Wiesbadener Terroropfer: Kampf um ein glückliches Leben

Stefan W. dieser Tage in seiner Heimat Wiesbaden. Beim Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 trug er schwerste Verletzungen davon. Fotos: Harald Kaster

Stefan W. entging nur durch ein Wunder dem Tod, als Anis Amri 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt Menschen ermordete. Stefan W. ist zorniger denn je: „Der Staat hat versagt.“

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WIESBADEN. Wie spricht man über seine eigene Ermordung? Vor wenigen Wochen, am 8. November, hielt der Wiesbadener Stefan W. (59) in Berlin einen Vortrag über seinen Beinahe-Tod. Er sprach beim Ethik-Tag des Bundeswehrkrankenhauses. Darüber, dass er beim Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 aufs Schwerste verletzt wurde. Dass er nur durch ein Wunder überlebte. Wie spricht man darüber, dass man von einem islamistischen Terroristen mit einem Lastwagen in brutalster Tötungsabsicht niedergewalzt wird? Darüber, dass man mehrmals – weil die Verletzungen so fürchterlich sind – in größter Todesgefahr schwebt, obwohl die Ärzte kämpfen und alles geben?

Wie spricht man darüber, durch Nahtoderfahrungen zu gehen und entschieden „Nein“ sagen zu können zum Tod, obwohl er verlockender erscheinen mag als all die Schmerzen? Um dann, nicht zuletzt dank ärztlicher Kunst im Berliner Bundeswehrkrankenhaus und in der Charité, tatsächlich zu überleben. Und wie man dann, eben an diesem 8. November 2018, zurückkehrt – ausgerechnet nach Berlin, obwohl dies der Ort ist, der fast den Tod brachte. Zurückkehrt nicht etwa im Rollstuhl, sondern auf eigenen Beinen. Zurückkehrt nicht als gedemütigtes Opfer, sondern als Vortragender, dem das Publikum stehend applaudiert.

Stefan W. spricht an diesem 8. November exakt und geschliffen, wie es seine Art ist, wie früher, als Manager eines Industrieverbands mit Arbeitsplatz in Berlin und Heimat in Wiesbaden, wo er geboren wurde, wo er konfirmiert wurde und wo er heute lebt.

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Kurz vor seinem Vortrag hatte Stefan W. die Berichte von Pathologen gelesen. Sie schilderten, was sie am 19. Dezember 2016 nach dem Terroranschlag vorgefunden hatten: zerteilte, zerstückelte Leichen. „Kühl und sachlich“, sagt Stefan W., hätten sich die Pathologen geäußert, „aber hinter dieser Kühle spürte man Verwunderung, dass Menschen das überlebten.“ Stefan W. weiß, dass „kühl und sachlich“ ein Selbstschutz ist, um in der Katastrophe professionell zu agieren.

Er habe sich dann umso mehr gefragt, warum gerade er überlebte. „Ich habe fünf Antworten gefunden“, schildert Stefan W.: „Es war göttliche Fügung. Ich war zum Zeitpunkt der Verletzungen körperlich total fit. Ich hatte die besten Ärzte und Pfleger und den aufopferungsvollen Rückhalt meiner Familie und meiner Freunde. Und ich wollte nicht sterben.“

Rückblick. Berlin, 19. Dezember 2016:

Stefan W. geht nach der Arbeit ins Kaufhaus KaDeWe. Er kauft Weihnachtsgeschenke. Dann nimmt er eine Abkürzung über den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, um schneller nach Hause zu kommen. In diesem Augenblick rast der islamistische Terrorist Anis Amri in die Menge und ermordet zwölf Menschen. Stefan W. erleidet das, was in kühler Medizinersprache „Überrolltrauma“ heißt.

Knapp zwei Jahre später, Berlin, 8. November 2018. Stefan W. hat seinen Vortrag im Bundeswehrkrankenhaus zu halten – er geht aber auch ins KaDeWe. Er läuft zum Ausgang, nimmt, unbewusst oder nicht, dieselbe Tür Richtung Breitscheidplatz – wie damals an seinem Schicksalstag. Als er merkt, was er da gerade tut, wird ihm schwindelig. „Ich hab‘ mir dann aber gesagt“, berichtet er dem Reporter heute, „reiß dich bloß zusammen.“

