Erkrankte gehen mit Syphilis oder Tripper zu spät zum Arzt

Kondome sollten selbstverständlich sein bei Menschen, die an Geschlechtskrankheiten leiden. Sollten. Foto: Okscay Mark

Geschlechtskrankheiten schienen überwunden. Doch in Folge von gesellschaftlichen Tabus meiden Betroffene die Untersuchung. Mit verheerenden Folgen für eine mögliche Heilung.

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MAINZ. Wer Syphilis hat, sollte keinen Sex haben. Schon gar keinen ungeschützten. Vermutlich würde diese Position bei jeder Umfrage eine an 100 Prozent reichende Mehrheit erhalten. Nur: Der Mensch tut auch Unvernünftiges. So ist er halt.

Für den Fall, dass es dann passiert ist, hat sich das Bochumer Gesundheitszentrum „Walk in Ruhr“ etwas einfallen lassen: Über einen anonymen SMS- und Maildienst können Betroffene ihre Geschlechtspartner informieren. Auf seine Internetseite hat das Zentrum Formulierungen gestellt wie: „Ein/e FreundIn von Ihnen hat eine Syphilisinfektion und möchte, dass Sie sich testen und behandeln lassen.“ Der Text wird dann über „Walk in Ruhr“ verschickt – sodass der Verursacher anonym bleibt.

Das Angebot zeigt: Auch in Zeiten, in denen Sex medial dauerpräsent ist, bleiben sexuell übertragbare Infektionen mit einem Stigma verbunden. „Viele Betroffene trauen sich nicht, über ihre Beschwerden zu sprechen“, sagt der Leiter des Zentrums, Norbert Brockmeyer. Entsprechend werde in Deutschland seit wenigen Jahren wieder vor einer Zunahme von Erkrankungen gewarnt, die eigentlich schon überwunden schienen. Etwa Syphilis oder Tripper.

Deshalb sagt der Vorstand der IKK Südwest, Roland Engehausen: „Die Häufigkeit und Gefahr von Geschlechtskrankheiten wird unterschätzt, weil dies immer noch ein Tabu-Thema ist.“ Die Aufklärung zu sexuell übertragbaren Erkrankungen müsse daher weiter ausgebaut werden. Dies solle sowohl in Schulen als auch in Arzt-Patienten-Gesprächen passieren.

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Die IKK Südwest ist für Hessen und Rheinland-Pfalz geöffnet. Eine Auswertung ihrer Versichertendaten ergibt: Vorsorge-Untersuchungen werden deutlich stärker wahrgenommen als noch vor wenigen Jahren. Aber es sind eher die Frauen, die sie nutzen. Und in Rheinland-Pfalz ist die Bereitschaft zur Vorsorge bei möglichen sexuellen Erkrankungen deutlich höher als in Hessen.

Hessen haben Nachholbedarf bei Vorsorge

Der insgesamt positive Trend zeigt laut Engehausen, dass das Bewusstsein, aber auch das Angebot besser geworden ist. „In Hessen haben wir dagegen noch einen Nachholbedarf, dem wir uns stellen müssen.“ Bei einer frühen Diagnose sei eine Therapie häufig erfolgreicher.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat angekündigt, das Thema Geschlechtskrankheiten stärker in den Mittelpunkt stellen zu wollen. Vor allem will die Behörde darüber informieren, an welchen Merkmalen Betroffene entsprechende Krankheiten erkennen können. „Insgesamt kommt im Schnitt jeder zweite Patient spät mit seinen Problemen zum Arzt“, sagt Brockmeyer. Dann seien die Krankheitssymptome aber schon ausgeprägt – und nur noch schwer zu heilen. Da setzen auch die SMS-Warnungen an: „Es geht uns darum, die hohe Dunkelziffer zu senken“, sagt Brockmeyer.

Von Mario Thurnes und Gisela Gross