Bürger erinnern an Nazi-Morde

Rosen als sichtbares Zeichen der Anteilnahme: Zu einem Rundgang gegen das Vergessen treffen sich viele Michelstädter am Donnerstag, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, vor dem historischen Rathaus. Der Weg führt die Gruppe auch zu den drei Stolpersteinen neben der Synagoge, die an David, Herbert und Uri Michael Strauss erinnern. Die Kinder waren mit acht, sechs und fünf Jahren 1943 von den Nationalsozialisten ermordet worden. Foto: Dirk Zengel  Foto: Dirk Zengel

Wer verantwortungsvoll und kritisch auf die deutsche Geschichte zurückblickt, stößt beim 9. November unweigerlich auf die Pogromnacht von 1938, als die Nationalsozialisten...

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MICHELSTADT. Wer verantwortungsvoll und kritisch auf die deutsche Geschichte zurückblickt, stößt beim 9. November unweigerlich auf die Pogromnacht von 1938, als die Nationalsozialisten mit dem Niederbrennen von Synagogen die Hetze auf jüdische Einwohner steigerten. In Michelstadt erinnert zum Jahrestag die Stolperstein-Initiative an die Vertreibung und Ermordung von 59 jüdischen Bürgern der Stadt, denen zum Gedenken sogenannte Stolpersteine, Namensplaketten aus Messing, angefertigt wurden.

Seit acht Jahren erinnert die Stolperstein-Initiative an diese schrecklichen Vorkommnisse. Den Fokus in diesem Jahr legte der Initiativ-Sprecher Heinz-Otto Haag auf ermordete Kinder, vor denen die barbarische Rassenideologie der Nazis ebenfalls nicht Halt machte.

An der Gedenkveranstaltung und dem Stolperstein-Rundgang durch die Innenstadt nahmen Bürger aller Generationen teil, darunter zwei zehnte Klassen der Theodor-Litt-Schule mit ihren Lehrerinnen Dominique Seip und Karin Ebert-Rolle. Die Koordination lag in den Händen von Eva Heldmann vom Evangelischen Dekanat Odenwald. Schulleiter Dieter Weis spielte zu einzelnen Passagen der Veranstaltung auf dem Saxofon.

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Chanson-Text von Reinhard Mey verlesen

Zu Beginn verlasen Schüler auf dem Marktplatz den Text eines Chansons von Reinhard Mey zu dem Buch „Die Kinder von Izieu“ von Beate Klarsfeld vor. Danach wurde das Lied selbst abgespielt.

Es berichtet von 44 jüdischen Kindern, die von der französischen Bevölkerung in einem früheren Waisenhaus in Izieu, einem kleinen Alpendorf im Département Ain, versteckt worden waren. Das Jüngste war vier Jahre alt. Am 6. April 1944 wurden sie von der in Lyon stationierten Gestapo unter Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, entdeckt und mit ihren Betreuern in Auschwitz-Birkenau vergast.

Haag erinnerte daran, dass unter den Ermordeten sich auch der 16-jährige Theodor Reis aus Pfaffen-Beerfurth befunden hat. Reinhard Mey hat ihm die Zeilen „Théodore, der den Hühnern und Küh’n das Futter bringt“ gewidmet.

„Die Stolpersteine geben den Opfern auch ihren Namen wieder, der ihnen bei ihrer Einlieferung in ein Konzentrationslager genommen und durch eine Nummer ersetzt wurde. Und nicht zuletzt bieten die Stolpersteine den überlebenden Angehörigen einen Ort, an dem sie um ihre Toten trauern und für sie beten können“, mahnte Haag dazu, die Erinnerung nicht aufzugeben. Der Schriftsteller Paul Celan formulierte es so: „Sie fanden ihr Grab in den Lüften.“

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Auf ihrem Rundgang zur Synagoge und von dort durch die Mauerstraße, Große Gasse, Schulstraße, Waldstraße zur Bahnhofstraße verlasen Schüler die Namen der Opfer und legten an jedem Stolperstein zum christlichen und zum jüdischen Totengedenken jeweils eine Rose und einen Kieselstein nieder. Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche, der jüdischen Gemeinde und der alevitischen Gemeinde Odenwald sprachen Friedensgebete.

In Respekt vor den Toten nahmen sich an jedem Verlegungsort alle an dem Rundgang teilnehmenden Personen bei der Hand, um auf Hebräisch und auf Deutsch die Worte „Shalom aleichem! Friede sei mit Euch!“ zu sprechen. Die Stolperstein-Initiative geht auf den Aktionskünstler Gunter Demnig zurück, der die meisten davon persönlich im Boden vor den Häusern eingesetzt hat, in denen die Verfolgten des Naziregimes bis zum Beginn der Judenhetze gewohnt und gelebt haben. Darunter befanden sich angesehene Geschäftsleute wie die Familie Reichhardt, die in der Braunstraße ein Textilgeschäft unterhielt und fünf Opfer zu beklagen hat.