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Reiß‘ dich bloß zusammen. Das ist der Satz, der Stefan W. besser charakterisiert als alles andere. Eine bewundernswerte Disziplin prägt diesen Mann. Auch gesundes Selbstbewusstsein, aber zugleich Demut, wenn er Sätze sagt wie: „Ich bin halt Naturwissenschaftler, ich kann ungefähr einschätzen, wo ich gesundheitlich stehe.“ Oder: „Als Patient muss man geduldig sein und dankbar, aber immer auch aufmerksam.“ Anfang Dezember 2018 hat er eine Rehamaßnahme beendet, die ihm, wie er sagt, die Kraft raubte. „Sie sind ein medizinisches Wunder“, hatte ihm ein Arzt dort anfangs erklärt. Was gewiss nicht falsch war. Aber der dankbare Patient nimmt sich dann schon auch das Recht, eine Maßnahme abzubrechen.

Rückblick. Berlin, Februar 2018, 14 Monate nach dem Anschlag:

Besuch bei Stefan W. in der Berliner Charité. An seiner Seite: seine Frau. Er sagt, er wolle nicht hadern. Er hasse den Terroristen Anis Amri nicht. Er bedauere aber auch nicht, dass jener von Polizisten getötet wurde. „Ich will später wieder arbeiten“, betont er damals. Er wirkt entschlossen, aber noch verletzlich. Wie denn auch sonst? Dass er in der Geschichte, die im Februar 2018 in dieser Zeitung steht, „Bernhard C.“ heißt, hat mit dieser Verletzlichkeit zu tun. Stefan W., exakt: Dr. Stefan W., ist nun sein richtiger Name, nur abgekürzt.

Fast eineinhalb Jahre bleibt er nach dem Terroranschlag in Berlin, zunächst auf der Intensivstation, dann in einer Reha-Einrichtung. Immer an seiner Seite:seine Frau. Telefonat Anfang April. „Die Berliner wollen mich noch ein bisschen hierbehalten“, sagt er. Man hört, dass die Zuversicht die Nachdenklichkeit bekämpfen muss. „Wenn die Berliner einen mal in den Fingern haben, lassen sie ihn so schnell nicht los“, sagt der Reporter. W. stimmt lachend zu.

Stefan W. hat bei aller Trauer und Erschütterung seine Empathiefähigkeit nie verloren. Die Heimkehr nach Wiesbaden Ende April 2018, nach eineinhalb Jahren, hoch emotional, wie er schildert: „Auf der Autobahn nach eineinhalb Jahren wieder das Wiesbadener Kreuz zu sehen, den Wald ringsum, der blüht zu dieser Jahreszeit, das ist schon eine bewegende Symbolik: Das Leben kehrt zurück.“

In jenem April 2018 ist Mobilität „eine stete Herausforderung“, „der Gang zur Apotheke, den Berg hoch“, berichtet Stefan W. „Wir haben mit kleinen Spaziergängen angefangen“, ergänzt seine Frau. Stefan W.s Humor ist leise und angenehm, neigt aber bisweilen zum Sarkasmus, dem guten Bruder des bösen Selbstmitleids. Spuren von Selbstmitleid sind auch bei scharfer Beobachtung nicht festzustellen an Stefan W. Auch nicht, wenn er mit leisem Lächeln sagt: „Ich bin ein Wrack.“ Nein, in Wahrheit kann er das schon einschätzen.

In einem Netz von Familie und Freunden geborgen zu sein, ein schönes Gefühl, betont er. Die Familie, die Töchter, die Ehefrau, deren Hand er im Gespräch sucht und sie seine, die mit einem Lächeln von sich sagt, sei wohl eine „Helikopter-Ehefrau“, wie Helikopter-Eltern jemand, der voller Zuneigung aber womöglich über das objektiv notwendige Maß hinaus besorgt über alles wacht.

