„Ristorante Wilhelminenhof“ in Darmstadt

Im Erdgeschoss des "Hauses Finkeisen" residiert der "Wilhelminenhof". Foto: Guido Schiek
© Guido Schiek

Die klassische Linie des „Ristorante Wilhelminenhof“ passt zum Retro-Charme der Innenarchitektur.

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Darmstadt. Es gibt Überraschungen, die mit Verzögerung ankommen. Im Darmstädter Wilhelminenhof ist jeder Tisch besetzt, überall wird viel geredet und gelacht. Und doch kann man sein eigenes Wort verstehen und auch das des Gegenübers. Ein seltenes akustisches Wunder: Auch im Trubel des vollen Lokals ist gute Unterhaltung anstrengungsfrei möglich. Das liegt wahrscheinlich an der abgehängten Decke mit ihren großen ovalen Öffnungen, die zur holzgetäfelten Restaurantlandschaft passen. Eine solche Komposition von Gediegenheit und Retro-Charme muss man erst einmal finden. Und sie passt zum Stil eines klassischen italienischen Restaurants, wie es gar nicht mehr so häufig ist. Während viele Spitzenbetriebe auf verschärften Gourmet-Kurs gehen und sich in der Welt der kleinen Portionen auf großen Tellern behaupten wollen, ist der Wilhelminenhof seinem Konzept treu geblieben: traditionelle Küche, gute Zutaten, großzügige Portionen, die auf Wunsch auch verkleinert werden. Man will ja doch mehr als einen Gang essen.

Ein Beispiel für diese Orientierung ist das einfache Kalbsschnitzel in Weißweinsoße, das selten so perfekt auf den Teller kommt: zartes Fleisch, leicht angedickte Weinsoße, die ein wenig vom Bratensud aus der Pfanne mitbekommen hat, knusprig geröstete Kartoffelscheiben (18,90 Euro). Die wöchentlich wechselnde Empfehlungskarte bietet immer wieder interessante Überraschungen. Neulich gab es „Trippa alla romana“, Kutteln also. Die feinen Pansen-Streifen sind in einer hellen, gut gewürzten und sämigen Soße weichgeschmort, haben aber ihre leicht elastische Konsistenz bewahrt. Ein paar halbe Cocktail-Tomaten drüber, ein Stück Weißbrot dazu – mehr braucht es nicht, um für zwölf Euro froh zu werden. Ein guter Griff waren auch die Cannelloni aus dem Tagesangebot, große Röhren aus Nudelteig, mit einer ziemlich feinen Hackmasse gefüllt, von Bechamelsoße begleitet. Cannelloni, ist das nicht jenes Gericht, bei dem sich der ungeduldige Esser unweigerlich die Zunge verbrennt? Nicht immer. In diesem Fall war im Inneren nur laue Wärme angelangt. Solche Pannen mag es geben, wenn der Betrieb richtig brummt, und das tut er oft, in der wärmeren Jahreszeit auch im schönen Garten auf der Spitze des Winkels, den Wilhelminen- und Karlstraße bilden. Weitere Stichproben gelten dem Fischsalat (15,90 Euro), der den Stil des Hauses abbildet, viel vom Guten zu servieren. Das geht in diesem Fall etwas auf Kosten der Abwechslung, Scheiben vom Oktopus-Tentakel, Streifen von der Tintenfischtube, dazu viele kleine Garnelen. Gut angemacht, hübsch serviert, aber das ginge sicher noch origineller. Doch dieses Wettrennen macht der Wilhelminenhof gar nicht mit. Auch nicht beim Klassiker „Paglia e Fieno“, Heu und Stroh, das meint grüne und gelbe Bandnudeln. Ob man das Basilikumpesto mit Sahne verfeinert, ist eine Glaubensfrage, aber auch die Sahnegegner werden zugestehen, dass so die Zutaten harmonischer die Nudeln umhüllen. Schmeckt sehr gut, die kleine Portion zu zehn Euro passt in fast jede Menüfolge.

Zum schönen Eindruck trägt auch die Servicemannschaft bei – so gut besetzt, wie es ein großes Restaurant verlangt, mit charakterstarken Typen, humorvoll ohne Clownerie, freundlich, ohne servil zu wirken. Das sind Profis, die am Tisch einen Fisch zerlegen können, so routiniert, wie sie wenig später eine Portion Tatar anmachen. Das hat Stil und auch seinen Preis. Der Wilhelminenhof galt vor ein paar Jahren mal als besonders teuer. Aber erstens haben die Preise selbst in der mittleren Liga italienischer Restaurants so zugelegt, dass in diesem Lokal manches schon wieder günstig erscheint. Und zweitens will ein solcher Betrieb ja auch finanziert werden. Dieser Gedanke versöhnt auch mit den teilweise selbstbewussten Getränkepreisen. Das kleine Radeberger kostet 3,40, ein sehr kleines Glas Lugana zum Fischsalat 5,50 Euro. Aber gute Gastronomie muss verdienen, sonst gibt es sie bald nicht mehr.