Überlebenstraining: Christine Mändle aus Steinbach schult...

Die Grundversorgung von Neugeborenen gehört ebenso wie die theoretische und praktische Schulung von Hebammenwissen zu den Aufgaben der Lehrhebamme Christine Mändle, die ihr Wissen und ihre Erfahrung auf Madagaskar weiterreicht.Foto: Michael Lang  Foto: Michael Lang

Man hat sie dorthin gerufen, wo der Pfeffer wächst. Gerne ist sie gekommen und fliegt auch immer wieder nach Madagaskar, jene Insel, die viele Menschen geografisch nur schwer...

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STEINBACH. Man hat sie dorthin gerufen, wo der Pfeffer wächst. Gerne ist sie gekommen und fliegt auch immer wieder nach Madagaskar, jene Insel, die viele Menschen geografisch nur schwer verorten können, und deren Bewohner arm sind. Genau da bringt Christine Mändle aus Steinbach ihre Erfahrung und ihr Wissen ein. Beides hat sie in beinahe 45 Jahren als Hebamme reichlich erworben. „Nein, ein Helfersyndrom habe ich nicht“, sagt die ehemalige und reaktivierte Geburtshelferin, „aber Tanja Hock hat mich gerufen, um die Ausbildung von jungen Kolleginnen zu optimieren“.

Die Grundversorgung von Neugeborenen gehört ebenso wie die theoretische und praktische Schulung von Hebammenwissen zu den Aufgaben der Lehrhebamme Christine Mändle, die ihr Wissen und ihre Erfahrung auf Madagaskar weiterreicht.Foto: Michael Lang  Foto: Michael Lang
„Genau da liegt Madagaskar“, zeigt Christine Mändle aus Steinbach auf dem heimischen Globus. Foto: Michael Lang  Foto: Michael Lang

Hock ist eine ehemalige Schülerin von Christine Mändle und kümmert sich als Vertreterin der 2010 gegründeten Mobilen Hilfe Madagaskar (MHM) mit Sitz in Babenhausen um die Wöchnerinnen in der Klinik von Ambovo nahe der Hauptstadt Antananarivo. „Deren Fähigkeiten sind aufgrund fehlender Strukturen unzureichend, so dass es zwingend nötig ist, die Kenntnisse zu optimieren“, erzählt die Frau, die zusätzlich zu ihrer Praxis in Steinbach als Lehrhebamme und Schulleiterin am Aschaffenburger Klinikum gearbeitet hat.

Im April ist dann der nächste Besuch geplant

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Und genau das ist ihr Ziel: Wissen zu transferieren und damit selbstsichere und allein verantwortliche Geburtshelferinnen den Schwangeren im Land bieten zu können. So fährt Christine Mändle im April erneut auf die Insel, unterrichtet die Hebammen in Theorie und Praxis – auch bei Einsätzen im Kreißsaal, „denn hier können die Schülerinnen ihr erworbenes Wissen beweisen“.

Möglich gemacht wird dies mit Spenden und der Unterstützung von verschiedenen Stiftungen. Mändle selbst arbeitet ehrenamtlich, lediglich die Kosten für den Flug werden ihr erstattet. Doch auch zu Hause ist sie aktiv, beschafft Modelle und Simulationstrainer für notwendige Trockenübungen. 20 Angestellte, davon sind zwei Ärzte und einer Zahnarzt, sowie fünf Hebammen arbeiten in Ambovo. Man verzeichnet an die 200 Geburten pro Jahr. Warum tut sich jemand, der sowohl eine Hebammenpraxis sein Eigen nannte, als auch eine leitendende Stelle an einer renommierten Schule innehatte, dies an? „Weil alle Frauen überall auf der Welt ein Recht auf Begleitung bei der Geburt haben. Das sagt sogar die Weltgesundheitsorganisation. Und weil ein Menschenleben dort genauso viel wert ist, wie ein Menschenleben hier!“ Und weil sie für ihren Beruf noch immer brennt. Das sagt sie nicht, das spürt man aber im Gespräch.

Pathologische Vorgänge in der Schwangerschaft, mögliche Notfälle während der Geburt und eine fachlich kompetente Nachsorge sind große Themenblöcke, die in Fallbeispielen trainiert werden. Zweimal die Woche gibt es für die Mütter eine Kindersprechstunde, wo Fragen beantwortet und Tipps gegeben werden, notwendige Untersuchungen eingeschlossen. Zudem erfolgte Mändles Einsatz auch schon im Jahr 2009 installierten Hebammenmobil, einem umgebauten Sparkassenbus, der zu den Leuten aufs Land kommt. Denn dort sind die hygienischen Verhältnisse miserabel. „Man lebt mit Hunden, Katzen, Ratten, Mäusen und Flöhen zusammen. Fließendes Wasser und Strom sind selten. In unsere Klinik kommen die Schwangeren übrigens abends, da tagsüber das Leben organisiert werden muss.“

Über Rückschläge wundert sie sich nicht. „Das geht alles ganz langsam. Zwei Schritte vor und einen zurück. Aber wir sehen Erfolge und das ist überaus erfreulich! Darüber hinaus ist die medizinische Grundversorgung kostenlos“, erzählt die Frau, die auch reichlich Fachliteratur veröffentlicht hat.

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Englisch ist die Unterrichtssprache, manche können auch Französisch. „Doch gerade auf dem Land wird lediglich Malagasy gesprochen. Deshalb haben wir Übersetzer.“ Trotzdem fragt sie sich oft: Kann ich mit dem Elend umgehen, wo Mütter ihre Säuglinge aus Armut an Müllhalden ablegen, auf denen Menschen leben? – Ja, sie kann.

„Aber Madagaskar wird nicht mein Lebensmittelpunkt werden. Der ist seit 1996 der Odenwald und bleibt es auch. Doch das Weitertragen von Wissen und die Gewissheit, dass das Gelehrte auch ankommt und langsam Früchte trägt, macht immer wieder Hoffnung.“