Echo hilft Grundschule Beerfurth: Was Corona mit Kindern macht

aus Leseraktion "Echo hilft"

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Spielerisch können Kinder sich mit ihren Emotionen auseinandersetzen. Psychotherapeutin Marlene Schwarz übernimmt dann das Aufräumen. Foto: Dirk Zengel

Im Interview spricht die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Marlene Schwarz über zunehmende Verunsicherung und fehlende Hilfsangebote.

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BRENSBACH. Für Kinder und Jugendliche bedeutet die Corona-Krise eine tiefe Verunsicherung. Gerade jetzt bräuchten sie Halt, Orientierung und Verlässlichkeit. Doch in Kitas, Schulen und in ihrem sozialen Umfeld finden sie oft Unsicherheit vor, was zu großer Hilflosigkeit und Angst führt, schildert die Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, Marlene Schwarz. Der Bedarf an Therapieplätzen sei enorm gestiegen.

Wer sind denn in Zeiten der Pandemie Ihre Patienten?

Es sind nicht die Erstklässler, so gravierend die Problematik des Distanzunterrichts auch für sie war, sondern es sind eher die Vorschulkinder und die Jugendlichen, die am häufigsten bei mir vorstellig werden. Viele Vorschulkinder zeigen ängstliches oder sozial auffälliges Verhalten, weil ihnen enorme Anpassungsleistungen an den wechselhaften Lebensalltag zugemutet werden, die sie oft überfordern. Die Folgen sind, dass diese Kinder das Gefühl haben, nicht in Ordnung zu sein und zu versagen. Das schürt einerseits Angst vor Beziehungsverlust und andererseits Wut, die sich in Regelverletzungen oder körperlicher Gewalt entladen.

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Mit welchen Problemen kommen denn die Jugendlichen zu Ihnen?

In erster Linie sind es Depressionen, die oft von suizidalen Gedanken begleitet werden. Bei einem von sechs Jugendlichen hat sich während des Lockdowns eine depressive Symptomatik entwickelt. Angst- und Zwangsstörungen kommen auch gehäuft vor. Die Pandemie bringt Verlustängste mit sich und die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Jugendliche erleben sich ohnmächtig, ihr Leben zu gestalten, sich in Gruppen oder Liebesbeziehungen zu erproben, Grenzen auszutesten. Sie werden ihrer Freiräume beraubt und die Leere, die dabei entsteht, füllt nicht selten die Beschäftigung mit dem Handy. Zu Unrecht ernten sie dafür dann sehr häufig Kritik und Vorwürfe. Gesellschaft und Eltern haben keine Lösungen für ihre Nöte parat.

Wirkt sich das auch auf die Schule aus?

Die Lehrer haben den Auftrag, den Schülern Wissen zu vermitteln, um sie bestmöglich auf das nächste Schuljahr vorzubereiten. Aber Lernen geschieht über Beziehung. Und genau diese sind unter dem Einfluss der Corona-Maßnahmen gestört, zwischen Lehrer und Schülern, aber auch zwischen Eltern und Kindern. Familien bzw. Eltern müssen kompensieren, was gesellschaftlich nicht mehr stattfindet. Sie fungieren als Lehrer, Spielkamerad, organisieren Freizeitaktivitäten und übernehmen therapeutische Aufgaben, um ihre Kinder zu stärken. Das überfordert ihre Kräfte und ihre Kinder erleben sie gestresst, in Sorge, eventuell sogar krank. Mitunter kommt der Verlust der Arbeitsstelle hinzu und es entstehen finanzielle Nöte. Das heißt, es häufen sich die Risikofaktoren für die Entwicklung einer psychischen Störung.

Warum löst gerade die Corona-Krise so große Ängste aus?

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Wir haben als Einzelne und als Gesellschaft keine Erfahrungen damit. Sie bringt uns aus dem Gleichgewicht, indem Gewohnheiten und Sicherheiten verloren gehen. Kinder und Jugendliche, die von ihrer Entwicklung her weniger begünstigt sind, trifft diese Entwicklung am härtesten. Wenn ein Jugendlicher nicht die besten schulischen Leistungen erzielt, dann kann er vielleicht durch sportliche Erfolge seinen Selbstwert ausbalancieren. Pandemiebedingt fehlen aber den meisten Jugendlichen die Möglichkeiten, Freude, Genuss, Lust, Kontakt und Neugier zu befriedigen, das heißt die Ressourcen, um innere Nöte auszugleichen.

Wie sieht es mit Hilfsangeboten aus?

