Von Weltschmerz und Wölfen: Das sind die ESC-Teilnehmer

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Solokünstler und Bands, Balladen und Bass, Skurriles und Gefühlvolles - der Eurovision Song Contest bietet 2022 wieder das volle Programm. Fotos: dpa

Am Samstag ist es wieder soweit: das Finale des Eurovision Song Contest steht an. Wir haben uns die Beiträge der 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer genauer angeschaut.

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MAINZ/WIESBADEN. Und? Getränke kaltgestellt? Wohnzimmer mit Landesfahnen geschmückt? Tippzettel ausgelegt? An diesem Samstag steigt die wohl größte Musikparty der Welt, das Finale des Eurovision Song Contest. Wir verraten, sortiert nach Startnummer, welchen der 25 Wettbewerbsbeiträge Sie keinesfalls verpassen sollten – und bei welchen man die Körner in einer Packung Reis zählen oder kontrollieren könnte, ob das Licht im Kühlschrank auch wirklich aus ist.

1. Tschechien

Von allen Teilnehmern hat We Are Domi aus Tschechien die kürzeste Ruhezeit zwischen den beiden Auftritten: Ihr Beitrag ging als letzter des zweiten Halbfinales ins Rennen und eröffnet mit Startnummer 1 das Finale. Der Song „Lights Off“ gehört in die Kategorie FGGAA – fängt ganz gut an, aber ... Ein Wort der Warnung: Die Bühnenshow mit irrem Stroboskopgewitter ist nichts für Lichtempfindliche.

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2. Rumänien

Das kommt davon, wenn die Oma zu viele spanische Telenovelas schaut: Rumänien schickt mit WRS einen Künstler ins Rennen, dessen Song man nicht nur wegen des Titels „Llámame“ eher auf der iberischen Halbinsel als im Land der Karpaten verorten würde. Dass WRS seine Karriere als Tänzer begann, kann (und will) er auf der Bühne nicht verleugnen. „Llámame“ hat Sommerhit-Potenzial.

3. Portugal

Kurz mal die Bedeutung von „Saudade“ gewikit: „Saudade ist eine spezifisch portugiesische und galicische bzw. lusophone Form des Weltschmerzes, die auch in Ländern der Lusophonie verbreitet ist.“ So viel dazu. Der Song „Saudade, Saudade“ von Maro verbreitet eine gebetsartige, fast hypnotische Wirkung. Aber Achtung: Lässt man sich von der nicht sofort einfangen, wirkt der Auftritt wie ein Blick auf einen anstrengenden esoterischen Arbeitskreis.

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4. Finnland

Nein, das ist keine Werbepause und Sie sehen keine gelbgeschwängerte Reklame des Stromanbieters Yello. Die halbwegs berühmte Band The Rasmus (One-Hit-Wonder „In the Shadow“) legt mit „Jezebel“ einen ordentlichen Rock-Auftritt hin. Aber warum trägt Frontmann Lauri Ylönen einen Ostfriesennerz? Die Halle in Turin ist doch überdacht.

5. Schweiz

Schade, dass Marius Bear halt Marius heißt und nicht Michael. Sonst hätte er der geborene Kanadier seinen Spitznamen schon weg: Michael Büble. Der „kleine Bär“ singt in „Boys Do Cry“ davon, dass auch Männer Gefühle zeigen können (unabhängig von Hunger, Durst und Fußballliga-Abstiegsschmerz, versteht sich). Genug der Häme: Das Lied selbst ist gar nicht mal so schlecht und entwickelt sich zu einer hörbaren Ballade.

6. Frankreich

Ungewohnte Klänge von unseren Nachbarn im Westen. Frankreich schickt das bretonische Frauentrio Ahez und den Elektro-Musiker Alvan ins Finale. Der Folk-Trance-Song „Fulenn“ wird den Erfolg Frankreichs von 2021 – Platz 2 – aber wohl kaum wiederholen.

7. Norwegen

Deutschland, das Land der Dichter und Denker? Da steht wohl für Schiller, Goethe und Kant eine Wachablösung an. Denn jetzt kommen Keith und Jim aus Norwegen, die als Duo Subwoolfer hinter Wolfsmasken verborgen den vielleicht skurrilsten Auftritt des ESC-Finales 2022 hinlegen. „And before that wolf eats my grandma, give that wolf a banana“ (bevor der Wolf meine Großmutter frisst, gib ihm eine Banane) heißt es in „Give the Wolf a Banana“. Und weiter: „Yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, yum, ...“. Alle Welt hofft darauf, dass die Musiker nach einem möglichen Finalsieg erstmals ihre Masken fallen lassen und ihre Identität offenlegen. Geniale Strategie.

