Die Landwirte im Odenwald leiden nicht nur wirtschaftlich...

Weil es im trockenen Sommer 2018 für Landwirte wie Markus Koch in Güttersbach auf Weiden und Äckern nichts mehr zu holen gibt, sorgen sie sich um die Zukunft ihrer Kühe und den Milchertrag ihrer Herden. Foto: Joaquim Ferreira

Der trockene und heiße Sommer nimmt dem Vieh seine Lebensgrundlage. Den Bauern setzt das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch zu.

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ODENWALDKREIS. Selbstmitleid ist nicht die Sache der beiden Bauersfamilien, weder die der Muths und Kochs vom Bärenhof in Güttersbach noch jene der Seips vom Lindenhof in Hetzbach. So extrem sie die Trockenheit des Sommers 2018 bisher erfahren haben, so unaufgeregt schildern die Betriebsinhaber die Lage - bis sie auf ihr Vieh zu sprechen kommen: "Unsere Tiere tun mir leid", sagt Bettina Koch (38). "Natürlich geben wir immer Tiere zum Schlachten ab", assistiert Kollegin Susanne Seip (34). Die Akzeptanz dessen als Teil landwirtschaftlicher Betriebsführung sei aber nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber der Kreatur gleichzusetzen.

"Uns fällt bei keinem Tier der Abschied leicht, weil wir in jedem weiter das individuelle Lebewesen sehen", sagt Koch und betont, dass jede der 140 Kühe ihres Hofs ihren Namen habe. Und Tier für Tier bedauert die Bäuerin jetzt dafür, dass es den Sommer 2018 ganz anders als üblich erlebt. Statt draußen auf der Weide frisches Gras zu fressen, stehen die Kühe im Stall und ernähren sich von dem, was von der Ernte des Vorjahres noch übrig ist. "2017 war glücklicherweise ein Futterjahr", erklärt Ehemann Markus Koch (34). "Sonst ginge es jetzt schon viel stärker ans Eingemachte." Konkret versteht er darunter auch den verstärkten Verkauf von Tieren, meist zum Schlachten. Denn wenn das Futter nicht mehr reicht, muss die Herde verkleinert werden.

Drohende Verkäufe bedrohen Stabilität des Fleischmarktes

Ein Zwang zum radikalen Schnitt zeichnet sich zwar weder für den Bären- noch für den Lindenhof ab. "Aber man entscheidet sich eben hie und da mal leichter für die Abgabe eines Tieres, wenn es um Behalten oder Verkaufen geht", räumt Koch ein. Aus dem Gleichgewicht gebracht hat die in Jahrzehnten gefestigte Hofführung das Ausbleiben von Regen über acht Wochen hinweg. "Dabei hat mit einem rekordverdächtigen ersten Futterschnitt alles gut angefangen", erinnert sich Seniorchef Herbert Muth (64). Bei der zweiten Ernte habe man dann so wie seine Familie schon zu den Glücklichen gehören müssen, "die früh dran sein konnten". Dann aber habe sich eine Dürre über die Wiesen und Felder gelegt, die für den im Hochsommer üblichen dritten Schnitt nichts übrig gelassen habe.

