Unterwegs mit einer Gutachterin des MDK

Zirka 600 Hausbesuche absolviert Sabine Igel als Gutachterin des MDK in Südhessen pro Jahr. Foto: Torsten Boor

Hinter jeder Tür ein neues Schicksal: Sabine Igel absolviert 600 Hausbesuche im Jahr.

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DARMSTADT-DIEBURG. Wenn Sabine Igel vor einer neuen Haustür steht, weiß sie meist nicht, was sie erwarten wird. Welche Erkrankungen der Versicherte bereits hinter sich hat, welche Schicksale sich dort verbergen. Sie weiß nicht, ob sich Angehörige um den Tisch gruppieren werden, ob sie den Alltag noch gemeinsam meistern – oder der Versicherte allein für sich kämpfen wird. Was die Menschen hinter der Tür von ihr wollen, ist jedoch ganz klar: „Möglichst einen Pflegegrad“, sagt sie. Sonst würde sie nicht vor dieser Tür stehen.

Der Pflegegrad bestimmt darüber, wieviel Geld die Versicherten als Zuschuss für die Pflege erhalten werden. Zwischen 316 (Pflegegrad 2) und 901 Euro (Pflegegrad 5) können dies für die Angehörigenpflege sein (siehe nebenstehenden Artikel). Für die Versicherten macht der Pflegegrad daher einen immensen Unterschied. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Besuch.

Sabine Igel muss derweil anhand eines Punktesystems den entsprechenden Grad errechnen. Seit 23 Jahren ist sie als Gutachterin beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Ihr Einsatzgebiet ist südöstlich von Darmstadt, der vordere Odenwald. Größere Gemeinden wechseln sich hier mit Ortschaften ab, wo der Bürgersteig fehlt und stattdessen Hoftore die Straßen säumen.

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Etwa vier Hausbesuche stehen pro Tag an

Zirka 600 Hausbesuche absolviert die gelernte Krankenschwester pro Jahr, bei einer Vier-Tage-Woche. Etwa vier Hausbesuche terminiert sie pro Tag, manchmal auch fünf. Der Nachmittag ist für das Erstellen der Gutachten reserviert. Mit Reporterin im Schlepptau nimmt sie sich heute nur drei Hausbesuche vor:

Punkt acht Uhr läutet der Kirchturm im Ort und Sabine Igel klingelt an der ersten Tür. An der Bushaltestelle nebenan warten ein Junge und ein Mädchen mit ihren Müttern auf den Bus zum Kindergarten. Die beiden Kinder kommen neugierig aus dem Wartehäuschen heraus, als sie die Besucher in der sonst morgenstillen Wohnstraße sehen. „Was sollen denn die Leute denken?“, waren auch die Bedenken des Versicherten, als es um die Beantragung von Pflegegeld und den damit verbundenen Besuch des MDK bei sich zu Hause ging. Das Haus ist blitzsauber, liebevoll eingerichtet. Die Ehefrau kümmert sich um ihren Ehemann. Der ist 63 Jahre alt und hat mehrere Schicksalsschläge hinter sich. Er erlitt schwere Verbrennungen bei einem Arbeitsunfall vor mehreren Jahren, musste wegen Lungenkrebs behandelt werden und bekommt jetzt durch eine chronische Lungenerkrankung nur noch schwer Luft. Der Besuch der Gutachterin ist ganz offensichtlich anstrengend für ihn.

Sabine Igel hat einen roten Faden, an dem sie sich bei jedem Besuch entlanghangelt – auch um nichts zu vergessen. Wie oft muss der Versicherte zum Doktor gehen, welche Medikamente werden gegeben? Funktioniert das alles noch selbstständig? Neben dem Versicherten sitzen die Tochter und die Frau des 63-Jährigen am Tisch und beantworten die Fragen, die der Ehemann nicht mehr beantworten kann. „Wir sind seit 45 Jahren verheiratet“, sagt die Frau leise. Das Vorbereiten der Inhalationen, Putzen, Kochen, das Anziehen der Kompressionsstrümpfe – das managt alles die Ehefrau. „Reden wir über Körperpflege“, leitet Sabine Igel zu einem der heikelsten Themengebiete über, die es möglichst locker und sympathisch zu besprechen gilt. Danach folgt dann die körperliche Untersuchung: Drücken der Hand, eine Faust bilden, die Arme hinter den Kopf. Für den 63-Jährigen ist das alles furchtbar anstrengend. Sabine Igel blättert die Atteste der Heidelberger Thoraxklinik durch. Der Versicherte greift zum Spray, um besser zu atmen. Am Schluss wird er in Pflegegrad 2 eingestuft. Der Besuch hat 47 Minuten gedauert. „Wir sind froh, dass alles so gut geklappt hat“, sagt die Ehefrau später.

