Ärztemangel auf dem Land: Pilotprojekt will Studierende für...

Team auf Zeit:  Daniel Tausch (links) bekommt in der Praxis von Klaus-Ulrich Henß Einblicke in den Alltag eines Landarztes.Foto: Sascha Lotz  Foto: Sascha Lotz

60-Stunden-Woche. Abends, an Wochenenden und Feiertagen im Dienst. Die Familie muss zurückstehen, Urlaub machen ist schwierig. Darauf haben Medizinstudenten und junge Ärzte...

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FRANKFURT / WALD-MICHELBACH. Er ist immer im Dienst, auch nach seiner 60-Stunden-Woche. Abends, an Wochenenden und Feiertagen. Die Familie muss zurückstehen, Urlaub machen ist schwierig, dann muss eine Vertretung her. So sieht oft das Leben von Hausärzten aus, die ihre Praxis allein betreiben. Und genau darauf haben Medizinstudenten und junge Ärzte keine Lust mehr – einer der Gründe, weshalb viele Hausärzte im Pensionsalter vergeblich einen Nachfolger suchen. In einigen Jahren werden das ganz schön viele sein. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Hessen gehen 61 Prozent der 3832 Hausärzte bis 2030 in Pension.

Team auf Zeit:  Daniel Tausch (links) bekommt in der Praxis von Klaus-Ulrich Henß Einblicke in den Alltag eines Landarztes.Foto: Sascha Lotz  Foto: Sascha Lotz
Team auf Zeit: Daniel Tausch (links) bekommt in der Praxis von Klaus-Ulrich Henß Einblicke in den Alltag eines Landarztes.Foto: Sascha Lotz  Foto: Sascha Lotz

Aus Frankfurt in den Bergsträßer Odenwald

Auf dem Land ist das Problem noch größer als in der Stadt. Da beeinflussen zusätzlich Vorbehalte die Entscheidung: Das Internet ist langsam, die Wege zum Hausbesuch sind lang, Kino oder Kneipe weit weg.

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„Je ländlicher die Gegend, desto schwieriger ist die Nachfolgersuche“, fasst Linda Barthen vom Institut für Allgemeinmedizin der Frankfurter Goethe-Universität zusammen. Dort versucht man, mit dem Pilotprojekt „Landpartie 2.0“, angehende Ärzte fürs Leben abseits der Metropolen zu gewinnen. Über mehrere Semester machen Studenten einwöchige Praktika in Lehrpraxen, von denen es derzeit 16 in drei hessischen Kreisen gibt: Fulda, Hochtaunus, Bergstraße.

Daniel Tausch ist schon zum dritten Mal in der Praxis von Klaus-Ulrich Henß in Wald-Michelbach. „Ich war vorher noch nie im Odenwald“, berichtet der 30-Jährige. „Und ohne Landpartie wäre das wohl auch so geblieben.“ Er studiert in Frankfurt, wohnt mitten in Frankfurt – und wenn er sich selbst eine Praxis gesucht hätte, „hätte ich vermutlich bei mir um die Ecke geschaut“.

Nun ist er in der 10.000-Einwohner-Gemeinde gelandet. Und er ist so angetan von Ort und Praxis, dass er beschlossen hat, alle Praktika dort zu absolvieren. „Ich kenne inzwischen die Patienten, sie sind sehr freundlich und offen“, erzählt Tausch. Sie haben auch keine Vorbehalte, wenn er sie behandelt und nicht der vertraute Herr Doktor. Tausch darf das inzwischen, unter Aufsicht natürlich. „Diese Eins-zu-Eins-Betreuung bei der Landpartie ist sehr wichtig.“

Auch von den Ärzten ist der Student begeistert. Die Chemie stimmt, sie machen zusammen Hausbesuche, gehen gemeinsam essen, und neben medizinischen Themen wird über anderes gesprochen, was für einen künftigen Arzt wichtig ist: Wie finanziert man eine Praxis? Wie ist der Verdienst? Wie verhält es sich mit der Budgetierung?

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Tausch hat sich schon vor der Landpartie für die Arbeit der Hausärzte interessiert: „Allgemeinmedizin finde ich spannend. Man ist nicht begrenzt auf ein Gebiet, sondern guckt sich den Menschen von oben bis unten an.“ Aber für ihn ist auch klar: „Einzelkämpfer zu sein, schließe ich für mich aus. Von morgens um acht bis nachts um elf oder zwölf arbeiten: Das will keiner mehr.“ Work-Life-Balance, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sind eben auch für junge Ärzte Thema.

