Die ganze Welt ein Lazarett

Ein Krankensaal voller Grippepatienten in den USA im Jahr 1918. Foto: Dr. Terrence Tumpey /  Cynthia Goldsmith (CDC)

Vor 100 Jahren rafft die „Spanische Grippe“ Hunderttausende dahin. Warum Wissenschaftler nicht ausschließen, dass eine ähnliche Seuche jederzeit wieder ausbrechen könnte.

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. Binnen weniger Stunden waren die Kinder der Familie Riedinger aus der Gemeinde Mosbach Vollwaisen. Am Tag zuvor hatte der Vater mit Lungenentzündung zu Bett gelegen, berichtet das Heidelberger Tagblatt am 24. Oktober 1918. „Nach einem Tag ist er schon gestorben.“ Die Schwiegermutter, ebenfalls an Grippe erkrankt, „hauchte daraufhin abends ihr Leben aus“. Die Ehefrau starb nur eine Stunde später.

Ein Krankensaal voller Grippepatienten in den USA im Jahr 1918. Foto: Dr. Terrence Tumpey /  Cynthia Goldsmith (CDC)
Zwei Amerikanerinnen mit „Influenza-Masken“. Foto: Library of Congress, Washington / Bearbeitung Vitalis Verlag

Die Zeitungen nicht nur in Baden, sondern auch in Hessen und in der Pfalz waren zu dieser Zeit voll von Todesanzeigen. Es waren auffallend viele junge Menschen, die „plötzlich“ verstarben – nicht in Gefechten an der Front, sondern in kleinen, abgelegenen Orten, wo sich eine „rätselhafte Krankheit“ ausbreitete, die aus Spanien zu stammen schien. Für Historiker wie Mediziner birgt die Spanische Grippe von 1918 und 1919 auch 100 Jahre danach eine ungeheure Faszination. Denn noch heute kommt es alle paar Jahre zu Grippe-Pandemien – also Virusinfektionen, die sich global ausbreiten. Quellen gibt es genug: Wasservögel bieten ein fast unerschöpfliches Reservoir. In ihrem Körper befinden sich viele Varianten von Influenza-Viren, die sich untereinander neu kombinieren können. Damit werden sie kompatibel für andere Tiere – und für den Menschen.

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Bei der Spanischen Grippe waren es vermutlich Schweine, die zum tödlichen Mischgefäß für das Virus wurden: „Vieles deutet darauf hin, dass die Pandemie im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas ihren Anfang genommen hat“, sagt der aus Österreich stammende Medizinhistoriker Harald Salfellner. Zehn Jahre hat er über die Spanische Grippe geforscht. In amerikanischen Lokalmedien fand er Meldungen, in denen von einer Influenzawelle im Frühling 1918 die Rede war. „Junge Männer, die als Soldaten aus der Gegend rekrutiert wurden, könnten das Virus weiterverbreitet haben“, meint Salfellner. „Völlig verbrieft ist die Theorie, dass die Spanische Grippe mit dem Truppenschiff in die Welt getragen wurde, aber nicht.“ In China grassierte kurz zuvor eine ähnliche Krankheit. „Letztlich kann keiner mit Sicherheit sagen, woher genau das Virus stammt.“

Anfangs wurde die Gefahr total unterschätzt

Unstrittig ist, dass der Erste Weltkrieg ideale Bedingungen für die Ausbreitung bot: In den Militärcamps waren Zehntausende Soldaten dicht an dicht untergebracht. In den Lazaretten steckten sich die Verwundeten gegenseitig an, Heimkehrer brachten das Virus in die Familien. Dass alle Welt von der „Spanischen Grippe“ sprach, war ebenfalls dem Krieg geschuldet: Spanien war neutral, die Presse unterlag keiner Zensur. Daher wurde dort eifrig über das Einbrechen eines rätselhaften Fiebers berichtet, das selbst den König ans Bett fesselte. Über die Krankheitsausbrüche in Kriegsländern wie Deutschland gab es nur wenige Texte. „Zudem hat man die Gefährlichkeit des Virus anfangs komplett unterschätzt“, so Salfellner.

So entwickelte sich die Spanische Grippe in drei Wellen bis Sommer 1919 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte, mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge gar 100 Millionen Toten. Im Deutschen Reich sollen ihr 426 000 Menschen zum Opfer gefallen sein.

Obwohl das Virus längst im Labor nachgebaut und genetisch entschlüsselt wurde, können Experten bis heute den Grund für seine Aggressivität nur vermuten: „Das Virus entstand aus einer Vermischung von Vogel- und Säugetierviren und konnte beim Menschen eine ungewöhnlich starke Abwehrreaktion hervorrufen“, sagt Stephan Ludwig von der Deutschen Gesellschaft für Virologie. Das wurde gerade der Altersgruppe zum Verhängnis, die sonst recht gut eine Influenza übersteht: „Bei den 20- bis 40-Jährigen kam es wohl zu einer überschießenden Immunreaktion“, sagt Ludwig. Die Körperabwehr richtet sich mit solcher Kraft gegen die von Viren infizierten Zellen, dass auch nicht betroffenes Gewebe zerstört wurde. Bakterien, die Folgeinfektionen auslösen wie die Lungenentzündung, haben leichtes Spiel. Es war nicht das Virus allein, ist Ludwig sicher, der an der Universität Münster die Forschung am Institut für Virologie leitet. „Man muss die Umstände der damaligen Zeit berücksichtigen: Die chaotische Kriegszeit, und Grippemedikamente sowie Antibiotika, die bei Lungenentzündung hätten eingesetzt werden können, gab es nicht.“ Hinzu kam das fehlende Wissen über die Mikrobiologie: Anfang des 20. Jahrhunderts waren Viren unbekannt. Die Wissenschaft hatte gerade die Bakteriologie entdeckt. Viele waren überzeugt, dass auch der Auslöser der Grippe ein Bakterium sein müsse. Nach und nach wurde klar: Irgendetwas anderes, noch viel Kleineres musste der Auslöser sein.

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Der Erreger der Spanischen Grippe wurde später als H1N1-Virus identifiziert. Seitdem trat er in ähnlicher Form in Erscheinung: Zunächst bei der Asiatischen Grippe 1957, als Auslöser der Hongkong-Grippe 1968 und der Schweinegrippe im Jahr 2009. Seit Jahrzehnten überwacht die Weltgesundheitsorganisation WHO die Verbreitung dieser Influenza-Viren: des Virus H5N1 etwa oder des H7N9. „Beide können von Tieren auf den Menschen übergehen mit teils tödlichen Folgen“, sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut in Berlin. „Doch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung klappt noch nicht.“ Dazu bräuchte es vermutlich aber nur wenige Mutationen. „Eine Influenzapandemie ist eine große Herausforderung“, erklärt Glasmacher. „Der Verlauf und die Schwere lassen sich fast nicht vorhersagen.“ Eine weitere Hürde ist das zeitnahe Bereitstellen eines passenden Impfstoffs. „Bis dieser entwickelt ist, muss versucht werden, die Verbreitung der Viren möglichst stark zu bremsen“, so Glasmacher. Etwa indem Kranke strikt isoliert werden. Für viele Experten ist das unbefriedigend. Auch Salfellner hofft, dass in naher Zukunft eine Art Breitband-Impfung entwickelt wird, die gegen möglichst viele Virustypen wirkt. Doch das wird noch einige Jahre dauern. Der Historiker sieht einen Zeitdruck, denn: „Die nächste Pandemie wird kommen.“

Von Regine Warth