Weißes Rauschen soll weinende Babys beruhigen und Erwachsenen...

Jeder von uns hat schon mal weißes Rauschen gehört: Regenprasseln, ein Wasserfall oder das schwarz-weiße Bildrauschen im analogen Fernsehen sind Beispiele für solche Geräusche. Foto: AdobeStock – sianstock   Foto: AdobeStock – sianstock

Trudy konnte wieder nicht einschlafen. Es war 1962. Sie und ihr Mann, der Händler Jim Buckwalter, waren nach einer langen Reise wieder zu Hause. Kaum lagen sie im Bett, war sie...

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. Trudy konnte wieder nicht einschlafen. Es war 1962. Sie und ihr Mann, der Händler Jim Buckwalter, waren nach einer langen Reise wieder zu Hause. Kaum lagen sie im Bett, war sie wieder hellwach. Nichts half. „Was ist denn mit mir los?“, fragte sie sich besorgt. Auch Jim machte sich Gedanken über die Schlaflosigkeit seiner Frau. Unterwegs konnte sich Trudy immer hervorragend ausruhen. Was war denn anders in den Motels, in denen sie übernachteten? An den Betten lag es nicht, und auch das Licht war nicht das Problem. War es vielleicht die Klimaanlage? Das gleichmäßige mechanische Summen? Vielleicht. Das könnte es sein, dachte Jim und stand auf.

Jeder von uns hat schon mal weißes Rauschen gehört: Regenprasseln, ein Wasserfall oder das schwarz-weiße Bildrauschen im analogen Fernsehen sind Beispiele für solche Geräusche. Foto: AdobeStock – sianstock   Foto: AdobeStock – sianstock
Ein älteres Werbeplakat der US-amerikanischen Firma Marpac zeigt das Gerät Sleep Mate, das ein gleichmäßiges Rauschen erzeugt und beim Einschlafen helfen soll.Foto: Marpac  Foto: Marpac

Er ging in die Garage und fing an zu basteln. Dafür nahm er das, was er gerade zu Hause finden konnte: den Blechnapf seines Hundes und einen kleinen motorisierten Ventilator, den er in die Schüssel montierte. Am nächsten Abend führte Jim seinen „Sound Conditioner“ Trudy vor und siehe da – er wirkte! Die erste Schlafmaschine war erfunden.

So oder so ähnlich klingt die Gründungslegende der Firma Marpac aus dem US-samerikanischen Bundesstaat North Carolina. Das Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von Einschlafhilfen für Babys und Erwachsene spezialisiert und verkauft sie mittlerweile weltweit.

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Das Prinzip, das hinter diesen Geräten steckt, nennt man in der Akustik „White Noise“, weißes Rauschen – ein gleichmäßiges Geräusch, in dem alle akustischen Frequenzbereiche gleich stark vertreten sind. Jeder von uns hat schon mal weißes Rauschen gehört: Regenprasseln, ein Wasserfall oder das schwarz-weiße Bildrauschen im analogen Fernsehen sind Beispiele für solche Geräusche.

Hunderte Apps und Videos auf YouTube

Doch weißes Rauschen ist weitaus mehr als das. Es ist ein Geschäftsmodell geworden. Es gibt Hunderte Apps für das Smartphone und Tausende Videos auf der Video-Plattform Youtube, die teilweise stundenlange Aufnahmen anbieten, die beim Einschlafen, Entspannen oder sich Konzentrieren helfen sollen. Dutzende Unternehmen bieten White-Noise-Maschinen in verschiedenen Formen als Einschlafhilfe an. Besonders bei Neugeborenen soll weißes Rauschen eine geradezu wundersame Wirkung haben.

Die Babyfotografin Rinie Santamaria aus Gießen benutzt während ihrer Shootings seit Jahren einen White-Noise-Generator. „Jeder meiner Kollegen, der mit Babys arbeitet, hat so ein Gerät oder eine App“, meint sie. Das Gerät, etwa so groß wie eine 0,5 Liter-Trinkflasche, produziert Geräusche, die wie ein gleichmäßiges „Sscchhh“-Flüstern klingen. Ihre Erfahrung damit ist erstaunlich: Bei neun von zehn Babys gibt es eine sofortige beruhigende Wirkung. „Die Kinder, die bei mir im Studio sind, weinen weniger, wenn sie das gleichmäßige Geräusch hören. Sie schlafen schneller ein und sind einfach ruhiger.“

Sie selbst fühlt sich vom ständigen Rauschen überhaupt nicht gestört: „Man ignoriert das Geräusch sehr schnell.“ Und wenn es mal mit dem Gerät nicht funktioniert, benutzt sie einfach einen Föhn. „Ich höre auch immer wieder von Eltern, die sich nach dem Shooting auch so ein Gerät bestellen, dass es wahre Wunder wirkt.“

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Rauschen überdeckt andere Geräusche im Raum

Doch warum wirkt weißes Rauschen beruhigend? Eine mögliche Erklärung lautet: Das gleichmäßige Geräusch erinnert Neugeborene an die Geräusche im Mutterleib. Eine US-Studie aus dem Jahr 1989 beschäftigte sich mit der Wirkung von White Noise auf Babys, die zwei bis sieben Tage alt waren. Ihre Ergebnisse zeigten, dass 80 Prozent der Kinder, die mit weißem Rauschen bestrahlt wurden, innerhalb von fünf Minuten einschliefen. In der Kontrollgruppe, die ohne Geräusche schlafen sollte, waren es hingegen nur 25 Prozent.

Der Psychologe Daniel Oberfeld-Twistel von der Universität Mainz hat eine andere Erklärung für das Phänomen: Eine stille Umgebung ist für Säuglinge zu reizlos und somit uninteressant. „Ein Baby möchte nicht einfach entspannt herumliegen, sondern etwas erleben. Jegliches Geräusch macht die Umgebung interessanter für ihn.“ Dass weißes Rauschen die Konzentration von Erwachsenen fördern soll, liegt seiner Meinung nach daran, dass es andere Geräusche, wie beispielsweise die Gespräche im Großraumbüro, überdeckt.

Der Psychoakustiker Professor Wolfgang Ellermeier von der TU Darmstadt sieht es ähnlich: „Weißes Rauschen oder jedes gleichmäßige Rauschen stört das Kurzzeitgedächtnis nicht: Die Leistung mit weißem Rauschen ist genauso gut wie die Leistung in kompletter Stille.“ Die beruhigende und schlaffördernde Wirkung des Geräusches sei aber zu wenig erforscht. „Ich glaube, das muss wissenschaftlich noch besser untersucht werden.“ Zwar gebe es positive Erfahrungen mit White-Noise-Generatoren, aber: „Wenn man das im Labor nicht zehn Mal getestet hat, dann glauben wir es Wissenschaftler einfach nicht.“

Von Neli Mihaylova