8. Armenien

Eine der großen Überraschungen des ersten Halbfinales. Die 21-jährige Rosa Linn verwandelt durch ihre Präsenz und mithilfe eines faszinierenden Bühnenbilds (wissen die Macher eigentlich nicht, wie teuer Papier heutzutage ist?) den Durchschnitts-Popsong „Snap“ in ein denkwürdiges ESC-Erlebnis. Und sie versteckt auch noch eine politische Botschaft in ihrem Auftritt, indem sie zu Beginn sitzend mit weißer Gitarre deutlich Nicole und „Ein bisschen Frieden“ zitiert.

9. Italien

Den kennen wir doch: Mahmood wurde 2019 in Tel Aviv mit „Soldi“ Zweiter, nun will er zusammen mit dem Rapper Blanco den 2021er Sieg für Italien wiederholen. Wird mit „Brividi“ zwar schwierig, aber in den Top-5 sollte sich das Duo wohl platzieren.

10. Spanien

Wieder mal ein Beitrag aus Spanien, von dem man nicht weiß, was man davon halten soll. Die Nummer „Slomo“ von Chanel hat viel „Let´s go“, viel „zoom, zoom“, viele „corazones“ im Text und ist extrem tanzbar. Aber dennoch wird es in der Endplatzierung wohl eher nicht „Chanel: No 5“ heißen.

11. Niederlande

Harter Tobak aus den Niederlanden: S10 (gesprochen „Es tien“) singt in „De Diepte“ („Die Tiefe“) von den psychischen Problemen, die sie quälen, der Song soll aber gleichzeitig eine Hommage an die Traurigkeit sein. Das düstere Bühnenbild und die melancholische Stimme sorgen sicherlich bei manchem Zuschauer für den trüben Gedanken, dass das alles irgendwie keinen Sinn mehr hat.

12. Ukraine

Die Ukraine hätte wahrscheinlich in diesem Jahr auf der Bühne auch das Telefonbuch (die Älteren erinnern sich vielleicht) auf ukrainisch vorsingen können und wäre dank europaweiter Sympathie für das angegriffene Land trotzdem ins Finale gekommen. Fairerweise muss man aber sagen, dass der Song „Stefania“ des Kalush Orchestra, eine Mischung aus Volkslied und Rap, wirklich gut ist. Sogar an den Flötenschlumpf, der nach 2021 wieder dabei ist, gewöhnt man sich so langsam.

13. Deutschland

Wenn ein 24-Jähriger den guten, alten Zeiten nachtrauert, sollte man misstrauisch sein. Und nicht nur das: „Rockstars“ von Malik Harris ist so erkennbar auf Radioformat-Mainstream-Gedudel getrimmt, dass es einem fast peinlich ist. Daran ändert auch der Rap-Gefühlsausbruch à la Eminem nichts. Glauben die Produzenten tatsächlich, Europa erkennt nicht die Absicht hinter so einer Komposition?

14. Litauen

Mireille Mathieu trifft – zumindest, wenn sie dank Spiegeltrick mit ihrem Glitzerkleid doppelt zu sehen ist – auf Baccarat. Die Litauerin Monika Liu präsentiert „Sentimentai“, einen Elektro-Popsong, den manch einer unerklärlicherweise im Chanson-Segment verortet. Anerkennung gibt es für die Entscheidung Lius, in Landessprache zu singen. Allerdings: Als das das letzte Mal geschah – 1994 –, wurde Litauen beim ESC Letzter.

15. Aserbaidschan

Was ist denn mit Aserbaidschan los? Keine überbordende Inszenierung à la „Mata Hari“ (2021). Stattdessen die von Nadir Rustamli gefühlvoll (manch einer würde sagen: zu gefühlvoll) vorgetragene Ballade „Fade to Black“ ohne viel Chichi auf der Bühne.

16. Belgien

Jérémie Makiese ist ein weiterer Beweis dafür, dass es beim ESC nichts gibt, was es nicht gibt. Der Belgier ist nicht nur Gewinner der aktuellen nationalen „The Voice“-Staffel, sondern auch Torwart beim Zweitligisten Excelsior Virton. Sein Auftritt mit „Miss You“ zeigt, dass Makiese auch als Modell arbeiten könnte. Der Song ist eingängig, nur die Choreografie wirkt ein wenig eigenartig.

