November-Erdbeeren frisch vom Acker im Kreis Groß-Gerau

Ingrid Deumlich (links) verkauft erstmals im November deutsche Freiland-Erdbeeren aus Wolfskehlen an ihrem Stand in Dornheim. Käuferin Anneliese Grebe freut sich darüber.Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Sonne satt und milde Temperaturen haben dem Wolfskehler Landwirt Harald Manke eine noch nie dagewesene herbstliche Erdbeer-Ernte beschert. Am Verkaufsstand in Dornheim kamen die...

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KREIS GROSS-GERAU. "Wo kommen die denn her?" "Das gibt's doch gar nicht." In den vergangenen dreieinhalb Wochen schaute die Dornheimer Landwirtin Ingrid Deumlich an ihrem Verkaufsstand an der Mainzer Landstraße in Dornheim in viele ungläubige Gesichter ihrer Kunden. Und auch die 71-jährige Bäuerin selbst war täglich aufs Neue verwundert über die Erdbeerernte im Herbst. "Das habe ich auch noch nicht erlebt. Das gab's noch nie."

Das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung en sorgt vielfach für Kapriolen. In der Landwirtschaft haben sich Hitze und Trockenheit zumeist negativ auf die Ernte ausgewirkt. Doch im Fall der frühen Erdbeersorte Clery sowie der neuen Sorte Malling Centenary bescherte das milde Klima nun einen unverhofften zusätzlichen Ertrag. Die Pflanzen trugen zum zweiten Mal Früchte, wie Ingrid Deumlich schildert. Seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren hat sie die Äcker ihres landwirtschaftlichen Betriebs verpachtet. Die Erdbeeren bezieht sie vom Wolfskehler Betrieb Manke, wo die süßen, knackig bissfesten Früchtchen sogar Anfang November noch im Freiland ohne Folie auf dem Acker reifen.

Ein Teil der Pflanzen sei noch einmal "voll durchgestartet", erklärt Landwirt Harald Manke. Grund dafür seien wohl die vielen Sonnenstunden und die warme Witterung. Auch Manke hat das so noch nicht erlebt. Es komme vor, dass sich einzelne Früchte im Herbst bilden. Doch eine zweite Ernte gab es in dieser Form noch nicht. Auf zwei von insgesamt zwölf Hektar Erdbeer-Anbaufläche konnte der Betrieb in den vergangenen drei Wochen noch einmal zehn Prozent des Frühlings-Ertrags erwirtschaften.

Das späte Ernteglück bescherte Ingrid Deumlich jede Menge verdutzter Kunden, die vom Schild "frische deutsche Erdbeeren" angelockt werden. "Ich wollte es erst gar nicht glauben", sagt Werner Appel, der mit Ehefrau Elisabeth zum Erdbeerkaufen gekommen ist. Wie weitere Dornheimer genießt er den intensiven Erdbeerduft an Deumlichs Verkaufsstand. Einige Erdbeerfans hätten sich das herbstliche Schmankerl in den vergangenen Wochen sogar täglich schmecken lassen. Zwischen 50 und 170 Erdbeer-Schälchen hat Ingrid Deumlich pro Tag verkauft. Doch nun ist Schluss mit den herbstlichen Frühlingsgenüssen. Die Früchte seien noch grün, reiften nur langsam und das Aroma lasse nach, meint Manke.

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Der unverhoffte Erdbeerboom beschert seiner Familie am kommenden Wochenende sogar einen einmaligen Kuchengenuss zur Taufe des Enkels. Dennoch sieht Harald Manke die Entwicklung kritisch. Durch die hohen Temperaturen und die andauernde Trockenheit sei nahezu keine Bodenbearbeitung möglich. Manke spricht von einem "falchen Kratzen", tiefere Bodenschichten seien steinhart. Die ausgesäte Weizen und Wintergerste würde ohne Bewässerung verkümmern.

Und auch bei der Beregnung stoße man an Grenzen, betont Kreislandwirt Werner Wald. 20 bis 25 Liter Wasser pro Quadratmeter sei kein Faktor, der wirklich helfe. "Der Boden ist durchgetrocknet und hart wie Beton. Das haben selbst die ältesten Lanwirte noch nicht erlebt" - wie auch die November-Erdbeeren und das schwindende Wasser im Rhein für Wald "ein Phänomen".

Bislang habe es in diesem Jahr nur 240 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter gegeben, üblich seien 500. Dadurch entstehen nicht zuletzt hohe Kosten für die Bewässerung. In den vergangenen Monaten habe sein Betrieb dafür 4000 Liter Diesel pro Woche benötigt. Nun seien die Preise sogar noch um 20 Cent auf 1,20 Euro gestiegen. Wirtschaftlich gesehen sei das ein Desaster.

Wie es weitergehen wird, darauf blickt nicht nur Werner Wald mit Sorge. "Wir wissen nicht, wie sich das noch entwickelt", sagt Harald Manke. Ein milder Winter mit reichlich Niederschlägen könnte die Lage spürbar entschärfen. Eine Bauernregel sage auf einen extrem heißen Sommer jedoch einen kalten Winter vorraus - doch althergebrachten Regeln scheint das Klima derzeit nicht zu folgen.