Ehepaar von der Bergstraße tötete eigene Kinder

Aus diesem Auto ist das angeklagte Elternpaar am 31. August vergangenen Jahres geborgen worden. Beide werden beschuldigt, zuvor ihre Kinder getötet und ihr Haus angezündet zu haben. Foto: dpa

Wegen einer drohenden Zwangsräumung soll ein Ehepaar einen fatalen Entschluss getroffen haben. Dem Mann und der Frau werden vor dem Landgericht Darmstadt zweifacher Mord aus...

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DARMSTADT. Mit jeweils über 25 Hammerschlägen auf die Köpfe und Stichen in Brust und Hals soll ein Ehepaar aus Mörlenbach (Landkreis Bergstraße) Ende August 2018 seine 13 und zehn Jahre alten Kinder umgebracht haben. Freitag begann der Mordprozess gegen die 46 Jahre alte Zahnärztin und den 59 Jahre alten Kieferchirurgen vor dem Darmstädter Landgericht.

Angesichts einer drohenden Zwangsvollstreckung habe das Paar beschlossen, die Kinder mit Zimmermannshammer und Jagdmesser zu töten, das Haus anzuzünden und sich mit Autoabgasen zu vergiften, klagte Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge an. Er stützt die Anklage unter anderem auf eine Einlassung des Angeklagten beim psychiatrischen Gutachter. „Nur weil die Hausbelüftung unzureichend und die Feuerwehr schnell vor Ort war, brannte das Haus nicht ab“, erinnerte der Ankläger an den 31. August 2018 und die Rettung der Angeklagten aus Auto und Garage.

Ihr Haus im Ortsteil Bettenbach hatten die Angeklagten wegen ihrer Praxisinsolvenz im April 2018 bei einer Zwangsversteigerung an eine andere Mörlenbacher Familie verloren. Das Ehepaar wirkt äußerlich sehr verschieden. Der 59-Jährige, der zum Tatzeitpunkt über 160 Kilo gewogen hatte, ist groß und immer noch sehr kräftig; er kam in Bluejeans, Hemd mit kleinen schwarzen Karos und einem dunklen Pullover über den Schultern. Seine 46 Jahre alte Frau hingegen ist zierlich, sie war komplett in schwarz gekleidet.

Zu seiner Person machte der Angeklagte ausführliche Angaben. Detailliert trug er mit ruhiger Stimme vor, wie er in Norddeutschland aufgewachsen sei. Er sprach über seinen Vater und dessen Krebstod 1973. Er schilderte weiter, dass seine Mutter eine ehrgeizige Grundschullehrerin gewesen sei und wie er in Hannover erst Physik und Maschinenbau studierte und „nebenbei“ medizinische Vorlesungen besucht habe.

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„Wegen der handwerklichen Arbeiten bin ich dann in die Zahnmedizin gegangen“, erklärte er seine Berufswahl.

Die Praxis in Weinheim habe er noch mit seiner ersten Ehefrau 1998 eröffnet schilderte der Angeklagte. „Mit voller Auslastung von Anfang an.“ Von 2004 bis 2014 hatte er mit seiner jetzigen Frau eine Gemeinschaftspraxis.

Die Zahnarztpraxis geriet in finanzielle Schieflage

Aber ab 2012 habe die Kassenzahnärztliche Vereinigung die Praxis mit Prüfungen „übersäht“, Abrechnungsbetrug unterstellt und Honorare zurückgehalten, schilderte der Angeklagte, wie er – aus seiner Sicht unbegründet – in wirtschaftliche Schieflage geriet. Und 2015 war die Praxis mit 7000 Euro Sozialbeiträgen für die Angestellten im Rückstand, woraufhin die Sozialkasse im Oktober 2015 Insolvenzantrag stellte.

Nachfragen des Vorsitzenden Richters Volker Wagner zeigten aber auch, dass der Angeklagte ein Faible für Ferraris hatte. So hatte er 2010 zu seinem 50. Geburtstag einen Ferrari geleast, einen zweiten 2012 und 2015 – für 4000 Euro im Monat – einen weiteren.

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Die 46 Jahre alte Angeklagte schüttelte den Kopf, als der Richter sie fragte, ob die Sportwagen „ihr Ding“ gewesen seien. „Meine Kinder waren mein Hobby, sagte sie.“ Die Insolvenz sei für sie vollkommen überraschend gekommen, so die Angeklagte.

Das Ehepaar, das das Haus bei der Zwangsversteigerung ersteigert hatte, sagte auch aus. Das Haus haben die Ermittler freigegeben, es wird saniert. „Unter anderem sind die Kinderzimmer ausgebrannt“, sagte die Käuferin, sie gehe von bis zu 200 000 Euro Schaden aus. Beide Käufer schilderten, dass es mit den Angeklagten stets Schwierigkeiten gab, auch wenn man sich nie getroffen habe. Unter anderem habe der Angeklagte mit Anzeigen wegen Hausfriedensbruch gedroht und die Angeklagte habe erfolglos behauptet, Mieterin des Angeklagten zu sein, um Aufschub zu bekommen. Der Käufer blickte auf den 31. August zurück. „Um 7 Uhr 17 ging die Feuerwehrsirene. Mir war klar, dass unser neues Haus brennt.“ Der Prozess wird am Montag (25.) um 9 Uhr fortgesetzt.