Schon vor Corona gab es zu wenige ambulante und stationäre Therapieplätze und notleidende Kinder mussten lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Ich habe in meiner Praxis aktuell eine Wartezeit von fast einem Jahr und bei den Kolleginnen sieht es kaum anders aus. Das ist eine Katastrophe, dass psychisch kranke Jugendliche keine Hilfe bekommen und dadurch auch ihre Zukunft nicht planen können. Über die Studienanfänger wird kaum gesprochen, sie sind mit allen Schwierigkeiten des Übergangs von der Schule zur Universität fast völlig alleine gelassen.

Das bedeutet, die jungen Leute sind auf sich zurückgeworfen. Wie kann man sie stärken, damit sie das aushalten?

Man muss sich zunächst mal in ihre Situation hineinversetzen und versuchen, sie zu verstehen. Man muss ihnen die Verantwortung für ihre Probleme nehmen, damit sie es nicht als ihr Versagen betrachten, wenn die Anforderungen durch die Corona-Krise für sie zu hoch sind. Sie benötigen unser Vertrauen in ihre Fähigkeiten, die ja nicht verloren gegangen sind, sondern nicht ausreichend zur Verfügung stehen, weil die inneren Konflikte alle Kräfte beanspruchen.

Aber müssen das nicht schon die ganz kleinen Kinder lernen?

Die jüngeren Kinder sind viel mehr noch auf unseren Zuspruch angewiesen. Allerdings überschätzen wir Erwachsenen oft die Wirkung von Sprache und Wissen in Bezug auf die Kinder, sie brauchen vielmehr die Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit im Kontakt mit anderen. Es ist nicht damit getan, dem Kind zu sagen, dass es ein wertvoller Mensch ist. Vielmehr muss es das Interesse der Eltern an seiner Person erfahren, indem sie beispielsweise Freude zeigen, wenn es in ihrer Nähe ist, ihm Aufmerksamkeit schenken und sich mit ihm auseinandersetzen. Ein kleines Kind fühlt sich großartig, wenn es bewirken kann, dass sich seine Eltern freuen. So entsteht Selbstvertrauen.

Hat sich das Übertragen von Ängsten durch die Corona-Pandemie verschärft?

Seit Anfang des Jahres haben sich die Anrufe in meiner Praxis vermehrt. Zeitweilig habe ich es nicht geschafft, alle Menschen zurückzurufen, die auf den Anrufbeantworter gesprochen haben. In letzter Zeit biete ich ratsuchenden Eltern, für deren Kinder ich keinen Therapieplatz frei habe, ein Beratungsgespräch an, um mit ihnen zu überlegen, was überbrückend helfen kann und ob eine Therapie überhaupt hilfreich ist. Die Eltern sind verständlicherweise beunruhigt, wenn sie Veränderungen bei ihrem Kind bemerken und sie haben Angst, dass es etwas „Ernstes“ sein könnte. Sie wollen einfach alles richtig machen und brauchen einen Experten, der ihnen hilft, ihre Wahrnehmung zu bewerten.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich frage die Eltern beispielsweise nach den Hobbies, den Sozialkontakten, dem Mitteilungsbedürfnis, der Lebens- und Spielfreude, um den Blick von den besorgniserregenden Auffälligkeiten hin zu den Stärken und Fähigkeiten zu lenken. In diesem Zusammenhang wird von den Eltern häufig die stundenlange Beschäftigung ihres Kindes mit dem Handy angesprochen, was zur Vernachlässigung von Pflichten in der Familie und für die Schule führen würde. Um dieser Tendenz gegenzusteuern, werden häufig Handyverbot erteilt. Das wiederum halte ich für eine fragwürdige erzieherische Maßnahme, da gerade in Zeiten von Kontakt- und Freizeiteinschränkungen das Handy wichtige hilfreiche Funktionen erfüllt. Was nicht bedeutet, dass der Konsum nicht eingeschränkt werden sollte.

Was raten Sie Eltern?

Wenn Angst, Unsicherheit und Sorge die Beziehung zwischen Eltern und Kind prägen, trägt dies zur Verunsicherung der Kinder bei. Es ist leichter gesagt als getan, aber gerade in dieser Zeit sind die Eltern herausgefordert, für ihre Kinder stark sein zu müssen. Sie helfen ihnen, wenn sie Zuversicht ausstrahlen und ihnen das Gefühl geben können, dass sie in Ordnung sind, auch wenn sie traurig, wütend oder ängstlich sind. Allerdings müssen die Eltern für diese Aufgabe von der Gesellschaft Unterstützung erfahren. Doch sie werden oft alleine gelassen. Dabei tragen sie die größte Last in dieser Zeit.

Das Interview führte Katja Hink.