Bekannter Kickboxer aus Wetzlar ist Polizist in Wiesbaden

Der Wetzlarer Enriko Kehl als "The Hurricane" im Ring - abseits des Sports ist er Polizist und Ausbilder. Foto: One Championship

Enriko Kehl lebt zwei Leben - und die können unterschiedlicher kaum sein. Der Mittelhesse ist Weltklasse-Kickboxer sowie Polizist und Ausbilder in Wiesbaden. Ein Porträt.

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WETZLAR/WIESBADEN. Der Wirbelsturm ist kein tropischer. Er heißt auch nicht Katrina. Der Hurrikan kommt aus Mittelhessen und hört auf den Namen Enriko. Was ihn aber nicht minder spektakulär macht. Er hat Kraft und Dynamik. Und ist irre schnell. Wer dem Hurrikan ins Auge sieht, bekommt schnell zu spüren, was da los ist. Unverhohlen sieht sich der Schauende niedergestreckt am Boden liegen. Und erblickt mit dickem oder blauem Auge allenfalls noch blitzende Sterne.

Deutlich ruhiger geht's im Seminarraum zu. Hier weht nicht mal ein laues Lüftchen. An der Hessischen Hochschule für Öffentliches Management und Sicherheit in Wiesbaden steht Enriko "The Hurricane" Kehl vor seinen Studenten und doziert. Er ist, wie man das heute so schön ausdrückt, "kommunikationsstark". Den Stoff für die angehenden Polizeibeamten im gehobenen Dienst kann er prima vermitteln.

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Enriko Kehl (30) aus Wetzlar lebt zwei Leben. Unterschiedlicher können die kaum sein. Hier der harte Kämpfer in einer Sportart, die nach wie vor am Image arbeiten muss, dort der Lehrende der seine Passion in der Wissensvermittlung gefunden hat.

Einer, der in der Champions League spielt

Enriko "The Hurricane" Kehl hat einen Namen. Wer ihn googelt, stößt schnell auf eine stattliche Anzahl von Einträgen. Fotos, Videos, Texte, Kurzbiografien - alles da. Der gebürtige Wetzlarer gilt als Vorzeige-Kickboxer, ist Weltmeister in mehreren Verbänden und spielt als Nummer sechs der Weltrangliste sozusagen in der Champions League.

Er ist Profisportler durch und durch. Gleichsam Beamter auf Lebenszeit. Auf der einen Seite das Spektakel, das Duell im Ring, der robuste und bisweilen auch schmerzhafte Kampf gegen einen Gegner. Auf der anderen Seite der ehrbare Beruf, der an der Hochschule so gar nichts hat von Glanz, Glamour, Schweiß, Titeln und Trophäen.

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Polizist sein, hat er von der Pike auf gelernt. Erst mittlerer, dann Studium und gehobener Dienst. Und schließlich der Job in Ausbildung und Nachwuchsförderung künftiger Polizistinnen und Polizisten.

Enriko Kehl verbrachte Kindheit und Jugendzeit in Ehringshausen und besuchte in Wetzlar die Theodor-Heuss-Schule. Hier machte er 2010 sein Fachabitur. "Mit 18 bin ich nach Erfurt gegangen", sagt Enriko Kehl. In Thüringen hatte es gleich geklappt mit einem Ausbildungsplatz im Polizeivollzugsdienst. Wieder zurück in Hessen folgte der nächste Schritt in der Laufbahn.

Irgendwo einen Bürojob zu machen - für Enriko Kehl ist das nichts. Von Anfang an, so sagt er, wollte er zur Polizei. Das versprach Abwechslung, interessante Fälle, Begegnungen mit Menschen und Tage, die nicht abliefen, wie alle zuvor. In der "Festnahmeeinheit" erlebte er genau das. Da stand Enriko Kehl auch manches Mal in der ersten Reihe, wenn es rauer wurde. Wie etwa beim G-20-Gipfel in Hamburg, als die Hansestadt 2017 regelrecht im Ausnahmezustand war.

Seit einem Jahr unterrichtet er. Und mehr als zuvor findet der 30-Jährige, dass er seinen "Traumjob" gefunden hat. Die Arbeit mit den jungen Leuten macht ihm Spaß und bringt auch die Abwechslung, die er so schätzt. Außerdem: "Ich habe jetzt mehr Zeit fürs Training." Seit er fünf ist, ist das für ihn ein Thema. Vater Kehl nahm den kleinen Enriko und den älteren Bruder an die Hand und brachte sie in eine Kung-Fu-Schule. Nach wie vor sind Vater und Bruder wichtige Personen für Enriko Kehl. Sie stehen hinter ihm und unterstützen, wo es geht. Der "Support", wie Kehl es nennt, "spielt eine große Rolle" für ihn. Der Vater war es auch, der ihn dazu anhielt, bei der Stange zu bleiben, vor allem in der Zeit, als es in der Pubertät Dinge zu geben schien, die vermeintlich wichtiger waren als der Sport. Dafür ist ihm Enriko Kehl heute noch dankbar.