Die Geschichte des Stefan W. und seiner Familie ist eine Geschichte von Hoffnung, die von Mut, Stärke, zugleich von Liebe getragen wird und nicht zuletzt vom Glauben, von Gottvertrauen. Immer, wenn es ihm besonders schlecht gegangen sei, sagt Stefan W. damals wie heute, habe er an das Leitwort zu seiner Konfirmation gedacht, einen Satz des Propheten Jeremia: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“

Wiesbaden, Mittwoch, der 12. Dezember 2018:

Stefan W. nimmt die Stufen im Treppenhaus in Angriff wie jemand, dem daran gelegen ist, nicht den Hauch eines Zweifels aufkommen zu lassen, weder bei sich noch bei anderen, dass Derartiges eine Selbstverständlichkeit sei. Dass dennoch Verletzlichkeit ein Schicksal ist, dem kein Mensch entrinnt, wird ihm und den Seinen gerade in diesen Tagen wieder schmerzlich bewusst. Bei einem Terroranschlag in Straßburg sind Menschen ermordet worden. „Unsere Tochter“, berichtet Stefan W. ernst, „geht nicht mehr dahin, wo größere Menschenansammlungen sind.“ Und er? Geht er auf Weihnachtsmärkte, in Mainz oder Wiesbaden? „Ach, ich geh da schon hin.“ Eine Antwort, die seiner Frau nicht gefallen kann. Sie sagt: „So etwas wie Straßburg hinterlässt auch bei uns tiefe Spuren.“ Man könne da nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Stefan W. und seine Frau sind nicht bereit, zur Tagesordnung überzugehen. Sie hatten schon vor Monaten in Berlin gemahnt: Hoffentlich würden alle etwas lernen aus diesem Anschlag, die Politik, die Polizei, diejenigen, von deren Hilfe das Leben von Menschen abhängt. Die W.s sind heute sehr wütend, womöglich noch wütender als vor Monaten: „Der Staat versagt. Der Staat ist nicht in der Lage, seine Bürger zu schützen. Das ist ein Armutszeugnis, furchtbar.“

Die meisten Politiker und die Bürokratie wollten mit dem Leid und den anderen Folgen von Terroranschlägen in Wahrheit nichts zu tun haben – so das sichere Gefühl der Familie W.: „Merkel sagt nur: weiter so.“ In England gehe die Queen zu Anschlagsopfern, Merkel habe lange gezögert. „Der Staat hält noch nicht einmal genügend Polizisten vor. Als in Wiesbaden die Erdogan-Statue aufgestellt wurde, mussten mit größter Mühe alle Beamten aus den Revieren zusammengekratzt werden.“

Und, ja, Stefan W. hat auch juristische Streitigkeiten mit der Bürokratie. Immerhin: Der Terroranschlag vom Breitscheidplatz ist nun als „Wegeunfall“ anerkannt. Stefan W. war aus seinem Büro gekommen; die Abkürzung über den Breitscheidplatz hätte, beabsichtigten Glühweinkonsum unterstellt, Zweifel wecken können, ob ein Weg zum oder vom Arbeitsplatz vorliege. Der Terroranschlag als Wegeunfall – als Gedanke objektiv interessant, für Opfer aber vielleicht skurril oder demütigend, weil der Verlust von Versorgungsleistungen droht.

Auch über die Höhe des Schmerzensgeldes gibt es noch juristischen Streit. In absolutem Kontrast zum Gebaren der Politik stehe das vorbildliche und wohltuende Verhalten seines Arbeitgebers, betont Stefan W. „Dort hält man mir alle Möglichkeiten offen und nimmt wirklich Anteil.“

Stefan W. ist mit ungebrochenem Mut dabei, zurück ins Leben zu finden. Er ist – auf ganz besondere Weise – unterwegs. Die physische Seite: Pro Woche dreimal Physiotherapie, dreimal medizinisches Training an Geräten, einmal Osteopathie. Zu Ärzten, erzählt er, „gehe ich derzeit gar nicht mehr so oft“. Die mentale Seite: Besorgnis, dass das Thema Operationen – nach fast 40 – noch nicht völlig abgeschlossen sein könnte. „Schnell abgeschlossen“ habe er das Thema „Terrorist Amri“. Aber Stefan W. erzählt auch von seinen früheren Albträumen, in denen südländisch aussehende Männer ihm nach dem Leben trachteten. „Ich habe mir schon überlegt, ob ich Anis Amri vor dem Aufprall in der Kabine des Lkw gesehen habe.“

Scharf nachdenken, ohne ins Grübeln zu verfallen, das ist bezeichnend für Stefan W. Er setzt sich klare Ziele. „Meine Ziele in Berlin waren: raus aus der Intensivstation, dann raus aus der Reha, irgendwann wieder arbeiten“. Die Körpersprache in diesem Dezember 2018: drahtig, aufmerksam. Freizeitkleidung, Jeans, Pulli, elegant, leger. „Als ich in Berlin mit Reha anfing, wog ich 50 Kilo. Jetzt 75.“

