Mogadischu-Geisel Jutta Knauff fühlte sich erst nach Jahren...

Am 17. Oktober 1977 demonstriert der zehnjährige Mike vor dem Kanzleramt in Bonn: Er will seine „Mutti wiederhaben“, die in der entführten „Landshut“ sitzt. Foto: ullstein bild - AP   Foto: ullstein bild - AP

Viele Fotos gehen im „Deutschen Herbst“ um die Welt, eines davon zeigt einen Mann und einen Jungen am 17. Oktober 1977 vor dem Kanzleramt in Bonn: Vater und Sohn...

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FRANKFURT. Viele Fotos gehen im „Deutschen Herbst“ um die Welt, eines davon zeigt einen Mann und einen Jungen am 17. Oktober 1977 vor dem Kanzleramt in Bonn: Vater und Sohn demonstrieren dort gemeinsam mit anderen Angehörigen von Passagieren der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“. Um den Hals trägt der Junge ein selbstgebasteltes Schild mit der Aufschrift: „Herr Bundeskanzler! Ich will meine Mutter wiederhaben! Mike“. Weniger bekannt ist ein Foto, das einen Tag später am Frankfurter Flughafen entstand: Derselbe Junge, dasselbe Schild, die Botschaft lautet nun: „Danke Herr Bundeskanzler! Ich will habe meine Mutti endlich wiederhaben! Mike“.

Am 17. Oktober 1977 demonstriert der zehnjährige Mike vor dem Kanzleramt in Bonn: Er will seine „Mutti wiederhaben“, die in der entführten „Landshut“ sitzt. Foto: ullstein bild - AP   Foto: ullstein bild - AP
Einen Tag später am Frankfurter Flughafen: Sohn und Tochter schließen die heimgekehrte Mutter in die Arme, Mike sagt: „Danke, Herr Bundeskanzler!“ Foto: Jutta Knauff  Foto: Jutta Knauff
Jutta Knauff 2017Foto: Frank Schmidt-Wyk  Foto: Frank Schmidt-Wyk
Jutta Knauff 1977Foto: Knauff  Foto: Knauff
Mit der Lufthansa-Maschine „Köln“ kehren die befreiten Geiseln am 18. Oktober 1977  nach Frankfurt zurück.Foto: dpa  Foto: dpa

Keine 24 Stunden liegen zwischen beiden Aufnahmen – Zeit genug für den Schlussakt eines der größten Dramen der deutschen Nachkriegsgeschichte: die Erstürmung der „Landshut“ auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu durch die Spezialeinheit GSG 9, die Befreiung aller 86 Geiseln.

Kurz vor Weihnachten beginnen die Hände zu zittern

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Sie ist die Frau, um die der zehnjährige Mike und sein Papa im Oktober 1977 fünf Tage lang zitterten: Jutta Knauff, damals hieß sie Brod, heute 76 Jahre. Seit vielen Jahren lebt sie mit ihrem zweiten Mann in Frankfurt. Eine Frau, der das Lächeln leicht fällt, der man nicht anmerkt, welche Last sie mit sich herumträgt: die Erinnerung an die einhundertsechs Stunden in der „Landshut“. Einhundertsechs Stunden voller körperlicher und seelischer Qualen. Einhundertsechs Stunden können länger dauern als vierzig Jahre.

Obwohl sie schon als heimatvertriebenes Flüchtlingskind im Krieg Furchtbares erlebte: Bomben, Tieffliegerangriffe, Vergewaltigungen, sagt Jutta Knauff: „Die Befreiung in Mogadischu war der glücklichste Tag meines Lebens.“ Seitdem hat sie den 18. Oktober stets wie ihren zweiten Geburtstag gefeiert. Dass ihre Wiedergeburt gleichzeitig ein Todesurteil war für Hanns Martin Schleyer, auch das hat sie nicht vergessen.