17. Griechenland

Amanda Georgiani Tenfjord besingt in „Die Together“ hochdramatisch das Feststecken in einer unglücklichen Beziehung. Ihr optimistischer Lösungsansatz: „Wenn wir jetzt sterben, werden wir einander für immer haben.“ Offensichtlich hat die Idee im Stuhlkreis für Furore gesorgt, wovon die zertrümmerten Sitzmöbel auf der Bühne zeugen.

18. Island

Country aus den Niederlanden hatten wir schon, jetzt also Country aus Island. Systur, ein Geschwister-Trio, besingt in „Með hækkandi sól“ (Mit der aufgehenden Sonne) das Ende der langen Winterzeit. Respekt, diese seltsame Sprache zu sprechen und sie sogar singen zu können (Textprobe, weil es so schön ist: „Í dimmum vetri – hækkar sól bræðir hjartans klakabönd – svo hlý“ – laut Google Translator irgendwas mit aufgehender Sonne, schmelzenden Eisbergen des Herzens und so). Auf der Bühne ist das Ganze aber irgendwie ohne Nachhall beim Betrachten. Schade.

19. Moldau

Das muss man auch erst einmal bringen: Der Russe steht schwerbewaffnet an der Grenze – und niemand weiß, ob Moldau nicht ebenso angegriffen wird wie zuvor die Ukraine. Dennoch (deshalb?) versprühen Zdobși Zdub & Fratii Advahov auf der Bühne eine unbändige Lebensfreude. In der wilden Folk-Pop-Rock-Rock´n´Roll-Was-Auch-Immer-Nummer „Trenuletul“ geht es um eine Zugfahrt von Moldaus Hauptstadt Chisinau nach Bukarest in Rumänien – ohne Bahncard, aber mit so viel Spaß, dass man daheim aufspringt, den Couchtisch mit Käsewürfeln und Mettigel umwirft und mitflippt. Textprobe: „Hey ho, Let’s go! Folklore and Rock ‘n’ roll“. Die ESC-Veteranen Zdob și Zdub wurden 2005 in Kiew Sechste, 2011 in Düsseldorf Zwölfte. Diesmal ist noch mehr drin.

20. Schweden

Schwedens Beitrag „Hold Me Closer“ ist solide wie ein Billy-Schrank – aber wirkt leider auch wie eine Komposition aus dem Mitnahmeregal im Lieder-Supermarkt. Schade. Denn gesanglich hat Cornelia Jacobs einiges drauf, hätte einen ansprechenderen Titel verdient gehabt.

21. Australien

Der Titel für das gewaltigste Outfit eines Künstlers des ESC 2022 geht an Sheldon Riley aus Australien. 40 Kilo, so heißt es, soll die Schleppe auf die Waage bringen. Da der ESC aber kein Kostümwettbewerb ist, dürfte der am weitesten angereiste Teilnehmer letztendlich keine Siegchancen haben, denn „Not the same“ ist, nun ja, nicht gerade ein Ohrwurm.

22. Großbritannien

Mit Sam Ryder und seinem „Space Man“ könnte Großbritannien die langjährige Serie, immer einen der letzten Plätze beim ESC zu belegen, beenden. Nicht, weil der Song überragend wäre (ist er nicht!), Ryder kommt aber extrem sympathisch rüber – und wirft mehr als 16 Millionen Abonnenten auf seinen diversen Social-Media-Kanälen in die Abstimmungs-Waagschale.

23. Polen

Polen feiert die erste ESC-Finalteilnahme seit 2017. Bei „River“ zieht Ochman auf der Bühne alle Register, inklusive Wasserschlieren auf der Kamera, Blitzen und Mini-Erdbeben. Wäre gar nicht nötig gewesen, denn das ganze Brimborium lenkt ab von den gesanglichen Qualitäten des 22-Jährigen.

24. Serbien

Was für ein unglaublicher Auftritt! Konstrukta aus Serbien sitzt auf einem Stuhl, wäscht sich in einer Schüssel unablässig die Hände, singt bei „In corpore sano“ gegen den Gesundheitswahn an. Wobei: Eigentlich gehört das, was Konstrukta da macht, eher in die Kategorie Musiktheater. Das wirkt zunächst befremdlich, bleibt aber dann in Erinnerung. Und zwar positiv.

25. Estland

Am Ende des ESC-Finales mit seinen vielen düsteren Beiträgen steht der Titel „Hope“ des Esten Stefan. Das kann doch kein Zufall sein! Der armenischstämmige Sänger präsentiert einen ins Ohr gehenden Countrysong und sorgt für einen grundoptimistischen Abschlussakkord für diesen Wettbewerb.