Der Ruf des Geldes: Berlin lockt hessische Grundschullehrer...

Berlin, Berlin, wir fahren... Ob sich tatsächlich hessische Lehrer in die Hauptstadt aufmachen, wird man sehen. Foto: Berliner Senatsverwaltung

Berlin fehlt es an Grundschullehrern. Um ihren Mangel auszugleichen, versuchen sie nun mit einer Kampagne, Lehrkräfte aus Hessen in die Hauptstadt zu locken. Dieses Vorhaben...

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WIESBADEN. „Einsteigen. Hier geht es nach Berlin“. Mit diesem Slogan auf großflächigen Plakaten wirbt die notorisch klamme Hauptstadt nicht etwa um Touristen oder Investoren. Nein, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sucht Grundschullehrer, und zwar dringend. Die SPD-Politikerin hat die Werbeaktion in diesen Tagen unter anderem am Frankfurter Hauptbahnhof gestartet.

Das hessische Kultusministerium reagierte wenig erfreut auf die Kampagne des Berliner Senats in Hessen. „Damit verstößt Berlin gegen die eigenen Grundsätze“, sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Die Kultusministerkonferenz habe sich im Jahr 2009 auf Betreiben Berlins auf einen „fairen Wettbewerb“ und eine „vertrauensvolle Abstimmung“ unter den Ländern beim Werben um Lehrer verständigt. Eine solche Abstimmung sei nach Kenntnis des Ministeriums im aktuellen Fall jedoch nicht erfolgt. Minister Alexander Lorz (CDU) werde das Thema im Kreis der Länderkollegen ansprechen.

Scheeres hatte angekündigt, dass Berlin in den kommenden Jahren jährlich mehrere hundert Lehrkräfte einstellen werde. Dabei befinde sich Berlin in einem bundesweiten Konkurrenzkampf um vollausgebildete Lehrer, sodass „wir bei der Werbung für die Berliner Schulen nicht die Hände in den Schoß legen können,“ so die Bildungssenatorin.

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Quereinsteiger ohne entsprechende Ausbildung

Tatsächlich herrscht an Berliner Grundschulen seit Jahren extremer Lehrermangel, weil das Land zu wenig Nachwuchs ausgebildet hat. Die Lage spitzt sich zu, da in den kommenden Jahren viele Pensionierungen anstehen und die Schülerzahl deutlich ansteigt. Fast 32.000 Erstklässler gab es zum Schuljahr 2017/2018. Berlin behilft sich mit Quereinsteigern, die keine didaktische Ausbildung haben, um den Kindern beispielsweise Lesen und Schreiben beizubringen. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind nur 18 Prozent der zum neuen Schuljahr eingestellten Grundschullehrer für dieses Lehramt ausgebildet.

Nun sollen Lehrer aus anderen Bundesländern dem Mangel abhelfen. Dabei lockt Berlin in seiner Not durchaus mit attraktiven Konditionen. Zum neuen Schuljahr ist das Gehalt um eine Stufe auf E13 angehoben worden. Und da die für 2017/2018 neu eingestellten Lehrer, etwa 400, gleich zu Beginn in die sogenannte Erfahrungsstufe 5 eingruppiert werden, beträgt das Bruttogehalt etwa 5100 Euro. Das sind satte 1200 Euro mehr als in der Besoldungsgruppe A12, nach der hessische Grundschullehrer bezahlt werden. Dazu kommt, dass sie die Erfahrungsstufe 5 erst nach mehreren Jahren erreichen.

Angebot hat großen Haken

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Berlin lockt also mit einer attraktiven Prämie, wie auch ein Sprecher des hessischen Kultusministeriums einräumt. Zum Teil aber nur auf den ersten Blick. Denn in Berlin bestehen durch die sofortige Eingruppierung in Gruppe 5 praktisch keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr. Zum zweiten, und das ist der eigentliche Haken an der Sache: In Berlin werden Lehrer anders als in Hessen nicht verbeamtet. Rechnet man die deutlich höheren Belastungen bei Renten- und Krankenversicherung für Angestellte mit ein, hat der angestellte Grundschullehrer in Berlin unter dem Strich kaum mehr im Portemonnaie als der beamtete Kollege in Hessen. Dazu kommen Arbeitsplatzsicherheit und eine deutlich bessere Versorgung der Beamten im Alter. Und die Verbeamtung ist in Hessen die Regel. 86 Prozent der 57.000 Lehrkräfte an öffentlichen Schulen sind Beamte.