Im Porträt: Anton Stortchilov (Linke) kandidiert für den Odenwald

Der 32-Jährige kritisiert, dass vielerorts im reichen Land Hessen Schwimmbäder schließen müssen. Foto: Dirk Zengel

Michelstädter Historiker mit russischen Wurzeln setzt sich nicht nur für Flüchtlinge ein. Anton Stortchilov will als Linker im Landtag auch Kommunen und Odenwaldbahn stärken.

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MICHELSTADT. In Moskau geboren, ist Anton Stortchilov einst mit 16 Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling in den Odenwald gekommen. So ist dem Landtagskandidaten der Linken für den Odenwaldkreis die Integration von Flüchtlingen ein wichtiges Anliegen.

An erster Stelle seiner politischen Ziele nennt der 32-Jährige ohne Listenplatz der Partei aber etwas anderes: „Die Kommunen müssen finanziell angemessen so ausgestattet werden, dass sie ihren Aufgaben gerecht werden können.“ Er kritisiert: Vielerorts im reichen Land Hessen würden Schwimmbäder dicht gemacht und Krankenhäuser privatisiert, manche gar geschlossen.

Auf den Einwand, dass die Stärkung bedeutsamer Häuser wie etwa in Erbach mit der Schließung unrentabler Kliniken indirekt zusammenhängt, betont Stortchilov: „Die Schließung von Kliniken ist generell schlecht.“ Grundsätzlich müsse die kommunale Infrastruktur erhalten werden, auch im Gesundheitswesen. „Eine gute Gesundheitsversorgung sollte am besten vor Ort sein“, findet der Kandidat, „nicht jeder hat ja ein Auto“.

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Und es sei kein Naturgesetz, dass Leute aus dem Odenwald wegziehen müssten. „Schnelles Internet ermöglicht auch hier Arbeitsplätze“, erklärt Stortchilov, der meist vom Homeoffice in Michelstadt aus für den Landtagsabgeordneten Hermann Schaus arbeitet.

„Aber das Leben verödet auf dem Land. So wollen junge Leute hier nicht bleiben“, stellt er fest. Das kulturelle Angebot gerade für Jugendliche und junge Erwachsene müsse gefördert werden. Dass der Einzelhandel stirbt, da könne die Kommune kaum gegensteuern. „Aber fast nur Wohnen macht den Odenwald unattraktiv.“ Soziales Leben müsse laut Stortchilov gestaltet werden. Der Linke will zum Beispiel die Lichtspiele auf dem Land erhalten, sieht viele Kinos in ihrer Existenz gefährdet.

Zudem solle die Odenwaldbahn gestärkt werden: „Das Land könnte die Elektrifizierung angehen.“ Der Historiker mit Studienabschlüssen in Politik und Jura kennt innovative Projekte in den Alpen, die Tunnel problemlos passieren lassen. Die ÖPNV-Verbindungen müssen noch besser werden, selbst wenn sich bei der Bahn schon einiges getan hat, etwa mit dem Nachtzug am Wochenende. Schüler haben ihm den Bedarf für abends verdeutlicht, auch, damit junge Leute nicht übernächtigt fahren. Per App sollten Busse und Sammeltaxis bestellt werden können, fordert er. Da in Hessen Schüler, Studenten und Staatsbedienstete bereits kostenlos fahren, ist es für ihn „nur ein logischer Schritt, für alle kostenlosen ÖPNV anzubieten“.

Schließlich setzt sich Stortchilov dafür ein, die Umstände für Geflüchtete zu verbessern. Abschiebegefängnisse lehnt er ab. „So kann keine Integration gelingen.“ Und die Bemühungen der Ehrenamtlichen werden konterkariert. Straffällige sind hier zu verurteilen und zu bestrafen, das Rechtssystem sieht nicht vor, Probleme in andere Länder auszulagern, meint Stortchilov. Im Odenwaldkreis gebe es da wenige Probleme: „Mit den Flüchtlingen ist das vorbildlich gelaufen.“ Doch auch hier werde eine Angststimmung vor Fremden geschürt. So kritisiert er die Angstmacherei der AfD als übertrieben, sagt: „Die Flüchtlingskrise ist eine Krise in den Köpfen.“ Dönerbuden werden zu Restaurants, das zeigt, dass Menschen sich integrieren können. Dies habe er am eigenen Leib erfahren: „Ich selbst war Migrant in einer Schulklasse, verstand kein Wort deutsch, konnte die Sprache nicht.“ Mitschüler halfen ihm.

In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich gern Schach, kocht gern und hat eine Schwäche für Historienfilme. Zur Lektüre greift er sich meistens Geschichtsbücher, manchmal auch Fantasyromane. Ich warte seit vielen Jahren ungeduldig auf das nächste Buch von George R.R. Martin.

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Von Elmar Streun