Ostermarsch im Odenwaldkreis als Generationen-Projekt

Der 83 Jahre alte Klaus Vack und die 16 Jahre alte Hannah Nieratzky gaben dem Odenwälder Friedensmarsch 2019 einen belebenden Spannungsbogen.

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ERBACH/MICHELSTADT. Rund 250 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder haben zu den Festtagen der Ostermarsch-Tradition im Odenwald Beine gemacht. Mit ihrem Zug am Samstag von Erbach nach Michelstadt bestätigten ein Wiedererstarken der Bewegung, die zwischenzeitlich erkennbar an personeller Kraft verloren hatte. Zwischen den Unentwegten und den Jugendlichen allerdings klafft eine Lücke: Die Generation der Dreißig- bis Fünfzigjährigen zeigte der Idee, für den Frieden zu demonstrieren, auch 2019 die kalte Schulter.

Von den Gekommenen blieb zumindest in einem Augenblick keiner kühl: Mit dem Gedicht „An meine Landsleute“ von Bertolt Brecht verlieh die Galionsfigur der großen Odenwälder Friedensmärsche aus den Achtzigerjahren, Klaus Vack, der Kundgebung 2019 Nachdruck. Mittlerweile 83 Jahre alt, berührte er mit seinem freien Vortrag. Zudem legte er den Ansatz für einen Spanunngsbogen, der sich von ihm zum Auftritt der 16-jährigen Schülerin Hannah Nieratzky spannte. Eindringlich mahnte die Erbacher Schülerin die Erwachsenen, jetzt zu ihrer Verantwortung zu stehen.

DGB-Vorsitzender Staier spricht zum Auftakt

Die Funktion des Friedensmarschs als Aufruf an alle Bürger, sich für einen friedlichen Planeten einzusetzen, hatten die Veranstalter schon bei der Auftaktkundgebung auf dem Erbacher Marktplatz proklamiert. „Weltweit verhungern 25000 Menschen, darunter viele Kinder, fast 70 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Hauptursache sind Kriege, Bürgerkriege und militärische Eingriffe von außen“, rief hier DGB-Kreisvorsitzender Staier. Als Mittäter benannte er Deutschland als einen der Spitzenreiter unter den Waffenlieferanten. Die Kündigung des INF-Vertrags zur Beschränkung der Nuklearwaffen durch die USA und Russland drohten, die Ära der Rüstungskontrolle zu beenden. Nach Überzeugung Staiers ist nun Deutschland zum Gegenlenken gefordert, indem es sich der Forderung nach Mehrausgaben widersetzt.

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Gewerkschaftliche Gruppierungen, wie sie Staier repräsentiert, machen indes nur einen Teil des Odenwälder Anti-Kriegs-Bündnisses aus. Für den Anteil der christlichen Kirchen schlug Beate Braner-Möhl für das evangelische Dekanat Odenwald verbindlichere Töne an. „Suche Frieden und jage ihm nach“, nannte sie die evangelische Jahreslosung für das Jahr 2019 als Ansatz für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Christliche Grundsätze vertrügen sich nicht mit dem Rückzug ins Privatleben.

Stattdessen ging es vom Erbacher Marktplatz auf die Straßen von Erbach und Michelstadt, wo nicht Reden, sondern Gesang für das Gedankengut der Demonstranten warb. Gespielt und gesungen wurden Stücke aus dem traditionellen Liedgut der Friedensbewegung, diesmal allerdings durchsetzt von Parolen. Gerade in den Innenstädten trafen die Marschierer auf viel Aufmerksamkeit von außen, ehe die Schlusskundgebung am Michelstädter Lindenplatz wieder den Kreis schloss.

In den Odenwald gekommen war Thomas Schwoerer, der Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft. Er erklärte, dass kein militärischer Einsatz jemals den Frieden gefördert habe. Vom Vietnam- über den Kosovo-Krieg bis hin zu den aktuellen Kriegen in Syrien, Jemen und Afghanistan reichten die Beispiele, wie jedes Eingreifen nur weitere Opfer gefordert habe. „Militäreinsätze sind kein Opferschutz“, fasste er zusammen. Nur Verhandlungstische förderten den Frieden, und alle sollten an ihnen sitzen, auch die Dschihadisten.