„Da Giuseppe“ in Darmstadt

Pizza pollo, bitteschön: Inhaber Gaetano Lodato im „Da Giuseppe“.Foto: Andreas Kelm

Den Bestellzettel von „Da Giuseppe“ haben viele Bewohner des Darmstädter Martinsviertels daheim liegen. Jetzt können sie Pizza, Pasta und andere Gerichte auch im neu...

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Darmstadt. Den Bestellzettel von „Da Giuseppe“ haben viele Bewohner des Darmstädter Martinsviertels daheim liegen. Jetzt können sie Pizza, Pasta und andere Gerichte auch im neu ausgebauten Lokal genießen. Tür auf, Tür zu. Das Telefon bimmelt. „Pizzeria Da Giuseppe, Guten Abend“, sagt Frau Giuseppe in den Hörer, notiert die Bestellung, legt wieder auf. „Ich hatte eine Mediterranea bestellt“, sagt der junge Mann an der Theke. „Ja, hier, 6,50 Uhr bitte.“ Ein dampfender Pizzakarton wechselt die Tresenseite. „Danke, tschüss, schönen Abend noch“ – „ebenso“. Der Kunde geht, ein nächster kommt. Tür auf, Tür zu. Das Telefon bimmelt. Es ist ein regelrechter Pizza-Bahnhof, was sich da tagein, tagaus im italienisch geführten Eck am Lichtenbergplatz abspielt. Seit vielen Jahren, man kann schon von Jahrzehnten sprechen, ist „Da Giuseppe“ der hauptamtliche Haus- und Hofversorger im Martinsviertel. Allabendlich pilgern Viertelbewohner zu der Bestell- und Abholinstitution, um von dort Pizza mit nach Hause, in die Kneipe oder auf den Rieger- und Lichtenbergplatz zu nehmen. Mehr Kiez geht in Darmstadt kaum. Nun ist aus dieser Pizzeria der Herzen nach all den Jahren auch noch ein echter Durchbruch zu vermelden – und das ganz bildhaft: Im Schweiße ihres Angesichts und in monatelanger Umbauarbeit haben die Betreiber eine große Wand rausgerissen und aus dem einstigen Steheck eine hübsche kleine Trattoria gemacht, in der man nun auch nett sitzen kann. Der Pizza-Bahnhof ist nun also um ein Pizza-Bahnhofsrestaurant erweitert. Zu essen gibt es, was es auch vorher schon gab – zubereitet vom Chef persönlich. Doch landet die vor allem wegen ihrer Knusprigkeit beliebte Pizza aus dem Steinofen nun ohne Hitze- oder Aromaverluste direkt auf dem Teller des Gastes. Da ist, je nach Entfernung der heimischen Wohnung zu Giuseppe und der sich dadurch ergebenden Länge der Abkühlstrecke, für manchen ein ziemlich anderes Geschmackserlebnis. Da heißt es, ordentlich zu pusten, bevor das Essen in den Mund geschoben wird. So oder so nicht nötig ist das, wenn man einen der acht Salate wählt. Doch auch hier ergeben sich in der Restaurantversion neue Erfahrungen: Der Salat Contadina (6,50 Euro) mit knackigen Blattsalaten, Gurken, Tomaten, Peperoni, Oliven, eingelegten roten Paprika und dicken Schafskäsewürfeln ist eine kunterbunte Kreation, die auf dem quadratischen Teller mit den expressionistischen Balsamicospritzern deutlich malerischer daherkommt als in der Plastikschale für zu Hause. Als Hauptspeise bieten sich neben einer Palette von mehr als 40 Pizzen in vier verschiedenen Größen eine der fast 30 Pastavariationen sowie mehrere Schnitzel- und Rumpsteakgerichte. Das Schnitzel mit Pfeffersoße und Pommes (neun Euro) ist ein schlichtes, stimmiges und deftiges Essen: Das panierte Stück Fleisch hat eine angenehme Konsistenz, die dünnen Pommes sind gut gesalzen, die aromatische Schärfe der vielen Pfefferkörner wird durch die sämig-braune Soße im kulinarischen Sinne des Wortes eingerahmt. Und dass das Ganze trotz der Mächtigkeit nicht ungut im Magen liegt, ist ein gutes Zeichen. Dagegen etwas fade sind die Spaghetti Pomodorini e Basilico (sechs Euro) mit Olivenöl und ein paar Kirschtomaten und Basilikumblättern. Das Olivenöl ist schmackhaft, doch der Rest bedarf einer dringenden Nachwürzung. Kein Problem, es steht ein Versorgungstisch mit Salzsteuern und Pfeffermühlen parat. Und auf Wunsch gibt es auch geriebenen Parmesan aus einem rührenden Tontöpfchen in Form eines Käselaibs. Ein bisschen italienische Folklore schmückt auch den Rest des Lokals, vor allem in Gestalt einiger gemalter und gerahmter Impressionen von Venedig und anderen Sehnsuchtsorten in Bella Italia. Doch ansonsten ist der neue Gastraum mit knapp zehn Tischen stilvoll schlicht und gemütlich modern gehalten: Man sitzt auf dunkel gepolsterten Lederstühlen an naturbelassenen Holztischen, auf dem Boden hellbraune Steinfliesen, die Wände zabaionegelb geschwämmt und an der Stirnseite mit einer Bruchsteinmauer verziert. Viele kleine Lichtquellen schaffen eine hell strahlende Stimmung, ein Hingucker ist das gusseiserne Portal über dem Durchbruch. Neu ist auch, dass es hier nun Nachtisch gibt. Das hausgemachte Tiramisu kommt in einer Glastulpe daher und ist vor allem ein sahniger, saftiger Gaumenschmeichler. Auf die Kakaopulver-Oberschicht wurde verzichtet, auch Likör schmeckt man nicht durch. Dazu mundet wunderbar der charakterstarke Primitivo aus dem Weinangebot, das ebenso neu im Programm ist. Nur eine Speisekarte, auf der das alles steht, gibt es noch nicht. Zwischenzeitlich zurückgegriffen wird auf den Bestellzettel, den viele Watzeviertler von zu Hause kennen. Aus dem Pizza-Umschlagsplatz ist nun auch ein Ort geworden zum Niederlassen. Und diese Einladung wird allem Anschein nach gut angenommen. Nicht nur an einem Sonntagabend sind die Tische gut gefüllt mit Pärchen, Familien oder Freundegruppen. Und es gibt ständig was zu gucken, denn zwischen den Tür-auf-Tür-zu-Bewegungen im Eingangsbereich und dem ganzen Hallo läuft auch noch das Fernsehprogramm. Aber das Kiezkino in Echtzeit ist nicht zu schlagen.

Von lex