In Erfelden werden die ersten neun Stolpersteine verlegt.
Mit Gedenksteinen, die jetzt im Bürgersteig der Bahnstraßeliegen, erinnern Stadt Riedstadt und Förderverein für jüdische Geschichte an die Familien Kahn und Sternfels.
ERFELDEN. Am Samstag hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Erfelden an zwei Standorten neun neue Stolpersteine verlegt. Damit wanderte das Gedenk-Projekt erstmals in den Stadtteil Erfelden, wo die jüdische Gemeinde in den 20er Jahren verhältnismäßig groß war.
Die dank des Fördervereins für Jüdische Geschichte und Kultur aufwendig restaurierte Synagoge in der Neugasse ist lebendiges Zeichen für das ehemals aktive jüdische Leben im Ort. Zusätzlich werden nun die kleinen Betonwürfel mit den Messingtafeln an jene Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Gedenkfeier fand in der Rheinstraße vor der „Krone“ statt, denn vor den betroffenen Anwesen in der Bahnstraße wäre zu wenig Raum dafür gewesen.
Der behinderte Max Kahn stirbt in der Tötungsanstalt
Bürgermeister Marcus Kretschmann zeigte sich in seinem Grußwort erschüttert über die aktuellen Geschehnisse in Deutschland, insbesondere in Chemnitz, wo nach einem Tötungsdelikt aus Rassenhass Jagd auf Ausländer, Polizei und Journalisten gemacht wurde. Er forderte: „Wir sollten fast 80 Jahre nach dem Nazi-Terror nicht mehr derart verführbar sein.“ Er erinnerte aber auch daran, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten nur möglich waren, weil Menschen, die anders waren, von der breiten Bevölkerung ausgegerenzt und zu Sündenböcken gemacht wurden. Diese Neigung hätten die Menschen immer noch. Ausgegrenzt wurde auch die Familie von Issak Kahn, der einst in der Bahnstraße 3 eine Rindsmetzgerei mit Viehhandel betrieb. Wegen anti-jüdischer Repressalien blieben ab 1932 die Kunden aus. Keiner kaufte mehr bei Juden. Die sechsköpfige Familie musste schließlich 1936 das Haus verkaufen und floh nach Nashville/Tennessee. Mitglieder der Projektgruppe für die Stolpersteinverlegungen berichteten bei der Gedenkfeier auch über das Schicksal einzelner Familienmitglieder. Besonders hart traf es den behinderten Sohn Max, der mit zwölf Jahren in eine Heil- und Pflegeanstalt kam. Von dort aus wurde er 1941 in die „Tötungsanstalt“ Hadamar deportiert und dort ermordet. Sein Stolperstein soll zu einem späteren Zeitpunkt verlegt werden, da die biografischen Daten noch von Hadamar bestätigt werden müssen.
Nur wenige Meter weiter, in der Bahnstraße 22, wohnte bis zu seinem Tod 1933 Simon Sternfels II. Er lebte vom Handel mit Vieh, Butter und Öl und besaß dafür einen Planwagen, mit dem er auch die Erfelder Handballer des Turnvereins zu ihren Spielen fuhr. Der Mann war also – wie vermutlich auch seine Familie – fest in die Ortsgemeinschaft eingebunden. Ab 1933 gingen auch die Einkünfte seiner Familie wegen des Boykotts jüdischer Geschäfte massiv zurück. Am 23. März 1936 wurde der Sternfelssche Besitz schließlich zwangsversteigert.
Dem älteren Sohn Isidor war bereits 1936 die Flucht nach Buenos Aires gelungen. Der jüngste Sohn Sigismund musste mit seiner Mutter Rosa nach Frankfurt in ein sogenanntes Judenhaus ziehen. Auch er konnte noch 1936 flüchten – nach New York. Rosa Sternfels blieb jedoch in Frankfurt und musste ab 1941 den Judenstern tragen. Am 1. September 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und dort am 26. September ermordet.
Von Ute Sebastian