Was sie nach ihrer Rückkehr aus Mogadischu bald begriff: Zuhause – die Familie wohnte damals bei Diez an der Lahn im Norden von Rheinland-Pfalz – konnte das Leben nicht einfach weitergehen wie bisher. Ihr Mann verstand das nicht, wollte nichts hören davon, was sie an Bord der „Landshut“ durchgemacht hatte, überließ es einem Reporter des Münchner Boulevardblatts „Abendzeitung“ mit ihr darüber zu reden. Der Journalist sei fair zu ihr gewesen, sagt Jutta Knauff. „Das Gespräch war meine erste Therapie. Es hat mir gut getan so kurz danach.“

Kurz vor Weihnachten 1977 sitzt sie mit der Familie gerade beim Essen, als plötzlich ohne erkennbaren Grund ihre Hände zu zittern beginnen. Heute wäre die Diagnose sofort klar: „Posttraumatische Belastungsstörung“, eine verzögerte psychische Stressreaktion, die häufig auftritt bei Menschen, die Ex-tremsituationen durchlitten haben. Doch 1977 ist das ein noch weitgehend unbekanntes Phänomen. Der Hausarzt rät Jutta Knauff, sich ans Versorgungsamt in Koblenz zu wenden. Womöglich stünde ihr Unterstützung nach dem Opferentschädigungsgesetz zu, das der Bundestag erst im Jahr zuvor verabschiedet hatte. Leitgedanke: Schafft es der Staat als Träger des Gewaltmonopols nicht, seine Bürger vor Gewalt zu schützen, muss er für die Folgen einstehen und die Opfer entschädigen. Doch es fehlt noch an einer einheitlichen Praxis, von Bundesland zu Bundesland wird das neue Gesetz unterschiedlich gehandhabt. Noch ein problematischer Aspekt: Wenn überhaupt, gibt es Zahlungen nur auf Antrag – die Entschädigung versteht sich nicht als Bringschuld des Staates, sondern als Holschuld. Opfer müssen sich einer Prozedur unterwerfen, die viele als erniedrigend empfinden.

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In Koblenz wird Jutta Knauff kreuz und quer durch das Gebäude geschickt, Treppe hoch, Treppe runter, wieder Treppe hoch, schließlich steht sie vor einem Amtsarzt, der sie abschätzig taxiert: „Na, Ihnen scheint es ja nicht schlecht zu gehen, so wie sie aussehen.“ Sie kämpft mit den Tränen, reißt sich aber zusammen, will sich vor diesem Mann keine Blöße geben. Draußen im Auto weint sie eine halbe Stunde lang. Vom ablehnenden Bescheid Monate später nimmt sie kaum noch Notiz.

Inzwischen haben der Aachener Psychologieprofessor Andreas Ploeger und Wolfgang Salewski, psychologischer Berater der Bundesregierung in den Entführungsfällen Schleyer und „Landshut“, mit Befragungen der früheren Geiseln begonnen – aus wissenschaftlichem Interesse. 1979 nimmt Jutta Knauff mit anderen Traumatisierten aus der „Landshut“ zweimal an einer einwöchigen Gruppentherapie mit Professor Ploeger teil. Jeden Abend muss sie einen Bogen ausfüllen, viele der Fragen zielen völlig an ihrem Leid vorbei. „Die wollten nicht wissen, wie es mir geht“, sagt Jutta Knauff. Wie eine Laborratte fühlt sie sich. Den Anderen geht es genauso.

„Wir haben uns selbst therapiert“

Wesentlich hilfreicher ist das Wiedersehen auf Mallorca mit den Frauen aus der Clique, die sich im Oktober 1977 auf der Insel kennenlernte und gemeinsam in die „Landshut“ stieg. Diese Treffen finden erst sporadisch, schließlich jedes Jahr statt, immer im Oktober, bis heute. „Anfangs saßen wir nur am Strand, quatschten und quatschten“, sagt Jutta Knauff. „Und zwar nur über die fünf Tage in der Landshut. Wir haben uns quasi selbst therapiert.“ Doch erst im Gespräch mit einem Psychotherapeuten begreift sie es wirklich: Es ist sinnlos, gegen die Erinnerung anzukämpfen. Das Erlebte kann nicht ausgelöscht werden. Man muss es akzeptieren und lernen, damit zu leben – das ist das ganze Geheimnis.

