Giftige Tiere kaufen? Kein Problem!

Die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Foto: Sascha Kopp

Die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin fordert mehr Personal für Kontrollen und einen Sachkundenachweis für Tierhalter.

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WIESBADEN. Die Landesbeauftragte für den Tierschutz in Hessen, Madeleine Martin, sagt: Gerade über Reptilien seien viele Halter nicht gut genug informiert.

Frau Martin, wie werden die Behörden denn überhaupt auf Vergehen aufmerksam?

Oft wird das von Nachbarn, Familienmitgliedern oder Handwerkern gemeldet, natürlich gehen auch viele anonyme Anzeigen ein. Auch im Zusammenhang mit familiären Streitigkeiten gibt es Anzeigen.

Was passiert dann?

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Dann überprüft das Veterinäramt den Halter. Das Amt darf die Wohnung in Augenschein nehmen. Wenn Tiere erheblich verwahrlost sind, erheblich leiden oder schwere Verletzungen haben, werden sie oft direkt eingezogen und anderweitig untergebracht. Wenn es Probleme bei der Haltung sind, kann der Besitzer Auflagen bekommen, das zu verbessern.

Welche Personen horten denn Tiere?

Das ist unterschiedlich. Das sind eben nicht nur alte vereinsamte Menschen, sondern auch Familien mit kleinen Kindern. Es geht auch durch alle Gesellschaftsschichten.

Was passiert mit beschlagnahmten Reptilien?

Die kommen in spezielle Tierheime mit Sachkundenachweis, in eine der Reptilienauffangstationen oder zu geeigneten Pflegestellen.

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Und wer trägt die Kosten?

Eigentlich der Halter. Aber da die oft nicht bezahlen können, bleiben die Behörden auf den Kosten sitzen, da sie in Vorleistung gehen.

Werden die Tiere vermittelt?

Ja, sobald das Verfahren abgeschlossen ist oder wenn die Kosten der Unterbringung den Wert des Tieres übersteigen. Jeder Fall kann anders sein.

Und zum Beispiel Giftschlangen?

Die Haltung von verschiedenen gefährlichen Tieren ist in Hessen Privatpersonen nicht erlaubt. Besonders sachkundige Halter, die beispielsweise mit Universitäten zusammenarbeiten, können eine Ausnahme bekommen.

Gibt es denn einen Trend zur Reptilienhaltung?

Ich denke schon, denn die Verführung ist über Börsen und das Internet größer geworden. Dadurch ist auch ein besonderer – ich nenne es mal – Gruselmarkt entstanden. Diese Leute gehen dann speziell giftige Tiere kaufen. Die Szene hat sich von den Liebhabern zur breiten Masse verschoben, da es so leicht ist, an die Tiere zu kommen.

Neben vielen kleineren Reptilienbörsen gibt es noch die große in Hamm bei Dortmund. Wie stehen Sie zur Terraristika?

Ich würde mir wünschen, dass die Börse in Hamm untersagt wird. Dort konnten früher sogar Kinder gefährliche Tiere kaufen. Und auch heute erreichen mich immer wieder Berichte, wie leicht es – nun für über 18-Jährige – ist, giftige Tiere zu erwerben. Tatsache ist, dass an der Börse in Hamm nicht nur der Verkäufer, sondern auch das Umfeld Geld verdient: Übernachtungen, Essen et cetera. Und deshalb bleibt sie uns wohl erhalten.

Können die Ämter denn nicht strenger kontrollieren?

Viele Veterinärämter leiden unter großem Personalmangel, sind „kaputt” gespart worden. Da können die Kolleginnen und Kollegen ja nicht überall sein.

Was ist denn bei den Haltern oft das Problem?

Es ist schockierend, wie viele Menschen sich Tiere kaufen ohne jede Sachkunde. Was ich aber noch schlimmer finde, ist, dass sich die Halter dann nach der Anschaffung des Tieres nicht informieren. Info-Möglichkeiten gibt es heute wirklich genug.

Aber informieren sich Halter nicht in der Regel?

Meine Erfahrungen nach 30 Jahren zeigen, dass die Leute sich oft nicht freiwillig informieren. Gut wäre eine verbindliche Sachkundeprüfung. Die braucht man für ein Auto ja auch und es beschwert sich kaum einer. Hier geht es schließlich um Lebewesen. Dieser Ansatz der totalen Freiwilligkeit, wie ihn viele Verbände und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner vertreten, trage ich nicht mit.

Was wünschen Sie sich von den Tierhaltern?

Eine realistische Einschätzung der Situation. Es gibt Reptilienhalter, die sehr sachkundig sind. Viele sind es aber eben nicht. Deshalb ist eine verbindliche Sachkundeprüfung notwendig.

Das Interview führte Sonja Ingerl.