„Wer arbeitet, bestimmt!“

Eine professionelle Kleinkunstbühne könnte nicht ansprechender daher kommen wie der Michelstädter Patat-Keller. Da sollte man wissen, dass dieses Theater sein verlässliches...

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MICHELSTADT. Eine professionelle Kleinkunstbühne könnte nicht ansprechender daher kommen wie der Michelstädter Patat-Keller. Da sollte man wissen, dass dieses Theater sein verlässliches Kulturangebot seit 22 Jahren ehrenamtlich auf die Bühne stellt: Von der Programmauswahl und Verpflichtung der Künstler bis zur Technik und Thekenbewirtung wird alles auf Vereinsbasis ohne Honorar gestemmt. Lange schon hält sich die Kellerbühne im Odenwald und darüber hinaus als einer der angesehensten Veranstalter für Kabarett, Comedy und Musikkünstler, die sich dem Blues und Jazz verschrieben haben.

Doch weshalb Patat? „Am Anfang war der Kartoffelkeller.“ So lautete die Überschrift des Patat-Programmhefts im Jubiläumsjahr. Und auf diesen ist seinerzeit der Erbacher Ingenieur Lothar Mertens gestoßen, als er die ehemalige Hofreite an der Erbacher Straße gekauft und die Gebäude zu ansehnlichen Wohnungen umgebaut hat.

Im sanierten Innenhof fällt ein Glasdach auf. Über den geschützten Eingang geht es über alte Sandsteintreppen nach unten. Bis an einen Umbau in eine Kellerbühne mit Thekenraum, Küche und Toiletten zu denken war, musste der frühere Kartoffelkeller erst einmal von Dreck, Schutt und Müll befreit werden. „Wie ein Virus verbreitete sich die Vision, und über 100 fleißige Hände packten dabei an“, beginnt Lothar Mertens gerne mit der Geschichte, die noch weiter zurückreicht und auf dem Erbacher Wiesenmarkt ihren Anfang genommen hat. Dies war fast drei Jahre zuvor. „Zu fortgeschrittener Stunde trafen sich im Europäischen Dorf ein paar Fantasten und beschlossen, eine Kleinkunstbühne auf die Beine zu stellen – und das im Odenwald! Ein mutiges, wenn nicht gar ein wagemutiges Vorhaben“, lacht Lothar Mertens.

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Aus Spaß wurde Ernst und damit die Idee auf solide Füße gestellt werden konnte, gründete der Freundeskreis einen Verein und gaben ihm einen Namen, der an die Herkunft erinnern sollte. Lothar Mertens wurde Vorsitzender und führt seitdem den Vorstand an. Nach gut zwei Jahren erstrahlten die alten Gewölbe in neuem Glanz. Einer der Keller wurde zum Veranstaltungsraum mit Bühne und Platz für rund 140 Zuschauer, der anderer zum Bar-Raum mit langer Theke.

Initiative kommt gut an

Im dritten Keller lagerten früher die Vorräte: ein idealer Platz für eine Küche. „Der Kartoffel und anderen Gaumenfreuden sind wir treu geblieben, und fortan hieß es im doppelten Sinne „Kultur satt“, was sich als Slogan etabliert hat. Auch draußen in der Bevölkerung kam die Initiative sehr gut an und die Mitgliederzahl wuchs auf rund 1000 an. „In den ersten Jahren blieb in keiner Veranstaltung ein Stuhl leer“, blickt Lothar Mertens stolz zurück.

Mehrmals im Jahr fand freitags und gleich am Abend darauf wieder eine Veranstaltung statt. Die Inhaber große Namen wie Volker Pispers, Urban Priol, Matthias Deutschmann, Thomas Freitag, Richard Rogler, Frank Lüdecke oder Arnulf Ratin treten neben Nachwuchskünstlern auch heute noch auf, aber insgesamt sind es weitaus weniger Veranstaltungen geworden. Jazz-Größen wie Emil Mangelsdorff, Hazy Osterwald, Charly Antolini, Trevor Richards, Engelbert Wrobel, Chris Hopkins, die Barrelhouse Jazzband, Dan Barrett und Leroy Jones haben Spuren hinterlassen.

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Es ist mitunter schwer, stets ausreichend freiwillige Kräfte zu finden, damit alles am Laufen gehalten werden kann, gesteht Lothar Mertens ein. Die Runde der Techniker ist relativ stabil geblieben, auch wenn es hier an Nachwuchs mangelt. Sorgen bereitet eher die Besetzung der Thekenmannschaft, die Sohn René managet. „Wer etwas Gutes tun will für das Überleben des Patat, lässt sich vor der Veranstaltung und in der Pause an der Theke nicht nur bedienen, sondern wechselt auch mal die Seite“, macht er deutlich, was das Patat von heute braucht.

Die Macher sind dennoch mit Leidenschaft dabei und haben keine Zweifel daran, dass die Erfolgsgeschichte des Patats maßgeblich den Grundsätzen zu verdanken ist, die heute noch gelten: Keine Politiker, keine Zuschüsse, ausschließlich ehrenamtliches Engagement, Kleinkunst auf hohem Niveau, Mitbestimmung nach dem Motto: „Wer arbeitet, bestimmt!“.