Begehbares Dach für Mannheimer Multihalle

Frei Otto gilt als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Sein Tragwerk für die Mannheimer Multihalle ist die größte frei geformte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt. Seit 1998 steht die Halle unter Denkmalschutz. Archivfoto: Gerold

Frei Ottos war ein Meisterarchitekt und seine bedeutende Konstruktion soll ein begehbares Dach erhalten. 250 Architekten aus aller Welt haben sich für den Wettbewerb registriert.

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MANNHEIM. Sie gilt als schlafende Schönheit. Als architektonisches Meisterwerk. Und sie hat in letzter Zeit sogar international für Furore gesorgt. Doch die 1975 erbaute Multihalle im Mannheimer Herzogenriedpark hat ein paar altersbedingte Problemchen, die behoben werden müssen, um ihren Erhalt zu sichern. Zu ihrer Rettung hat sich 2016 der Verein Multihalle gegründet, ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Mannheim und der Architektenkammer Baden-Württemberg. Und der hat nun alle Hände voll zu tun.

Förderantrag über 14 Millionen Euro gestellt

Das Projekt ist so groß, dass die Referentin für Baukultur der Stadt Mannheim, Tatjana Dürr, dafür ein eigenes Büro in G 7 bezogen hat. Seitens der Stadt kümmert sie sich mehr oder weniger alleine um die Multihallenproblematik. „Die anderen Themen der Baukultur ruhen gerade ein wenig. Ich hoffe, dass ich sie wieder angehen kann, wenn die Halle gerettet ist“, erklärt Tatjana Dürr mit einem zuversichtlichen Lächeln. Aktuell steckt sie also mittendrin im Rettungsprozess. Zurzeit läuft der internationale Ideenwettbewerb „Democratic Umbrella“, für den sich bereits mehr als 250 junge Architekten aus aller Welt registriert haben. Sie wollen beziehungsweise sollen mit ihren Entwürfen die Multihalle zukunftstauglich machen. Zuvor gab es zum Thema „Multihalle“ schon Workshops, Bürgertage, Ausstellungen – unter anderem bei der Architekturbiennale in Venedig – und Diskussionen im Gemeinderat.

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Doch was genau bereitet den Rettern Sorgen? „Schon vor langer Zeit hat es erste Verformungen in der Dachkonstruktion gegeben“, sagt Tatjana Dürr. Diese seien zwar abgefangen worden, aber bislang nur temporär. „Nun geht es uns um eine Form der Sanierung, die uns eine dauerhafte Baugenehmigung gewährleistet.“ Denn es sollen nicht nur die Verformungen ausgebessert werden. Die Multihalle soll ein ganz neues Konzept erhalten. Nicht mehr – wie aktuell – mit einem Gebäude unter dem Dach, sondern als freistehendes Dach, das jeder begehen und nutzen kann – eine Art riesiger Regenschirm, verbunden mit einem vielfältigen Nutzungskonzept. Allerdings schreckten die Sanierungskosten, die mehrere Millionen Euro verschlucken dürften, erst einmal ab.

Trotzdem überwiegt bei der Referentin für Baukultur die Zuversicht, dass die Multihalle vom Relikt aus vergangenen Tagen zum Zukunftsmodell wird. „Die Zeit für diesen Prozess ist genau richtig“, erklärt sie. Zum einen habe der Dachkonstrukteur Frei Otto 2015 posthum den bedeutenden Pritzker-Architekturpreis erhalten. Zum anderen stehe 2023 in Mannheim die Bundesgartenschau an, die 1975 schon einmal dort stattgefunden hatte und die ausschlaggebend für den Bau der Multihalle war. Damals holte sich der Architekt und Mulithallenerbauer Carlfried Mutschler, der im Allgemeinen als prägend für das architektonische Bild Mannheims zählt, seinen Berufskollegen Otto Frei für die Dachkonstruktion der Multihalle ins Boot. Auch international wurden Stimmen für den Erhalt laut, wie das Echo nach der Ausstellung in Venedig zeigte. „Wir wurden regelrecht dazu aufgefordert, etwas zu tun“, so Tatjana Dürr.

Für sie – und damit stellvertretend für alle an der Rettung Beteiligten – ist die Multihalle mehr als nur ein erhaltenswertes Bauwerk. „Sie verkörpert das freie Denken, mit dem Frei Otto seine Bauwerke verband“, sagt Tatjana Dürr und bringt just eine weitere Hauptperson im Projekt „Multihalle“ ins Spiel: den Architekturtheoretiker, Frei-Otto-Experten und Dekan der Architekturfakultät in Karlsruhe, Georg Vrachliotis. Er beschreibt unter anderem Frei Ottos Denken in Modellen. Dessen Werke seien demnach experimentelle Symbole für eine offene Gesellschaft. Die Multihalle verkörpere dies wie kein weiteres Gebäude des 20. Jahrhunderts, schreibt der Architekturtheoretiker. „Daher auch Democratic Umbrella als Titel für den Wettbewerb“, erklärt Dürr. „Mit Georg Vrachliotis ging das alles los. Er hat das Projekt nach Venedig getragen, womit er geholfen hat, die internationale architektonische Bedeutung der Multihalle in die Öffentlichkeit zu rücken.“ Das könnte nun zur Rettung beitragen.

Um dafür an Gelder zu kommen wurde Ende November 2018 ein Förderantrag für das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ für die Dachsanierung eingereicht. Höhe: 14 Millionen Euro. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Tatjana Dürr aber mag nicht daran denken, dass es nicht klappt. Denn: „Wir haben nur einen guten Plan A.“