Wieso starren Sie so gerne an die Decke, Herr Eidinger?

Lars Eidinger

Schauspieler Lars Eidinger über sein schwieriges Verhältnis zum Netzwerk Instagram, Dreharbeiten mit Stars und seine Karrierepläne.

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Herr Eidinger, zur Vorbereitung auf unser Interview wollte ich mir Ihren Instagram- Account ansehen – und musste feststellen: Den gibt es gar nicht mehr. Was ist passiert?

Das ist komplex. Vor allem habe ich Insta­gram gelöscht, weil es mir nicht guttut. Ich behaupte, dass es ein toxisches Medium ist; man vergiftet sich da sukzessive. Langfristig macht es krank. Stefan Zweig hat nach dem Ersten Weltkrieg eine moralische Entgiftung Europas gefordert und ein Medium herbei­gesehnt, das in alle Sprachen übersetzt wird und sich der Liebe verschreibt. Mit dem Internet haben wir das heute eigentlich – aber wir nutzen es für Missgunst und Hass. Instagram ist kein soziales Medium, sondern ein anti­soziales. Ich möchte kein Teil davon sein.

Fehlt mit Ihrem Account jetzt nicht gerade ein Kontrapunkt?

Bei allem, was man als Künstler macht, geht es um Austausch. Man teilt sich mit, man löst beim Gegenüber etwas aus – und diesen Reaktionen darf man sich auch nicht verschließen. Ich kann mich der Bewertung gegenüber nicht dumpf machen. Und bei Insta­gram habe ich einfach gemerkt, dass mich das zu sehr aufregt. Selbst eine positive Rückmeldung macht ja was mit mir. Das regt mich auf. Das macht mich nervös. Das tut mir nicht gut.

Gab es einen konkreten Anlass, die App zu löschen?

In Cannes habe ich meinen US-Agenten getroffen und von meinem Konflikt mit den sogenannten sozialen Medien erzählt. Da hat er gesagt: „Delete it.“ (Lösch es.) Ich: „Es sind halt auch 190.000 Follower.“ Er: „Delete it.“ Ich: „Aber für mich ist es vielleicht auch wichtig, auf meine Veranstaltungen aufmerksam zu machen, auf die Ausstellungen und das Theater oder die Partys.“ Er: „Delete it.“ Am Ende bin ich um 1.30 Uhr ins Hotel gegangen und habe es gelöscht. Obwohl ich Bedenken hatte. Als ich im Bett lag, hatte ich existenzielle Ängste: Ich habe mich meiner Grundlage beraubt! Ich werde nicht mehr gesehen! Es gibt immer noch Momente, in denen ich Instagram vermisse. Trotzdem ist es eine Befreiung.

Das größte Gut der Künstler*innen ist ihre Glaubwürdigkeit; und die sehe ich in der Werbung bedroht, vor allem mir selbst gegenüber. 

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Lars Eidinger Schauspieler

Was machen Sie in der Zeit, die früher für das Handy draufging?

An die Decke starren. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, an die Decke zu starren.

An die Decke?

Die erste Inszenierung, in der ich mitgespielt hab, war Peter Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ am Deutschen Theater. Da habe ich einen „Raumverdränger“ gespielt. Die Raumverdränger hatten die Parole: Reiz statt Raum. Das ist genau das Prinzip der sozialen Medien. Die größte Sehnsucht in dem Stück war: Ruhe. Das meine ich mit dem An-die-Decke-Starren.

Wenn man auf Instagram 190.000 Follower hat – kommen dann PR-Leute, die einen überreden wollen, Werbung für Ultraschallzahnbürsten und Verjüngungstees zu machen?

Mir wurde viel angeboten, ja. Aber ich möchte nicht so indiskret sein, das zu verraten. So was muss jeder selbst mit seinem Gewissen vereinbaren. Ich habe nichts davon gemacht.

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Warum ist Werbung eine Gewissensfrage? Könnte man nicht sagen: Das ist schnell verdientes Geld, das man spenden kann?

Ich weiß nicht. Das ist so ein Robin-Hood-Gedanke, an den ich nicht glaube. Das größte Gut der Künstler*innen ist ihre Glaubwürdigkeit; und die sehe ich in der Werbung bedroht, vor allem mir selbst gegenüber. Hamlet verliert das Vertrauen zu seiner Mutter – und wird darüber wahnsinnig. In „Romeo und Julia“ gibt es eine noch viel extremere Stelle, in der Julia sagt: „Ich vertraue mir selbst nicht mehr.“ Dann ist man verloren. Also mache ich keine Werbung. Wenn ich mich instrumentalisieren lasse, entfremde ich mich und vertraue mir selbst nicht mehr. Ich werde jetzt aber kein Kollegen-Bashing betreiben. Andere kommen zu einer anderen Entscheidung.

