltene Handschriften vom 13. bis zum 16. Jahrhundert zu bewundern. Das älteste Buch stammt aus dem 9. Jahrhundert – eine lateinische Handschrift aus Frankreich. Eine weitere Attraktion des Schlosses ist das Gemälde der „Weißen Dame“. Teofila, eine gebildete Dame, die viele Jahre im Schloss lebte, soll bis heute um Mitternacht aus ihrem Porträt heraussteigen, um im Schlossgarten zu lustwandeln. Das Schloss umgibt ein Arboretum, das nicht nur Nachtgespenster zum Flanieren unter Bäumen aus aller Welt einlädt. Legendär sind auch die Geschichten um den letzten Besitzer Kórniks, Wladyslaw Zamoyski. Er wird als äußerst sparsam, ja fast schon geizig beschrieben. Er schlief auf einem Tisch, reiste mit der Eisenbahn vierter Klasse und verzichtete auf teure Kleidung und üppige Speisen. 1924 vermachte er das Schloss dem polnischen Volk. Und erst da stellte sich heraus, dass Zamoyski keinen einzigen Groschen für sich verwenden wollte, sondern alles seinem Volk vermachte.

Nur wenige Kilometer westlich von Kórnik wartet das spätbarocke Schloss Rogalin auf seine Entdeckung. Das alles überragende Palais thront in einem weitläufigen Schlosspark am Ufer der Warthe. Die ehemalige Familienresidenz der Raczynskis, die zum alten Adel Großpolens gehörten, ist nach minutiöser Rekonstruktion ein mit Kunstschätzen vollgestopftes Traumschloss und als Teil des Nationalmuseums Posens ein viel besuchtes Ausflugsziel. Bemerkenswert ist die Kunstsammlung mit Werken polnischer und europäischer Künstler wie Jacek Malczewski und Claude Monet sowie der große Ballsaal. Die Frage, „wer gestaltete den schönsten Ballsaal“, erübrigt sich, wenn Besucher den zweigeschossigen Saal mit Säulen, üppigem Stuck und Lüstern betreten.

Legenden ranken sich um die drei Rogalin-Eichen im Park, die jeweils 700 bis 800 Jahre alt sein sollen. Die Methusalems mit ihren Stammumfängen bis zu neun Metern erinnern an die legendären Brüder Lech, Cech und Rus, die Stammväter von Polen, Böhmen und Russland.

Fährt man weiter in den Süden Richtung Breslau, landet man in dem 3000-Seelen-Ort Rydzyna. Das dortige Schloss ist eine der schönsten Adelsresidenzen Polens mit vier Türmen für die vier Jahreszeiten und 365 Fenstern – für jeden Tag eines. Auch dieses Barockschloss hat eine spannende Geschichte: Es entstand auf den Ruinen einer alten Wehrburg aus dem 15. Jahrhundert und gehörte verschiedenen polnischen Adligen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es ein Jungen-Gymnasium, später eine Napola-Eliteanstalt der Nazis, und am Kriegsende 1945 wurde es von sowjetischen Soldaten in Brand gesetzt. Seit den 1970er-Jahren restauriert der Verein der polnischen Ingenieure mit viel Liebe das Schloss. Polnische Stuckateure haben inzwischen wahre Kunstwerke geschaffen. In dem Riesenkasten sind heute ein Museum und ein Hotel untergebracht, und nicht selten verlaufen sich die Hotelgäste in den langen Gängen und verwinkelten Treppen.

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Übersichtlich hingegen präsentiert sich das spätbarocke Jagdschloss Wloszakowice unweit von Rydzyna. Das auf einer künstlichen Insel gelegene Schloss hat den Grundriss eines gleichschenkeligen Dreiecks. Die Form erklärt sich mit den Verbindungen des Erbauers Fürst Aleksander Jósef Sulkowski zur Freimauererei. Die dreieckige Kelle ist eines ihrer Symbole und Sulkowski war einer der ersten polnischen Freimaurer. Übernachten kann man im Schloss nicht, es ist heute Sitz des Gemeindeamtes. Lohnenswert ist jedoch ein Spaziergang im prächtigen Schlosspark zwischen mächtigen Platanen und dem angeblich ältesten Bergahorn Wielkopolskas.

Von Sybille Boolakee