„Man kriegt schon viele Einblicke in familiäre Situationen. Das ist nicht immer so nett“, sagt Sabine Igel, während es zum nächsten Besuch geht. Anfeindungen seien aber glücklicherweise nicht die Regel, auch wenn Besuche bei Widersprüchen oft deutlich angespannter sind. Trotzdem habe sie einen Hausbesuch auch schon einmal beendet, stellt sie klar. Die Grenze ist für sie unverrückbar: „Die Versicherten dürfen mich nicht persönlich angreifen“, sagt sie. Der erste Besuch war aber rundherum freundlich und offen gewesen.

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Beim zweiten Besuch muss die Gutachterin den Eingang zur Wohnung kurz suchen. Am hinteren Ende eines Hofes geht es eine Treppe hinauf. Und um diese Verbindung zur Wohnung im ersten Stock geht es beim Besuch hauptsächlich auch. Der Bewohner, 65 Jahre, will für die Treppe nämlich einen Lift anschaffen. Voraussetzung für eine finanzielle Unterstützung ist jedoch die Bewilligung eines Pflegegrades. Bis zu 4000 Euro könnte er als Zuschuss für den 10 000-Euro-Umbau bekommen. Nächste Woche wird der Lift geliefert. Mindestens den Pflegegrad 1 müsste er erreichen. Für den Versicherten ist die Sache klar: Er hat künstliche Hüftgelenke, eine Herzklappen-OP, verschiedene Stents in den Beinen, „ein Ersatzteillager“, sagt er über sich. Im Alltag kommt er allerdings einigermaßen zurecht, schnitzt Krippen, staubsaugt, wenn auch immer wieder mit Pausen. Wenn es allerdings ums Laufen geht, ist alles eine Qual.

„Und? Bekomme ich einen?“, fragt er am Ende des 30-minütigen Besuchs nach einem Pflegegrad. Vor dem Gespräch an sich sei ihm nicht bange gewesen. „Wir Odenwälder sind zäh!“, meint er verschmitzt. Den Pflegegrad erhält er am Ende jedoch nicht. „Ich verstehe, dass er einen haben will. Das würde es ihm erleichtern“, sagt die Gutachterin. In das Raster der Pflegebegutachtung mit fünf Modulen passt das Anliegen allerdings nicht. „Da muss man wirklich den Kopf unter dem Arm tragen“, ärgert der Mann sich.

„Bin ich 88, 89 oder 90?“, fragt die Seniorin auf der Couch im Souterrain, die ein paar Kilometer weiter, beim Hausbesuch Nummer 3, über furchtbare Schmerzen klagt. Selbst die hoch dosierten Schmerzpflaster helfen ihr aktuell nicht weiter, der Lebenswille verblasst. Ihre Tochter, mittlerweile selbst im Rentenalter, kümmert sich um die 89-Jährige. Die Tochter wohnt nebenan, auch nachts nur einen Telefonanruf entfernt, der Sohn darüber. Vor wenigen Monaten hat die Seniorin zwei Herzinfarkte erlitten. Seitdem geht es gesundheitlich und konditionell bergab. Vor ihr steht eine Tasse mit der Aufschrift „Die liebste Oma der Welt“. Der Seniorin selbst ist aber ganz anders zumute. Die Arthrose in den Schultergelenken – „das bringt mich um“, sagt sie.

Hohe Duscheinstiege und Kompressionsstrümpfe

Die linke Hand kann sie kaum noch bewegen. Kompressionsstrümpfe trägt sie bereits seit dem 40. Lebensjahr, als das fünfte Kind auf die Welt kam. Sabine Igel versucht, Hilfe für den Alltag 50 Jahre später zu bieten. Der Einstieg der Dusche ist mit 30 Zentimetern viel zu hoch und müsste geändert werden. Und könnte nicht auch ein Rollstuhl helfen, um die Mutter raus ans Tageslicht zu bringen? 45 Minuten ist die Gutachterin zu Besuch. Am Schluss wird die Seniorin Pflegegrad 3 erhalten.

Es geht um Zeiten und Zahlen, Prozente, Fähigkeiten, Nachweisbares, manchmal aber auch um Abwägungen. Sind die Gutachter des MDK zu kühl, angesichts der Schicksale, denen sie begegnen? „Wie soll man sich denn einen Eindruck verschaffen, wenn man nicht versucht, nüchtern die Sache zu betrachten“, kontert die Gutachterin. Und ja: „Mitgefühl muss man haben, aber nicht Mitleid, das geht nicht“, sagt Igel. Und natürlich gibt es auch für sie Begegnungen, die sie lange beschäftigen: Etwa den Besuch bei einem jungen Mann mit einem Leberkarzinom vor wenigen Wochen an einem Donnerstag. Am Montag darauf sei dieser bereits tot gewesen. „Das ging mir schon ein paar Tage nach“, sagt Sabine Igel nachdenklich.