Sie haben mit einer ganzen Reihe von Superstars gedreht: Kristen Stewart, Juliette Bi­noche, Greta Gerwig. Wie war das?

Letztes Jahr hat Reiner Holzemer einen Dokumentarfilm über mich gedreht: „Sein oder nicht sein – Lars Eidinger“. Und da äußern sich Isabelle Huppert, Juliette Binoche und Angela Winkler. Das ist für mich dann fast unwirklich – wenn diese Frauen so, na ja, von mir schwärmen. Für mich ist das so, als wenn es sie schon immer gegeben hat und immer geben wird. Ich könnte mich auch gut damit arrangieren, sie zu bewundern, ohne dass es auf Gegenseitigkeit beruht.

Sie haben sowohl mit Robert Pattinson gedreht als auch mit Kristen Stewart – den Stars der „Twilight“-Filme. Ist das etwas, womit man heute noch bei seiner Tochter Eindruck machen kann?

Meine Tochter beeindrucken ganz andere Sachen – keine Berühmtheiten. Über Robert Pattinson kann ich nicht viel berichten; wir waren in einem gemeinsamen Film, haben da aber nicht wirklich miteinander gespielt. Von Kristen Stewart habe ich aber sehr viel gelernt. Sie hat mir gesagt, dass sie am Set keine Anweisungen umsetzen kann. Wenn ein Regisseur ihr sagt: Spiel mal so oder so – dann würde sie immer scheitern. In meinen Augen ist das gerade ihre Stärke. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unmittelbar; und das macht sie so präsent.

Dabei kommt sie aus einer Blockbuster-Welt, wo von einem Jugenddarsteller vermutlich genau das Gegenteil erwartet wurde. Haben Sie die „Twilight“-Filme gesehen?

Ich habe die erst ziemlich spät mal im Flugzeug gesehen und mir haben sie gut gefallen. Es geht ja um was ganz Essenzielles, fast wie bei „Romeo und Julia“. Es geht ums Sterben und ums Leben und um die Frage, was ein ewiges Leben eigentlich bedeutet. Mich hatte schon immer der Gedanke fasziniert, dass Untote unglückliche Menschen sind. Man denkt ja, ein Leben ohne Tod müsste schön sein. Aber Vampire sind nicht ohne Grund von einer Melancholie umwölkt. Und dann zu sehen, wie Robert Pattinson sie als Vampir unbedingt küssen will, wie er das leidenschaftlich will, aber weiß, in welche Situation er sie damit bringt. Dass er ihr damit die Sterblichkeit nimmt. Das ist doch ein großer philosophischer Ansatz. „Twilight“ ist wie eine Etüde über die Abhängigkeit von Leben und Tod. Am Ende hat es auch was Tröstliches: dass das Leben endlich ist.

Im Film „White Noise“ spielen Sie an der Seite von Greta Gerwig und Adam Driver. Das sind nicht nur Topstars des amerikanischen Independent-Films; Driver ist auch noch eine Hauptfigur im „Star Wars“-Universum. In welche Richtung zieht es Sie mehr?

Es ist ein Irrglaube, dass man sich als Schauspieler*in seine Rolle aussuchen kann oder irgendeinen Einfluss auf die Angebote hat. Ich sage nicht: Jetzt habe ich Lust, mal einen Film mit Adam Driver zu drehen, und dann klappt es. Das passiert einfach. Am Set besteht dann die Schwierigkeit darin, nicht starstrucked zu sein, aber auch nicht so zu tun, als wäre es das Normalste auf der Welt. Das ist es einfach nicht.

Können Sie Ihren Agenten nicht bitten, nach bestimmten Büchern oder Regisseuren Ausschau zu halten?

Also, meinem Agenten habe ich so was wirklich noch nie gesagt. Man kann nur warten, was kommt. Ich habe einfach Glück, dass Regisseur*innen mich in so unterschiedlichen Zusammenhängen denken. Da hilft mir auch das Theater. Meine Rolle in „Alle Anderen“ habe ich damals bekommen, weil mich die Casterin Nina Haun auf der Bühne gesehen hat. Die Theaterrollen regen die Fantasie an. Das ist bei Filmen anders. Wenn ich nach „Alle Anderen“ für Rollen vorgeschlagen wurde, hieß es vonseiten der Redaktion: Lars Eidinger – das ist doch so ein Prenzlauer-Berg-Schluffi. Die haben mich in dem einen Film gesehen und dachten: Ich bin so. Trotzdem würde ich sagen, dass ich immer noch von „Alle Anderen“ profitiere. Weil er ein gewisses Niveau voraussetzt. Und ein bisschen habe ich die Hoffnung, dass sich das mit Noah Baumbach und „White Noise“ wiederholen könnte. Weil das ein sehr guter Einstieg ist, um in Amerika Filme zu drehen.