Wiesbaden, Freitag, der 14. Dezember:

Spazierengehen am Waldrand. Es fällt ihm leichter als manchem, der nie verletzt war. Aber vielleicht schwerer als früher. Er setzt sich höchste Maßstäbe. Die bringen ihn nach vorne. Aber sie können ihn beim Nachdenken auch zu Erkenntnissen führen, die schmerzlich sind. Zunächst. Das Ziel, vollständig in den Beruf zurückzukehren, stehe in Frage. Das wiegt bleischwer. „Früher war ich extrem fit“, sagt er. „Aber jetzt spüre ich körperliche Grenzen, über die ich wohl nicht mehr hinwegkomme.“

Radfahren und anderer intensiver Sport seien wohl kaum noch möglich. Er verfüge nur noch über die Hälfte eines durchschnittlichen Lungenvolumens. „Beim Treppensteigen merkt man das.“ Was die roten Blutkörperchen angehe: Da wäre EPO hilfreich, einer breiten Öffentlichkeit vor allem als Doping im Hochleistungssport bekannt, „aber die Spritzen tun so was von weh.“

Wenn einem all das zu Bewusstsein komme – „das ist der entscheidende Punkt, den musste ich erst mal verdauen.“

Traurigkeit spricht da mit, aber kein Selbstmitleid. Als sich Stefan W.s Frau am Tag des Terroranschlags, an jenem 19. Dezember 2016, von Wiesbaden aus mit dem Auto auf den Weg nach Berlin machte – am Steuer Stefan W.s bester Freund – erhielt sie unterwegs mehrmals die Nachricht, sie werde ihren Mann vermutlich nicht mehr lebend antreffen. Heute sagt sie zu ihrem Mann: „Du kannst deinen ganzen Tagesablauf komplett ohne jede fremde Hilfe gestalten.“ Das sind die beiden Pole, zwischen denen sich das Leben der W.’s entschieden hat – zu ihren Gunsten. Niemand weiß das besser als er. Er sagt: „Ich kann einschätzen, wo ich stehe.“

Da mögen viele Dinge des täglichen Lebens banal klingen, sind es aber nicht. Sie: „Wir haben uns intensiv mit Ernährung befasst. Kartoffeln fallen zum Beispiel weg.“ Es geht um Kalium. Er: „Wir haben gelernt, welchen Lebensmitteln man trauen kann.“ Sie: „Wir haben uns auseinandergesetzt, ob man ein Glas Wein trinken kann.“ Er (von Beruf Wissenschaftler): „Du hast eine Wissenschaft daraus gemacht.“ Er zieht das entscheidende Resümee: „Ich habe, mit kräftigen Abstrichen, ein lebenswertes Leben. Ich bin froh und glücklich...“ – kaum spürbares Atemholen – „...trotz dieser Abstriche.“

Wiesbaden. Mittwoch, der 19. Dezember 2018. D e r 19. Dezember:

Es ist der zweite Jahrestag des Terroranschlags. Aber es ist nicht nur das. Vor 34 Jahren, am 19. Dezember 1984, wird Stefan W. bei einem Verkehrsunfall nahe Heidelberg lebensgefährlich verletzt. Beteiligt: ein Lkw. „Zweimal der 19. Dezember, zweimal ein Lkw“, sagt er, und sein Lächeln sagt: „Reiß dich zusammen.“

Die Fernsehbilder der Berliner Gedenkveranstaltung spielen für ihn keine Rolle an diesem Tag, „das tue ich mir nicht an“. Abends sitzen die W.s beisammen mit Stefan W.s bestem Freund und dessen Frau, jener Freund, der Stefan W.s Frau am 19. Dezember 2016 nach Berlin fuhr. Das Treffen sei schon sehr bewusst geplant worden, auf dieses Datum hin, „aber es war dann nicht das Hauptthema unserer Gespräche.“ Es sei mehr um Urlaube gegangen, „unsere Freunde haben Wein mitgebracht, aus Australien“.

Bei seiner Familie löse der 19. Dezember Schrecken aus, berichtet Stefan W., „bei mir nicht“. Der Reporter fragt: „Denken Sie, man entgeht seinem Schicksal nicht?“ „Man kann es Schicksal nennen, aber ich nenne es lieber Gottes Fügung“, antwortet er – freundlich, in sich ruhend.