Die Henßsche Praxis ist wie geschaffen, Studierende zu motivieren, die der klassische Ein-Mann-Betrieb eher abschreckt. Henß arbeitet nämlich mit vier Kolleginnen und Kollegen zusammen. Die beiden Männer – 66 und 75 Jahre alt – sind schon pensioniert, arbeiten aber immer noch gern. Eine der beiden Frauen hat ihre Ausbildung in der Henßschen Praxis beendet und ist dageblieben, die andere noch in Ausbildung. Beide haben kleine Kinder. Komplettiert wird das Team von weiteren zehn Beschäftigten: Putzfrau, Sekretär, Arzthelferinnen. Alle sind angestellt – und bis auf den Chef arbeiten alle Teilzeit.

Dieses Modell kann sich Daniel Tausch auch für sich vorstellen. Nicht nur wegen der Teilzeit und der Möglichkeit, Urlaub zu machen, ohne gleich die Praxis zu schließen. Die Option, als angestellter Arzt zu arbeiten, verringert den ökonomischen Druck. Nicht zuletzt: „Der Austausch mit Kollegen ist wichtig. Man schaut nicht alleine auf einen schwierigen Fall, man kann sich beraten.“

Eine Menge Vorteile also, die auch Praxisinhaber Henß betont. Er hofft, mit der Landpartie jungen Medizinern „das Landarztleben schmackhaft zu machen“. Der Alltag von Hausärzten befinde sich im Wandel, sagt er, und manches werde sogar besser. Seit der Reform der Bereitschaftsdienstzentralen etwa müssten die Hausärzte in der Regel nicht mehr nachts verfügbar sein. „Enorm wichtig, auch für nachfolgende Generationen“ sei das, sagt Henß.

Der 52-Jährige findet, dass auch er und seine Kollegen von der Landpartie profitieren. Das Projekt sei „eine gute Möglichkeit, Kontakt zur jungen Ärztegeneration zu haben. Man muss sich selbst hinterfragen, von den Studenten kommen viele Impulse“.

Pilotkreise finanzieren das Programm

Er ist nicht der Einzige, der das so sieht. Die Rückmeldungen der Ärzte und Studenten seien „durchweg positiv“, berichtet Linda Barthen vom Frankfurter Institut. Diana Stolz (CDU), Gesundheitsdezernentin des Kreises Bergstraße, hat die Lehrpraxen im Kreis besucht. „In allen fünf habe ich überwältigend positive Reaktionen gehört.“ Typisch sei die Aussage eines Studenten: „So modern habe ich mir das Land gar nicht vorgestellt.“

Die Pilotkreise geben Geld für die „Landpartie 2.0“. Im Kreis Bergstraße sind es 27 500 Euro für 2017/18, auch danach soll es eine Finanzierung geben. Schließlich gehen voraussichtlich 106 der 175 Hausärzte im Kreis bis 2020 in Pension. Das Projekt sei „ein Baustein von vielen“, um junge Mediziner zu gewinnen, sagt Stolz. Mit der Heidelberger Universität gibt es eine Kooperation, im Weiterbildungsverbund Bergstraße arbeiten niedergelassene Ärzte und Kliniken zusammen, um die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner zu fördern.

15 Plätze pro Jahr gibt es in der „Landpartie 2.0“, sodass nach drei Jahren 45 Studierende im Programm sind. „Der Hausarztmangel kann durch das Projekt nicht beseitigt werden“, sagt Barthen. „Aber es kann einen Beitrag dazu leisten. Wir sind offen, das Programm bei entsprechender Nachfrage der Studierenden langfristig auf andere Kreise zu erweitern.“

In Wald-Michelbach fragen Patienten Daniel Tausch schon mal, ob er der Nachfolger von Klaus-Ulrich Henß werde. Tausch lächelt. Er hat noch zwei Jahre Zeit für die Entscheidung, ob er wirklich Hausarzt werden will. „Im Moment genieße ich das Stadtleben, wo der Bäcker vor der Haustür ist. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, auf dem Land zu leben und zu arbeiten. Das ist eine Frage der Lebensphase.“