Sie hat es gelernt. Die Bilder aus der „Landshut“ sind geblieben, doch sie verfolgen sie nicht mehr. Die verängstigten, gequälten Gesichter um sie herum. Das kalte Lächeln des jungen Palästinensers, der in Mogadischu alle Passagiere fesselt und, als sie aufstöhnt, das Strumpfband noch fester anzieht – bis heute ist die Feinmotorik ihrer Hände gestört, sie musste deshalb den Friseurberuf aufgeben. Patronenhülsen, die während des Feuergefechts zwischen den Männern von der GSG 9 und den Entführern klirrend auf den Boden regnen.

Menschliche Gesten bei über 50 Grad im Flugzeug

Doch auch diese Bilder gibt es: Stewardess Gabi Dillmann, heute von Lutzau, steckt ihr einen kalten, nassen Lappen zu, für ihre vom tagelangen Sitzen geschwollenen Füße. Der spanische Rechtsanwalt im Sitz direkt hinter ihr zieht ihre Lehne zurück und fächelt ihnen beiden mit den Sicherheitshinweisen Luft zu, als sich das Innere der Maschine in der Wüstenhitze auf dem Rollfeld von Dubai auf über 50 Grad aufheizt. Kleine Gesten der Menschlichkeit, die ihr damals Mut machen – und heute ihre Erinnerung aufhellen.

Als sie erfährt, dass andere „Landshut“-Geiseln eine Entschädigungsrente bekommen, stellt Jutta Knauff im November 2016 erneut einen Antrag, beinahe 40 Jahre nach dem abgeschmetterten ersten Versuch. Diesmal wird sie von der Mainzer Hilfsorganisation „Weißer Ring“ unterstützt. Im Mai liegt ein positiver Bescheid im Briefkasten: Sie bekommt fortan etwas über hundert Euro monatlich. „Das Geld ist gar nicht so wichtig“, sagt sie. „Worum es mir geht, ist die Anerkennung.“ Sie strahlt.

Wiedersehen im Schloss Bellevue

Ihren zweiten Geburtstag am heutigen Mittwoch, dem 40. Jahrestag der Geiselbefreiung in Mogadischu, verbringt Jutta Knauff ausnahmsweise in Berlin: Auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nimmt sie an einem Gedenk-Empfang in Schloss Bellevue teil. Sie wird dort viele Menschen wiedersehen, die das Gleiche durchlitten haben wie sie, auch den einen oder anderen Retter, sie freut sich sehr darauf. Zweifellos wird in Berlin auch die spektakuläre Heimkehr der „Landshut“ Thema sein: Jahrelang verrottete die ausrangierte frühere Lufthansa-Maschine in Brasilien, bis die Bundesregierung in diesem Jahr die nicht mehr flugtüchtige Boeing kaufte und nach Friedrichshafen am Bodensee verfrachten ließ. Dort soll sie aufwändig restauriert und – im wiederhergestellten Originalzustand des Jahres 1977 – als Museumsflugzeug und Mahnmal des „Deutschen Herbstes“ ausgestellt werden.

Jutta Knauff hat die Nachrichten verfolgt und wundert sich, dass die Lufthansa die symbolträchtige Maschine nicht gleich behalten hat damals, und dass die Bundesregierung nun bereitwillig so viel Geld ausgibt für ein Flugzeugwrack. Wo sie doch selbst so lange auf ein bisschen Entschädigung warten musste.

Doch Bitterkeit ist kein bisschen herauszuhören. „Ich fände es schön“, sagt sie bloß, „wenn man alle noch lebenden ehemaligen Passagiere und Crewmitglieder zur ‚Landshut‘ einladen würde, sobald sie fertig ist – das wäre doch ein schöner Abschluss.“