Kickboxen nicht überall einen guten Ruf

Dass Kickboxen in weiten Kreisen der Gesellschaft keinen sonderlichen guten Ruf genießt, weiß auch "The Hurricane". Hier spielen vor allem Bilder von brutalen Straßenschlägern eine Rolle oder von Typen aus dem Milieu der Halbwelt, die der Sportart einen gewissen Anstrich verpassten. Martialische Karate- und Kickbox-Filme aus den 70er und 80er-Jahren haben obendrein dazu beigetragen, die Seriosität nicht wirklich zu heben.

Mit dem Bild zwielichtiger Figuren in Hinterhof-Atmosphäre hat Kickboxen als Wettkampfsport, wie ihn Enriko Kehl betreibt, nichts zu tun. Es gibt internationale Regeln, Klassen, Verbände und Statuten. Das Klischee eines Haudrauf-Typen - der Wetzlarer erfüllt es nicht. "Ich habe mich noch nie außerhalb des Rings geschlagen", sagt er. Kehl führt das auf seinen Sport selbst zurück. Viel Ehrgeiz, Disziplin und mentale Stärke werden da abverlangt, sagt er. Bringe man die ein, entwickele und forme sich eine Persönlichkeit, die um ihre eigentliche Stärke weiß. Und seine sieht Kehl vor allem in der Kommunikation mit anderen Menschen. Was ihm im echten Job zugutekommt und die er gerne an der Hochschule einsetzt.

Wie ist das aber, wenn er wenige Tage nach einem Kampf mit einer sichtbaren Verletzung vor die Studenten tritt? "Ich prahle ja nicht damit", sagt Enriko Kehl. Und meist wüssten auch die Schüler neuer Klassen recht schnell, "was ich so mache". Aber "mit einem Cut im Gesicht beispielsweise das Thema ,Festnahme' behandeln, das macht dann vielleicht schon mehr Eindruck", witzelt der Wetzlarer mit einem Augenzwinkern.

Als Profisportler könnte er von dem, was er da verdient "schon ganz gut leben", sagt er. Doch blauäugig ist er nicht. Seinen Beruf bei der Polizei würde er deshalb längst nicht an den Nagel hängen. Neben der Sicherheit, die der Job bietet, ist es auch das Wissen um das Risiko, das sein Sport mit sich bringt. Eine schwerwiegende Verletzung im Ring oder während des Trainings - die Karriere könnte von heute auf morgen vorbei sein. Mit 30 Jahren stünde Enriko Kehl plötzlich mit leeren Händen da.

Ausgleich finden in den Weinbergen

Der Wetzlarer lebt ruhig und zurückgezogen in Flörsheim im Main-Taunus-Kreis. Seinen Ausgleich findet er in den nahen Weinbergen, in der Natur oder am Rhein. Die Tage sind ansonsten reichlich ausgefüllt. Training und Job bestimmen weitgehend den Ablauf. Ein-, zweimal in der Woche kehrt Enriko Kehl zurück nach Wetzlar zu "Coach Guido". Speziell zum Krafttraining. Die Gelegenheit nutzt er, um auch gleich die Familie zu besuchen. Aktuell und außerhalb der Wettkampfsaison trainiert er an sechs bis sieben Tagen in der Woche. Was wiederum heißt: Laufen oder Kraftübung vor dem Dienst und im Anschluss an den Feierabend Einsatz im Sparring. Geht's dann nach Hause, kann die Couch so laut rufen, wie sie will. Füße einfach mal hochlegen, geht nicht. Profisportler müssen darauf achten, wie sie sich ernähren. Was in der Konsequenz heißt, dass der Junggeselle sein Essen für den nächsten Tag zubereiten muss. Erst dann kann er ins Bett. Zwischen drei und fünf Wettkämpfe stehen im Durchschnitt pro Jahr an, hier steigt er mit Gegnern aus der Weltspitze in den Ring. Zehn Wochen intensiver Vorbereitung braucht es für einen solchen Fight, sagt er. Das schließt in aller Regel auch ein, zehn bis 15 Kilogramm abzunehmen, um aufs Kampfgewicht zu kommen. "The Hurricane" geht als Fliegengewicht an den Start. Mehr als 70,3 Kilo darf er in der Klasse nicht auf die Waage bringen.

Enriko Kehl steht bei "One Championship", der weltweit größten Kampfsport-Organisation, unter Vertrag. Seit seinem Profi-Debüt im November 2008 ist es stetig bergauf gegangen. Knapp 70 Kämpfe und rund 50 Siege stehen auf der Habenseite. Ebenso wie etliche Meisterehren. Darunter der "K-1 World Max Titel". Der bedeutet dem Wetzlarer am meisten. Errungen hat er ihn im Jahr 2014 gegen die "lebende Legende" Buakaw Banchamek. "Der ist vergleichbar mit Christiano Ronaldo im Fußball", sagt "The Hurricane".

Den Beinamen bekam Enriko Kehl übrigens von einem früheren Trainer. Sein Schützling, so befand der damals, wirbele im Ring herum wie ein Hurrikan. Was auch die Gegner zu spüren bekamen. Als sie am Boden lagen und Sternchen gesehen haben. Trotz dicker oder blauer Augen.