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"Spätestens hier ist die Ernte für alle Odenwälder Grünland-Höfe ausgefallen", ergänzt Kreislandwirt Hans Trumpfheller. Und der im Herbst übliche vierte Gang sei, wenn überhaupt, nur mit wiederholten Regenperioden zu retten. "Eins, zwei Schauer reichen nicht, da fließt das Wasser einfach über die ausgetrockneten Böden hinweg", erklärt Trumpfheller. Auch er will die Folgen für die einzelnen Bauernhöfe und die Odenwälder Landwirtschaft nicht dramatisieren, kommt aber auf die wirtschaftlichen Konsequenzen zu sprechen. So werden sogar jene Betriebe, die noch einigermaßen gut wegkommen, mindestens bis zur Vegetationszeit 2019 weniger Milch gewinnen und damit Einkommenseinbußen hinnehmen. Denn selbst wenn noch genug Futter bereitgestellt werden kann, wird es nicht die Qualität erreichen, die Kühe ihr Bestes geben lässt. "Hoffentlich hat wenigstens die Molkerei ein Einsehen und zahlt uns weiter den Sondercent, den wir für den Weidegang unserer Kühe bekommen", spricht Bettina Koch einen weiteren Aspekt an. Denn würde der Bärenhof seine vierbeinigen Mitarbeiter diesen Sommer weiter auf die Wiese schicken, gäbe es bald weder Milch noch Kühe mehr. "Für die Steppe sind die nicht gemacht", bringt Herbert Muth die Sache auf den Punkt.

Je nach Futterknappheit wird der zusätzliche Verkauf von Tieren nicht nur die verkaufbare Milchmenge weiter reduzieren, sondern auch den Markt für Mast- und Schlachttiere kaputtmachen, fürchtet Kreislandwirt Trumpfheller. Das plötzlich steigende Angebot drohe die Fleischpreise zu erodieren, sodass von dieser Seite noch nicht einmal der einmalige Verlustausgleich zu erwarten sei. Wer allerdings erwartet, dass Trumpfheller und die beiden Bauersfamilien an dieser Stelle in den auf Bundesebene zu hörenden Ruf nach einem Milliardenausgleich aus Steuergeld einstimmen, der sieht sich getäuscht. "Wir wollen kein Geld vom Staat", bekräftigt Susanne Seip. "Bei unseren kleinen Betrieben im Odenwald kommt davon erfahrungsgemäß ohnehin so wenig an, dass es hier keinem weiterhilft." Als Profiteure solcher Subventionen seien wieder einmal landwirtschaftliche Großunternehmen mit riesigen Flächen absehbar, die mit fremdem Kapital geführt würden.

Wer die kleinräumige Odenwälder Landwirtschaft mit ihrer übersichtlichen Produktion und ihrer Funktion beim Erhalt der Kulturlandschaft stützen wolle, müsse vor allem zweierlei fördern, ergänzt Markus Koch: das Bewusstsein der Bevölkerung für den Wert regional produzierter Nahrungsmittel und angemessene Preise. "Wir wollen keine Subventionen, sondern eine gerechte Kräfteverteilung am Markt", fasst der Bärenhof-Chef zusammen und packt dies in das Verlangen nach Maßnahmen, mit deren Hilfe sich die Macht der gewaltigen Einzelhandelskonzerne und großen Molkereien brechen lässt.

Ohne über Steuermittel bluten zu müssen, könnten die Bürger genau hier helfen - mit entsprechendem Druck auf die Politik und Bewusstsein für das eigene Einkaufsverhalten. "Direkt bei uns Bauern kaufen - oder bei kleinen regionalen Veredlern wie der Hüttenthaler Molkerei", empfiehlt Bettina Koch, deren Vater Herbert Muth hier sogar an eine positive Nebenwirkung der Erntemisere glaubt: "In diesem Sommer merkt doch jeder, was es bedeutet, in Abhängigkeit von der Natur zu arbeiten", sagt der 64-Jährige. "Und das sollte den Respekt vor unserer Tätigkeit fördern." Das wäre zumindest kein geringer Trost für die nächsten Jahre, wenn die Muths, Kochs und Seips unter hoffentlich wieder besseren Bedingungen weitermachen. Denn an das Fortbestehen ihrer Höfe, wenn auch unter Einschränkungen für ihre Familien, glauben sie - und sei es aus Erfahrungsschätzen wie dem von Herbert Muth, der das Jahrhunderte alte Anwesen im Talschluss von Güttersbach seit 45 Jahren mitbewirtschaftet: "1976 und 2003 haben uns ähnliche Trockenheiten heimgesucht", erinnert er sich, "und doch gibt es uns weiter."