Gefahr der falschen Fährte: Warum es oft schwer ist, von...

Wenn nach einem Bankraub Bilder der Überwachungskamera ausgewertet werden, stellt sich nicht selten heraus, dass die zeugen eine abweichende Beschreibung des Täters abgegeben hatten. Archivfoto. dpa

Im Winterhafen-Fall, der in den sozialen Netzwerken hohe Wellen geschlagen hat, wurde häufig gefragt, warum die Polizei keine Täterbeschreibung herausgegeben habe. Teilweise...

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MAINZ. Im Mainzer Winterhafen-Fall, der in den sozialen Netzwerken hohe Wellen geschlagen hat, wurde häufig gefragt, warum die Polizei keine Täterbeschreibung herausgegeben habe. Teilweise wurden der Polizei üble Absichten unterstellt: Sie würde die Identität verschweigen, um die Täter zu schützen – weil diese Flüchtlinge seien (was nicht bewiesen ist). Unter welchen Bedingungen Täterbeschreibungen von der Polizei herausgegeben werden, welche Probleme es gibt und welche rechtlichen Voraussetzungen eine Fahndung mit Fotos hat – das spielte bei den Mutmaßungen im Netz keine Rolle.

„Wir haben verschiedene Stufen einer Fahndung“, so Erste Kriminalhauptkommissar Uwe Lang, Leiter des K11 im Mainzer Präsidium, unter anderem zuständig für Tötungsdelikte. So werde unmittelbar nach einer Tat, wenn die Beamten vor Ort den Geschädigten befragen konnten, dessen Täterbeschreibung an die Streifenwagen für die Sofortfahndung im näheren räumlichen Umfeld herausgegeben. „Da reichen einige Merkmale“, so Lang, „und Personen, auf die diese zutreffen, werden kontrolliert, es werden die Personalien festgestellt und gegebenenfalls Fotos gemacht.“

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Wie lange diese erste Tätersuche dauert, hänge vom Tatort ab: „Am Bahnhof, wo jemand rasch verschwinden kann, dauert sie nicht so lange wie etwa im dörflichen Umfeld.“ Ob es überhaupt eine Beschreibung gibt, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem vom Zustand des Opfers, etwa, wenn es verletzt ist oder betrunken. Aber selbst wenn es aussagen kann, ist es möglich, dass durch den Schock jegliche Erinnerung fehlt – selbst wenn sich das Ereignis länger hingezogen hat. Aber ohne Täterbeschreibung wird es schwer, erst recht, wenn nach der Sofortfahndung auch die Öffentlichkeit eingeschaltet werden soll.

„Klassischer Fall ist der Bankraub, wenn man bei der Vernehmung von fünf Zeugen fünf verschiedene Antworten bekommt“, sagt der Hauptkommissar. „Da kann die Beschreibung eines einzigen Täters von Woody Allen bis Schwarzenegger reichen.“ Und in der Tat sei es vorgekommen, so Polizeisprecherin Heidi Nägel, dass das später gelieferte Bild der Überwachungskamera ein ganz anderes Aussehen des Täters präsentiert habe.

Zeugen nehmen unterschiedlich wahr

So könnte es durchaus sein, dass eine falsche oder sehr verzerrte Beschreibung die Polizei auf eine falsche Fährte lockt. Ein Beispiel: „Wenn ein Zeuge den Räuber aus der Bank über die Straße laufen sieht und gleich darauf fährt dort ein Auto los, kann es beim Zeugen zur Gewissheit werden, dass der Täter damit weggefahren ist – ganz gleich, ob er wirklich gesehen hat, dass dieser eingestiegen ist.“

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Deshalb würden auch die Zeugen bewertet, denn die seien höchst unterschiedlich. „Der eine kann gut beobachten, der andere ist zu aufgeregt. Und bei der Einschätzung des Alters spielt auch eine Rolle, welches Alter der Zeuge hat“, so Heidi Nägel. Hat man viele unterschiedliche Aussagen, versucht man die Merkmale herauszufiltern, bei denen die größte Einigkeit herrscht. Sind die Infos immer noch zu diffus, veröffentlicht man zunächst nichts: „Ein falsches Bild würde sich verfestigen und wäre kaum zu korrigieren“, so Uwe Lang. Dann suche man lieber nach weiteren Zeugen.

Wünsche der Eltern bei Minderjährigen

Oder man wartet, bis Geschädigte in der Lage sind, ihre Aussagen zu machen. So wie jetzt beim Winterhafen-Fall, bei dem erst keine verwertbare Beschreibung vorlag und die Eltern darum gebeten hatten, dass die Vernehmungen der Mädchen und des schwer verletzten Jungen erst nach den Feiertagen stattfinden. Da sie alle minderjährig sind, musste die Polizei diesem Wunsch nachkommen.

Dass in diesem Fall vom Vater des 16-Jährigen ein Foto eines vermeintlichen Täters ins Netz gestellt wurde, half der Polizei nicht – zumal der Mann das Foto auch nicht selbst gemacht hatte. Wenn man nicht wisse, wer das Bild wann gemacht habe und wen es zeige, sei es nicht verwertbar. „Wir können nicht auf eine Behauptung hin das Bild eines Menschen veröffentlichen, schon gar nicht das eines mutmaßlich Minderjährigen“, sagt Uwe Lang. Wobei die Entscheidung, Fotos für die Öffentlichkeitsfahndung zu nutzen, ohnehin von der Ermittlungsrichterin und nicht von der Polizei gefällt wird.

Im Übrigen: Die Veröffentlichung der Täterbeschreibung dient allein der Fahndung und nicht dazu, eine Person oder eine Bevölkerungsgruppe an den Pranger zu stellen. Hat die Polizei ohnehin schon deutliche Hinweise auf den oder die Täter, wird sie unter Umständen auch keine Beschreibung herausgeben. Das gilt für deutsche Tatverdächtige ebenso wie für ausländische.