Sechs Monate Kurzarbeit im Opel-Stammwerk Rüsselsheim

WebDUMMY Opel Dummy Foto: Franz-Peter Tschauner dpa (zu dpa 0305 vom 08.08.2009) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Im Produktionswerk in Rüsselsheim hat der Autobauer bis März die Spätschicht gestrichen.

Anzeige

RÜSSELSHEIM. Opel fehlt es in der Produktion massiv an Arbeit. Zumindest bis zum Anlauf des neuen Astra im Jahr 2021 ist das im Stammwerk Rüsselsheim so. Deshalb hat die Tochter des französischen PSA-Konzerns jetzt bei der zuständigen Arbeitsagentur in Bad Homburg Kurzarbeit angemeldet. Wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte, soll die Kurzarbeit noch im Oktober beginnen und sechs Monate bis Ende März andauern.

Dabei entfällt den Angaben zufolge nach Absprache mit dem Betriebsrat die Spätschicht. Betroffen sind fast alle der 2600 Produktionsmitarbeiter. Der Schritt diene dazu eine „sozial verträgliche Brückenlösung“ zu schaffen, so der Autobauer. Und das genügt dann, bis der Astra vom Band rollt? Weiteres sei zumindest derzeit nicht geplant, so ein Sprecher mit Verweis darauf, dass insgesamt zwölf Monate vom Gesetz her möglich seien. Jochen Homburg, Chef der zuständigen Verwaltungsstelle der IG Metall in Darmstadt, bewertet die Kurzarbeit als „gute Lösung“ angesichts der Auftragslücken.

Wie viel das Unternehmen durch den Wegfall der Zuschläge in der Spätschicht spart, darauf wollte Opel nicht antworten. In der Spätschicht gibt es zehn Prozent mehr, in der Nachtschicht sogar 25 Prozent. Die Arbeitnehmer erhalten für die nicht geleistete Arbeitszeit Kurzarbeitergeld als Lohnersatzleistung sowie einen Zuschlag von Opel. In welchem Volumen, das wurde vom Unternehmen nicht kommuniziert.

Anzeige

Betriebsbedingt Kündigungen weiter ausgeschlossen

Wer Kinder auf der Lohnsteuerkarte eingetragen hat, der bekommt 67 Prozent vom Netto, so die Arbeitsagentur. Und die Opel-Aufzahlung stocke dies auf 90 Prozent auf, so die IG Metall. Wie Insider wissen wollen, müsse jeder Produktionsbeschäftigte unter dem Strich letztlich nur auf sechs bis zehn Prozent seines Geldes verzichten. Das Entwicklungszentrum und weitere zentrale Einheiten sind von Kurzarbeit übrigens nicht betroffen.

Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar an den deutschen Standorten bis Sommer 2023 ausgeschlossen. Aber über Abfindungsprogramme, Altersteilzeit und Vorruhestand seit der Übernahme durch PSA haben bereits 6000 Mitarbeiter in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach das nun wieder profitable Unternehmen verlassen, das zuvor 18 Jahre in Folge hohe Verluste verkraften musste. Und im Rüsselsheimer Montagewerk sollen bis zu 600 Beschäftigte noch gehen.

Grund für die Kurzarbeit, die sich seit Längerem angedeutet hat, ist das schwächelnde Geschäft. Nach dem Produktionsende des Vans Zafira wird in Rüsselsheim nämlich nur noch der Mittelklassewagen Insignia gebaut, der auf einer Plattform der ehemaligen Mutter GM steht. Sowie zwei Versionen des Modells für Märkte in Übersee als „Auftragsarbeit.“ Das entspricht etwa einer Jahresproduktion von rund 40.000 Einheiten – weniger als ein Viertel der Vollauslastung im Zweischicht-Betrieb. Opel kommentiert das nicht. Und im ersten Halbjahr sind die Verkäufe des Mittelklassemodells um fast ein Drittel auf 29.500 (43.000) Einheiten gesunken. Im Jahr 2018 waren in Rüsselsheim 123.277 Insignia und Zafira vom Band gerollt, was den derzeitigen Handlungsdruck unterstreiche, wie es hieß.

Anzeige

Opel-Chef Michael Lohscheller aber sieht den südhessischen Produktionsstandort deshalb nicht auf der Kippe. „Der Astra sichert den Standort für die nächste Dekade. Auch, weil es unser zweitwichtigstes Modell als elektrifizierte Version geben wird“, wie er jüngst in einem Interview mit dieser Zeitung sagte. Lohscheller hält es überdies für grundsätzlich denkbar, dass zur besseren Auslastung des traditionsreichen Stammwerkes dort künftig auch PSA-Modelle vom Band laufen. Die Barrieren seien nicht mehr so hoch, weil es nur noch zwei statt bislang neun Konzernplattformen gibt, die zusätzlichen Investitionen deshalb geringer sind.

Gleichwohl soll die Kapazität künftig schrumpfen. Statt 60 Autos pro Stunde plant man mit nur noch 40. Dann im Einschicht-Betrieb? Gewerkschaftsmann Homburg freilich will zurück zum Zweischicht-Betrieb – auch durch Modelle mit Zukunft. Das wäre für ihn der Elektro-Corsa. Aber der wird ja in Saragossa gebaut.

Von Achim Preu