Das lange Warten aufs E-Rezept

Auch in Südhessen taucht das elektronische Rezept bislang eher selten auf. Die flächendeckende Einführung zieht sich hin. Daran hapert es.

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SÜDHESSEN. Seit dem 1. September sind bundesweit 287.029 elektronische Rezepte eingelöst worden (Stand 22. September). Nach Angaben der Gematik, der nationalen Agentur für digitale Medizin, können in Deutschland mehr als 12.400 Apotheken E-Rezepte annehmen, die staatliche App wurde 364.694 Mal heruntergeladen. In der Region jedoch, das zeigt die Nachfrage bei Ärzten, Apothekern und Krankenkassen, ist das elektronische Rezept noch nicht wirklich angekommen.

In Südhessen wird in vielen Schaufenstern von Apotheken groß plakatiert: "Das E-Rezept kommt: wir sind dabei." Das heißt jedoch nur, dass sie technisch dafür gerüstet sind. Bislang gibt es nur einige wenige Arztpraxen, die das elektronische Rezept ausstellen. Auch die meisten Kliniken verwenden derzeit noch das Rezept auf Papier. Die Einführung des E-Rezepts läuft nicht rund. Unter anderem hapert es noch in diesen Bereichen:

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Lieferengpässe bei Halbleitern

Chipmangel: Im August machte die Nachricht die Runde, dass Lieferketten für das Halbleitermaterial, das auch in elektronischen Gesundheitskarten verbaut wird, ins Stocken geraten sind. Das Problem: Ohne den NFC-Chip (NFC steht für Near Field Communication: Nahfeldkommunikation) funktioniert das E-Rezept nicht. Die Lage auf dem Chipmarkt scheint sich mittlerweile etwas verbessert zu haben: Die AOK Hessen teilt auf Nachfrage mit, dass aktuell 80 bis 90 Prozent der Versicherten mit einer NFC-Gesundheitskarte ausgestattet sind. "Soweit die Chip- und Kartenmaterialverfügbarkeit es zulässt, werden wir zum Jahresende 2022/Anfang 2023 alle Versicherten mit NFC-Karten versorgt haben", so AOK-Pressesprecher Stephan Gill.

Zögerliche Beteiligung: Aktuelle Zahlen, wie viele Ärzte in Hessen seit September E-Rezepte ausgestellt haben, liegen der KV Hessen in Frankfurt nicht vor. Das einzige Pilotprojekt läuft seit Anfang September in 250 Praxen in Westfalen-Lippe. Ab Oktober sollen dort weitere 250 Praxen das E-Rezept testen. Bevor es in weiteren Regionen eingeführt wird, fordert die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dass das E-Rezept "gut funktioniert und etabliert ist". Auf die Frage, wann die KV Hessen mit einer flächendeckenden Einführung rechnet, verweist Pressesprecher Karl Roth darauf, dass dazu ausgereifte Anwendungen vorhanden sein müssen. Umsetzung und Nutzung des E-Rezeptes seien zudem davon abhängig, wie viele Apotheken im Einzugsgebiet einer Praxis die eingehenden Daten verarbeiten können. Auf der Internetseite mein-apothekenmanager.de ist aufgelistet, welche Apotheken das E-Rezept bereits annehmen.

"Hier müssen wir Hürden abbauen"

Komplizierte Anwendung: Um die App auf dem Smartphone nutzen zu können, benötigen Versicherte von ihrer Krankenkasse eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) mit NFC-Funktion samt PIN und einem NFC-fähigen Smartphone. Nach Angaben der Gematik haben mehr als 60 Prozent der gesetzlich Versicherten die neueste eGK-Version. Eine PIN, um sich für die App zu authentifizieren, haben jedoch erst weniger als ein Prozent der Versicherten. Sie kann bei den Krankenkassen bestellt werden; ausgegeben werden darf sie erst nach Identifikation des Versicherten. Damit mehr Menschen mitmachen, soll der Zugang erleichtert werden. "Hier müssen wir Hürden abbauen, zwischen Datenschutz und Datensicherheit abwägen und praktikable Lösungen finden", sagt Gematik-Geschäftsführer Leyck Dieken.

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Sicherheitslücken: Nach Angaben der Verbraucherzentrale bekommt das E-Rezept in der Arztpraxis eine elektronische Signatur. Damit kann die Apotheke feststellen, wer das E-Rezept ausgestellt hat und ob der Inhalt unbefugt verändert wurde. Die Daten werden verschlüsselt auf Servern der Telematikinfrastruktur gespeichert - und automatisch 100 Tage nach dem das Rezept eingelöst wurde, gelöscht.

Ist das Sicherheitsniveau inakzeptabel?

Kritik kommt unter anderem vom Chaos Computer Club: Ein Ausfall zentraler Dienste der Telematikinfrastruktur mache es unmöglich, E-Rezepte einzulösen. Die Verarbeitung erfolge unverschlüsselt, das Sicherheitsniveau sei inakzeptabel.

Sicherheitsbedenken hat auch die KV Schleswig-Holstein, die deshalb den Pilotversuch Anfang September abgebrochen hatte. Frei erhältliche Apps würden jeder Person, die befugt oder unbefugt im Besitz des QR-Codes sind, Einblick in die Daten einer Verordnung ermöglichen. Die Datenschutzbehörde des Landes hatte zudem die Versendung des QR-Codes per Mail oder SMS an Patienten oder Apotheken untersagt. Zulässig sei die Übermittlung per Mail nur mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.