Die Nibelungensage in 45 Minuten

Schauspieler Tino Leo spielt am Internationalen Tag des Buches vor Schülern der Martin-Niemöller-Schule sein Stück: „Ich bin nicht Siegfried.“ Foto: Vollformat / Robert Heiler

Am „Welttag des Buches“ dreht sich an der Martin-Niemöller-Schule in Goddelau alles um interessante Geschichten. Dazu gehört auch die von einer Bankerin, die zur...

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GODDELAU. So eine Deutschstunde haben die Klassen 6A, D und E der Martin-Niemöller-Schule (MNS) auch noch nicht erlebt. „Willkommen in unserem Ausweichstudio“, begrüßt Schauspieler Tino Leo am Mittwochvormittag gut gelaunt im Stil eines Rundfunkreporters die Gesamtschüler in der kleinen Turnhalle der Schule. In einer rasanten Schulstunde erzählt und spielt Leo die gesamte Nibelungensage – als Ein-Personen-Stück, in der der Schauspieler alle zwölf Rollen selbst besetzt und zwischendurch als rasender Reporter für weitere Schnelligkeit sorgt.

Die begeistert kichernden Sechstklässler erfahren dabei Erstaunliches. War doch Klein-Siegfried in seiner Jugend ein verzogener Rotzlöffel, der sich in der Schule gar nicht heldenhaft benahm, sogar sitzenblieb und schließlich vom entnervten Vater in eine Ausbildung geschickt wurde. Mit wenigen Zeichenstrichen wird aus einem der Figurenumrisse an der Stellwand der ungehobelte Schmied Mimir, bei dem Siegfried nun hausen muss. Statt weißem Linnen dient die Jacke einer Schülerin als Decke und Siegfried-Leo bettet sich mitten unter den lachenden Sechstklässlern zur Ruhe.

Von der Bankerin zur Autorin von Fantasy-Romanen

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Während die ersten drei sechsten Klassen die Nibelungensage in 45 Minuten erleben, dreht sich auch in allen übrigen Jahrgangsstufen der MNS für zwei Unterrichtsstunden alles um Geschichten und das gedruckte Wort. Zum „Welttag des Buches“ hat ein kleines Team von Deutschlehrern unter Federführung von Nina Drexler ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. In der Aula erzählt etwa die Riedstädter Fantasy-Autorin Karin Kratt gerade allen Neuntklässlern, wie sie mit viel Ausdauer, Geduld, Disziplin und einem Quäntchen Glück es doch noch schaffte, einen Verlag für ihre Fantasy-Romane zu finden. Denn ihr berufliches Leben als Bankerin in Frankfurt hatte die Mathematikerin nie ausgefüllt, sie schrieb in jeder freien Minute Geschichten.

Von ihrer erfolgreichen Reihe „Seday Academy“ ist mittlerweile Band sechs veröffentlicht worden. Doch las Kratt den Neuntklässlern aus ihrem neuesten Roman „Daughter of Darkness and Light“ vor. Darin muss die 16-jährige Millionärstochter Jenna erkennen, dass ihr scheinbar so perfektes Leben eine Lüge ist.

Gleich zwei professionelle Lesungen hören die zehnten Klassen. Das Schauspieler-Ehepaar Mélanie Linzer und Christian Suhr von der Büchnerbühne entführt mit geschulter Stimme je drei Klassen in „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (Linzer) und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig (Suhr). Nach einer Schulstunde wird getauscht, damit alle Schüler beide Bücher kennenlernen können.

Mucksmäuschenstill ist es in den Klassenräumen der Stufe sieben. Für den Spenden-Lesemarathon zugunsten von Unicef lesen die Siebtklässler konzentriert in ihren Lieblingsbüchern. Emily etwa hat „Die Tribute von Panem“ vor sich liegen. Nach den zwei Schulstunden wird sie auf einem Blatt vermerken, wie viele Seiten sie geschafft hat und ihre Sponsoren zur Kasse beten – je nachdem, welcher Betrag pro gelesene Seite vereinbart worden ist. Die jüngsten Schüler der MNS stellen sich dagegen gegenseitig ihre Lieblingsbücher vor. In der 5E erzählt Konstantin so überzeugend von den Abenteuern der „Sternenritter“, dass danach fünf Jungs und ein Mädchen das Buch auch einmal lesen wollen. Nicht um den Inhalt, sondern den Umschlag geht es dagegen bei den achten Klassen. Sie binden Bücher ein. Die einen nehmen einfach das Mathebuch und verpassen ihm eine praktische Hülle, andere werden mit Geschenkpapier und Verzierungen kreativ. So hat Sandra aus der 8F „Sommer am Abgrund“ nicht einfach nur neu verhüllt, sondern auch mit aufgeklebten Bändern und Schmucksteinen verziert.

Von Anke Mosch