Kuschelkurs oder Radikalisierung?

Die Schülerbewegung  trägt laut Studienautor  Stephan Grünewald keinen  Generationenkonflikt aus. Foto: Jurga Graf

Die Schülerbewegung für Klimaschutz protestiert gegen die IAA und sucht auf der Messe gleichzeitig den Dialog mit der Industrie. Das spiegelt nach Ansicht des Psychologen...

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WIESBADEN. Die Schülerbewegung für Klimaschutz protestiert gegen die IAA und sucht auf der Messe gleichzeitig den Dialog mit der Industrie. Das spiegelt nach Ansicht des Psychologen Stephan Grünewald den doppelten Charakter der „Fridays for Future“-Proteste wieder. Sie wollen den Klimawandel stoppen und die Verhältnisse bewahren, nicht umstürzen.

Herr Grünewald, in Frankfurt demonstrieren die Schülerbewegung Fridays for Future und die alten Umweltbewegungen von Greenpeace bis zum BUND getrennt gegen die Automobilmesse IAA. Was unterscheidet die beiden Protestgruppen?

Die Schüler demonstrieren mit viel Herzblut für den Klimaschutz. Aber im Gegensatz zu früheren Protestbewegungen tragen sie keinen Generationenkonflikt aus. Es gibt keinen radikalen Bruch mit der Erwachsenengeneration. Das haben Tiefeninterviews mit Schülern für eine Studie des Rheingold-Instituts in Köln gezeigt. Sie wollen den Klimawandel stoppen und die Verhältnisse bewahren und nicht zerstören. Letztlich schwänzen die Schüler auch die Revolte.

Aber ihr Protest richtet sich klar gegen die Politik der alten Generation ...

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Das Engagement der Schüler entspringt dem Argwohn, von den Erwachsenen, um ihre Zukunft betrogen zu werden. Die Schüler vertrauen nicht mehr darauf, dass die Alten von sich aus den Klimawandel stoppen und die Welt retten. Alle sitzen in einem Boot. Aber die Schicksalsgemeinschaft hat unterschiedliche Laufzeiten. Den Eltern fehlt die letzte Konsequenz im Handeln, da sie nur ihre eigene, nahe Zukunft im Blick hat. Deren Politik erschöpft sich nach Ansicht der Schüler in symbolischen Aktionen, die nichts bewirken. Gleichzeitig scheinen die Schüler beweisen zu wollen, dass sie vernünftiger und verantwortungsbewusster sind als die Eltern.

Und das bedeutet keine Abgrenzung?

Die Interviews mit den Schülern haben gezeigt, dass sie von den Erwachsenen ernst genommen werden wollen. Sie wollen zur Welt der Eltern gehören, denen sie die Kompetenz und die Macht zum Handeln zubilligen.

Welchen Stellenwert hat der Protest für die Schüler?

Die Teilnahme an den Streiks stiftet Gemeinsamkeit. Dabei werden alle eingemeindet, Schüler, Eltern und Lehrer. Niemand soll ausgeschlossen werden. Das nimmt den Protesten allerdings auch die Schärfe. Mitgestalten statt die Verhältnisse revolutionieren, lautet das Ziel. Der schulische und berufliche Erfolg soll zudem nicht gefährdet werden. Das führt zu einer Schulschwänz-Ambivalenz. Wie viele Streik-Fehlstunden kann ich mir erlauben, ohne das Abi zu gefährden?

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Gibt es Gemeinsamkeiten mit den alten Umweltbewegungen, die ja ähnliche Klimaschutz-Ziele haben?

Die alten Bewegungen haben die Machtverhältnisse infrage gestellt. Sie wollten die Gesellschaft ändern, und ein Teil von ihnen hat schließlich mit den Grünen eine Partei gegründet, um das Establishment auszustechen und die Ziele durchzusetzen. Die Schülerbewegung sieht dagegen trotz des Misstrauens und der Kritik die alte Generation als Teil der Lösung.

Wie weit geht der Schülerprotest?

Noch wird selten thematisiert, dass der Stopp des Klimawandels den Verzicht auf Wachstum, Genuss, Luxus und das Aufbrechen der Gemeinschaft mit der Elterngeneration erfordert. Das Verhältnis zu Greta Thunberg, der internationalen Galionsfigur der Bewegung, ist ambivalent. Ihre kompromisslose Haltung wird bewundert, aber gleichzeitig schrecken die Schüler vor den schmerzlichen Einschnitten zurück, die sie fordert.

Was wird aus den Schülerprotesten?

Es gibt drei Szenarien, die sich in den nächsten Monaten herausbilden könnten. Erstens könnte die Schülerbewegung langsam im unentschiedenen Kuschelkurs austrudeln und verpuffen. Zweitens könnte Fridays for Future sich als Protestbewegung verstetigen und mit einer konstruktiven Pene-tranz den Finger immer wieder in die Wunde legen. Drittens könnte sich die Bewegung radikalisieren und den Generationenkonflikt riskieren. Damit würde sie jedoch auch ihre konsensuale Breitenwirkung verlieren. Aber der polarisierende Streit würde die Gesellschaft auch voranbringen, entschiedenere Schritte für den Klimaschutz zu gehen.

Das Interview führte Karl Schlieker.