Hitzefalle Auto: Scheibe einschlagen erlaubt

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Wiesbadener Feuerwehrleute beseitigen nach einem Rettungseinsatz Fensterscherben. Archivfoto: Wiesbaden112

Immer wieder müssen Rettungskräfte bei sommerlichen Temperaturen Kinder oder Tiere aus aufgeheizten Autos retten. So können Zeugen im Ernstfall helfen.

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MAINZ. 27 Grad zeigte das Thermometer Anfang Juni 2020 im rheinhessischen Oppenheim, als eine Frau ihr Auto auf dem Parkplatz vor einem Einkaufszentrum parkte. Ihr zweijähriges Kind schlief auf dem Rücksitz. Weil die Mutter es nicht wecken wollte, ließ sie das Fenster einen Spalt breit offenstehen – und ging einkaufen. Eine Zeugin hörte das Kind später aus dem mittlerweile stark aufgeheizten Auto schreien. Erst laut, dann immer schwächer werdend. Sie alarmierte den Notruf und schlug schließlich selbst das Fenster ein, um das Kind zu befreien. Keine Minute zu spät, wie die Polizei später bestätigte.

Jahr für Jahr warnen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste vor den Gefahren, die ein solches Verhalten mit sich bringt. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Kinder oder Tiere „mal kurz“ im Auto zurückgelassen werden. Das Risiko wird noch immer unterschätzt. Wir erklären, wie Zeugen drohende Gefahr für andere erkennen und helfen können.

Im Auto wird es schnell heiß

Schon nach zehn Minuten heizt sich ein Auto in der Sonne um rund sieben Grad Celsius auf. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern der US-amerikanischen University of Georgia. Nach einer halben Stunde sind es 16 Grad. Bei einer Außentemperatur von 30 Grad wäre die für den menschlichen Organismus gefährliche Grenze oberhalb der normalen Körpertemperatur schon deutlich überschritten.

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Bis zu einem gewissen Grad könne der Körper zwar auch höhere Temperaturen kompensieren. Voraussetzung sei aber, dass die normalen Abkühlungsmechanismen funktionieren, erklärt David Gräbener, Rettungssanitäter und Ausbildungsleiter beim DRK in Darmstadt. „In einem geschlossenen Auto steigt auch die Luftfeuchtigkeit schnell. Je höher sie ist, desto schlechter verdunstet der Schweiß“, so Gräbener.

Zeichen einer Überhitzung richtig deuten

Er rät deshalb zu schnellem Handeln. „Wenn man bei hochsommerlichen Temperaturen ein Kind findet, das allein im Auto ist, dann ist vielleicht nicht mehr genug Zeit, im Supermarkt lange nach den Eltern zu suchen.“ Das gelte insbesondere dann, wenn das Kind bereits Zeichen einer Überhitzung zeige, etwa schwere Atmung oder Ermattung. „Wenn Kinder ruhiger werden, ist das ein absolutes Warnsignal“, sagt der Rettungssanitäter.

Sind Eltern oder Fahrzeughalter nicht in der Nähe, dürfen Zeugen auch selbst tätig werden. Das Einschlagen einer fremden Autoscheibe ist straffrei, wenn es dazu dient, drohende Gefahr von einem anderen abzuwenden. So sagt es unter anderem das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). Die Polizei bestätigt: „Ist ein Lebewesen in akuter Gefahr, dürfen Zeugen die Autoscheibe einschlagen“, erklärt Anna Dexheimer, Pressesprecherin der Polizei in Mainz.

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Zunächst Polizei verständigen

Zunächst sollte allerdings die Polizei unter der Notrufnummer 110 verständigt werden. „Am besten holen Sie sich einen Zeugen dazu, der das Auto im Blick behält, während Sie den Notruf absetzen“, so Dexheimer. Für den Fall, dass Zeugen selbst eine Scheibe einschlagen müssen, rät sie: „Nehmen Sie nicht die Scheibe, hinter der das Kind sitzt. Und versuchen Sie es nicht mit der Faust. Suchen Sie einen schweren, spitzen Gegenstand.“

Gleiches gilt übrigens, wenn im Auto kein Kind eingeschlossen ist, sondern etwa ein Hund. Auch hier bleibt das Eingreifen straffrei, wenn es sich um eine lebensrettende Maßnahme handelt. Dabei sei es besonders wichtig, auch auf die eigene Sicherheit zu achten: „Ein Hund, der ermattet im Auto liegt, kann bei einem solchen Eingriff auch sein Revier verteidigen und beißen“, warnt Dexheimer.

Untätige Zeugen können bestraft werden

Strafen drohen eher demjenigen, der Kind oder Tier im Auto zurückgelassen hat. Bei Tieren greift das Tierschutzgesetz. Es besagt, dass Halter, die ihren Tieren ohne vernünftigen Grund erhebliches Leid oder Schmerzen zumuten, Geldstrafen drohen – in gravierenden Fällen auch Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren. Die Polizei informiert die zuständigen Stellen. Über die Höhe der Strafe entscheiden aber letztlich Veterinäramt und Staatsanwaltschaft.

Lassen Eltern oder Sorgeberechtigte ihre Kinder im Auto zurück und setzen sie so einer Gefahr aus, informiert die Polizei das Jugendamt. Nur wenn ein Kind schwer verletzt ist, werden weitere Ermittlungen eingeleitet. „In den meisten Fällen ist die Überhitzung aber schnell überstanden und es gibt keine körperlichen Schäden. Wir weisen die Eltern dennoch auf ihr Fehlverhalten hin“, erklärt Anna Dexheimer.

Bestraft werden können übrigens auch Zeugen, die Kinder oder Tiere im Auto eingesperrt sehen und nicht die Rettungskräfte verständigen: wegen unterlassener Hilfeleistung.

Laut Forschern der US-amerikanischen University of Georgia steigt die Temperatur im Auto schon nach nur fünf Minuten um etwa vier Grad Celsius an. Nach zehn Minuten sind es sieben Grad, nach einer halben Stunde kann man von einem Plus von rund 16 Grad ausgehen und nach einer Stunde von 26 Grad. Das heißt: Selbst bei nur 20 Grad Außentemperatur wird es nach 30 Minuten im Auto heiß – nach einer Stunde ist es lebensgefährlich. Da hilft auch kein geöffnetes Fenster mehr.