Auf den Spuren jüdischen Lebens in Walldorf

Im Jahr 2011 wurde ein „Stolperstein“ in der Walldorfer Farmstraße 24 vor dem ehemaligen Wohnhaus des verfolgten und entrechteten jüdischen Landgerichtsrichter Dr. Otto Ortweiler verlegt. Archivfoto: Timo Jaworr

Ein Rundgang durch Walldorf erinnert an das Schicksal von Bürgern, die vom Nazi-Regime ausgegrenzt, vertrieben und ermordet wurden. Stolpersteine dienen als Wegmarken.

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MÖRFELDEN-WALLDORF. (red). Ein Rundgang zum Thema „Jüdisches Leben in Walldorf an authentischen Orten“ ist für Samstag, 10. September, um 15.30 Uhr geplant. Treffpunkt ist der Alte Friedhof neben der Katholischen Kirche in der Flughafenstraße. Anlaufstellen sind die Orte, an denen „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Nachbarn verlegt wurden. Teilnehmer erfahren, wie sie gelebt haben, bis sie vom Nazi-Regime ausgegrenzt, erniedrigt, ausgeplündert und zum Teil deportiert und ermordet wurden.

Im Jahr 2011 wurde ein „Stolperstein“ in der Walldorfer Farmstraße 24 vor dem ehemaligen Wohnhaus des verfolgten und entrechteten jüdischen Landgerichtsrichter Dr. Otto Ortweiler verlegt. Archivfoto: Timo Jaworr
Franz Lambert ist mit seiner Wersi-Orgel am 1. Oktober zu Gast in Büttelborn. Foto: Veranstalter

Vom alten Friedhof führt der Rundgang zum Bäckerweg 28. Dort wohnte Siegfried Fay, ein kaufmännischer Angestellter und Reisender in Lederwaren. Mit seiner Frau Maria Erna war er von Frankfurt nach Walldorf zugezogen, wo er zunächst in der Farmstraße 23 wohnte. An seinem 80. Geburtstag wurde er von Frankfurt aus nach Theresienstadt deportiert, wo er am 18. Oktober 1942 starb.

In der Farmstraße 24 lebte seit den 1930er Jahren Dr. Otto Ortweiler mit seiner Ehefrau, Dr. med. Therese Ortweiler, geborene Mulch, die dort über Jahrzehnte als praktische Ärztin wirkte. Vor der Hochzeit ließ er sich evangelisch taufen. Obwohl er im Ersten Weltkrieg „Frontkämpfer“ war, wurde Landgerichtsrichter Dr. Ortweiler bereits 1934 im Rahmen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums unter Kürzung der Bezüge in den Ruhestand versetzt. In Folge der Pogromnacht flüchten die Eheleute aus Walldorf.

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Nächste und letzte Station ist die Langstraße 37. Dort wohnte die alteingesessene Familie Reiß, die mit den Mörfelder Reiß’ verwandt war. Die unverheirateten Geschwister Max (1857 geboren), Ferdinande (1860) und Sara (1865) betrieben eine kleine Landwirtschaft bis zur Deportation von Max und Sara ins Ghetto Theresienstadt im September 1942, wo sie kurz darauf starben. Aus den erhaltenen Akten ist purer Zynismus zu entnehmen: „Ihr Vermögen wurde wegen Volks- und Staatsfeindlichkeit eingezogen und verwertet.“ Danach meldete der Walldorfer Bürgermeister seine Gemeinde im September 1942 „Judenfrei“.

Der Rundgang wird eine gute Stunde dauern. Der Eintritt ist frei. Die Organisation übernimmt Hans-Jürgen Vorndran für die Initiativen Stolpersteine Mörfelden-Walldorf und „Erhalt Geschwister-Reiß-Haus“.