Filmpremiere im Kinoclub der Büchnerbühne Leeheim

Seinen Film „Mein Opa erzählt“ hat der Riedstädter Moritz Schuchmann (rechts) für sein Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg gedreht. Sein Großvater Lorenz Deutsch (links) ist bei der Premiere in Leeheim dabei. Foto: Vollformat/Robert Heiler

Moritz Schuchmann zeigt im Kinoclub seinen Dokumentarfilm „Mein Opa erzählt“ über die Flucht seines Großvaters von Ungarn nach Deutschland.

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LEEHEIM. Einen roten Teppich gab es nicht und auch kein Blitzlichtgewitter – dafür aber ein so überwältigendes Interesse, dass schnell immer weitere Stühle in den Theatersaal geholt werden mussten und am Ende ein begeistertes Publikum, das Regisseur und Hauptdarsteller enthusiastisch feierte.

Zum ersten Mal seit Bestehen des Kinoclubs der Büchnerbühne erlebte das kleine Theater am Dienstagabend eine Filmpremiere. In Kooperation des Kinoclubs mit dem Kulturbüro der Stadt zeigte der junge Riedstädter Filmemacher Moritz Schuchmann den biografischen Film „Mein Opa erzählt.“ Darin berichtet Großvater Lorenz Deutsch, wie er als Kind kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mit hochschwangerer Mutter und Onkel aus Ungarn floh und über Umwege schließlich in Erfelden landete.

Historische Aufnahmen ergänzen Erzählungen

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Die Filmpremiere fand Theaterleiter Christian Suhr gleich aus zwei Gründen großartig, wie er einleitend erklärte. Zum einen, weil es zum Bestreben der Büchnerbühne gehöre, „Wurzeln zu schlagen, ein Netzwerk aufzubauen und vom Interesse anderer zu lernen.“ Und zum anderen, weil ein junger Mann Erinnerungsarbeit mache. Entstanden ist der Dokumentarfilm im Rahmen eines Masterstudienganges an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Über weite Teile lässt Schuchmann seinen Opa im Erfelder Wohnzimmer erzählen, ergänzt durch historische Filmaufnahmen, Landkarten und Aufnahmen aus Erfelden und aus dem Heimatort des Großvaters. „Wir haben in zwei Tagen das Dorf auf den Kopf gestellt“, erzählte der Filmemacher im Gespräch mit dem Publikum nach der Filmvorführung.

Ohne jede Bitterkeit, oft geradezu lakonisch berichtet Opa Lorenz von seiner Kindheit im mehrheitlich von Deutschen bewohnten Ort Mágocs in Südwestungarn, der Flucht im Herbst 1944 bis nach Thüringen und schließlich weiter nach Hessen – und entfaltet gerade deswegen eine starke Wirkung. 1931/32 baut der Vater in Mágocs ein Haus, in dem 1934 Lorenz geboren wird. Der Bub geht in die deutsche Schule des Ortes, sieht Bomber Richtung Budapest fliegen, der Krieg scheint weit weg zu sein. Das ändert sich im Sommer ‘44, erzählt Lorenz Deutsch: Die Front rückt immer näher, der Vater wird wie viele andere „für das letzte Aufgebot“ zwangsrekrutiert. Am 28. November flieht die schwangere Mutter mit dem zehnjährigen Sohn und dessen Onkel auf einem Pferdewagen. Von Kaposvár geht es zusammengepfercht im Güterwaggon weiter nach Thüringen. Als der Krieg vorbei ist, wollen die Ungarndeutschen heim und werden in einem Lager in der Lausitz gesammelt. Der Zug habe schon dagestanden, erinnert sich Opa Lorenz, da sei ein russischer Militär gekommen und habe die Aktion gestoppt: Nach der Potsdamer Konferenz würden die Deutschen aus Ungarn sowieso ausgewiesen.

Schließlich habe die kleine Familie mit anderen Flüchtlingen nach Bayern gewollt, erzählt der 84-Jährige im Film. Großes Gelächter brandete im Theatersaal auf, als er erklärte, Bayern habe keine Flüchtlinge aufgenommen mit der Begründung, sie seien voll – da war Geschichte plötzlich sehr aktuell. So wurde es schließlich Hessen. Lorenz wird Maurer, heiratet und lebt seit 1964 in Erfelden.

Von Anke Mosch