Interview mit dem Groß-Gerauer Landrat Thomas Will

Thomas Will. Foto: Vollformat / Alexander Heimann

Der Groß-Gerauer Landrat Thomas Will äußert sich in einem Interview unter anderem zum Umgang von PSA mit Opel-Mitarbeitern sowie zu den Themen Berufsschulen, Kreisklinik und...

Anzeige

KREIS GROSS-GERAU. Thomas Will (SPD) ist seit 2010 Landrat des Kreises Groß-Gerau. Der Bischofsheimer (59) kümmert sich als Schirmherr des "Automotive Cluster Rhein-Main-Neckar" zudem um die regionale Vernetzung innerhalb der Automobilbranche.

Herr Landrat, die Zukunft von Opel beschäftigt viele Menschen hier in der Region. Zuletzt hat die Nachricht Unruhe verursacht, dass der Eigner PSA über einen Verkauf des Entwicklungszentrums nachdenke. Sie haben das Management daraufhin scharf kritisiert. Ist es klug, als Landrat die Leitung des Unternehmens mit den meisten Arbeitsplätzen im Kreis so anzugreifen? Oder hört man bei Opel und PSA ohnehin nicht auf die Politik?

Will: Der Kontakt zu Opel war schon mal intensiver als jetzt. Mit dem Wechsel von General Motors zu PSA ist die Kommunikation nicht besser geworden. Ich habe den Eindruck, in Frankreich schert man sich um die deutsche Politik überhaupt nicht. Es gibt kein Gefühl dafür, wie man mit der Belegschaft und dem Betriebsrat umgeht.

Anzeige

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die Entwicklung des Unternehmens?

Will: Opel ist ja nicht nur ein Thema der letzten Wochen und Monate, sondern der letzten Jahre und Jahrzehnte. Ich komme aus einer Familie, in der Vater und Großvater bei Opel gearbeitet haben, und kenne noch die Zeit, in der im Werk über 40.000 Menschen beschäftigt waren. Heute sind es weit unter 20 000. Die Frage ist: Was bleibt von Opel noch übrig als eigene Marke? Und was für mich viel wichtiger ist: Wie geht man mit den Menschen um? Die Kolleginnen und Kollegen dort sind massiv verunsichert.

Was würde ein möglicher Verlust hochqualifizierter Arbeitsplätze für die Region bedeuten?

Will: Wir begeben uns jetzt auf das Feld der Spekulationen. Alles was ich höre ist, dass im Entwicklungszentrum ab- und umgebaut werden soll. Was das für die Arbeitsplätze bedeutet, ob sie unter einem anderen Dach weiterhin vorhanden sind oder ob sie verlagert werden, kann derzeit niemand sagen. Für eine Einschätzung ist es daher zu früh. Das hat auch damit zu tun, dass die Geschäftsleitung nicht mit offenen Karten spielt. Ich weiß auch nicht, ob (Opel-Chef) Michael Lohscheller die Karten von (PSA-Chef) Carlos Tavares alle kennt.

Keine Spekulation ist, dass Opel die Ausbildung massiv zurückfährt. Sind dadurch die Chancen der jungen Generation in der Region stark beeinträchtigt?

Anzeige

Will: Opel beschneidet sich so die eigenen Entwicklungschancen. In der Region gehen viele attraktive Ausbildungsplätze verloren. Als wir das im Frühjahr gehört und nach Auffangmöglichkeiten gesucht haben, waren wir jedoch überrascht, wie stark die Region darin ist, genügend qualifizierte Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Die jungen Menschen fallen nicht in ein großes Loch.

Zum Thema Ausbildung, und was der Kreis dazu beitragen kann: Der Zustand der Beruflichen Schulen in Groß-Gerau ist von der Kreishandwerkerschaft kritisiert worden. Wie soll es dort weitergehen?

Will: Im Kreis gehen über 90 Prozent unserer Investitionen in den Bildungsbereich. Wir investieren Jahr für Jahr in unsere Schulen weit über 20 Millionen Euro. Ich würde dafür gern das Doppelte ausgeben, wenn ich dürfte, aber es gibt eine Investitionsbremse vonseiten des Regierungspräsidiums und des Landes. Wir haben uns vor vielen Jahren dafür entschieden, im Bereich der Berufsschulen zuerst die Heisenberg-Schule in Rüsselsheim komplett umzubauen.

Die Kreishandwerkerschaft hatte vor allem die Schule in Groß-Gerau im Blick.

Will: Dass wir bei den Berufsschulen in Groß-Gerau in der Tat hinterherhängen, weiß ich seit Jahren nicht nur von der Kreishandwerkerschaft, sondern auch von der Kfz-Innung. Wir werden nach der Sommerpause eine Vorlage in den Kreistag einbringen, die Beruflichen Schulen mit einer Gesamtsumme von weit über 30 Millionen Euro zu sanieren und umzubauen. Daran arbeitet die Kreisverwaltung seit mehr als einem Jahr.

Wann soll die Modernisierung der Berufsschule in Groß-Gerau abgeschlossen sein?

Will: Wir gehen von einem Zeitfenster von fünf Jahren aus.

Auch in der Kreisklinik stehen Investitionen an. Sie haben von einer Summe im mittleren zweistelligen Millionenbereich gesprochen. Was ist geplant, und wie soll es finanziert werden?

Will: Der Klinikgeschäftsführer wird bis Oktober eine inhaltliche Zielplanung für das Krankenhaus fertigstellen. Die muss dann europaweit ausgeschrieben werden. Am Ende wird ein Planer diese Zielplanung in baulicher Form umsetzen. Wenn der Entwurf vorliegt, muss die politische Entscheidung getroffen werden: Macht man das so oder nicht?

Ihnen wird doch etwas vorschweben, wenn Sie eine Größenordnung der Investitionssumme nennen. Warum werden noch keine Einzelheiten genannt?

Will: Man muss sich erst einmal klar werden, wie dieses Haus aufgestellt werden soll. Dazu ein Beispiel: Zunächst gab es die Idee, auf der Freifläche hinter dem Gesundheitsamt ein neues Gebäude zu errichten, in dem die Klinikverwaltung untergebracht wird. Daraufhin haben Krankenhausplaner geraten, im Sinne kurzer Wege den Verwaltungsbereich nicht außerhalb des Klinikgebäudes anzusiedeln, sondern im jetzigen Bettentrakt. Über solche Fragen muss sich Klinik-Geschäftsführer Reinhold Linn bis Herbst abschließend Gedanken machen.

Wie wollen Sie künftig extremen Investitionsrückständen begegnen, wie es sie an der Klinik und an den Berufsschulen gibt?

Will: Es gibt keinen extremen Rückstand. Der Kreis Groß-Gerau ist Vorzeigekreis für ganz Hessen, was die Schulsanierung betrifft - das bekomme ich von allen Landratskollegen und Oberbürgermeistern bestätigt. Über 90 Prozent unserer Schulen sind auf einem Top-Standard. Klar gibt es immer einige, bei denen man nicht so weit ist, wie man es gerne wäre. Dann aber von einem Investitionsrückstand zu sprechen, ist Jammern auf hohem Niveau. Wir können uns darauf einigen, dass wir einen punktuellen Investitionsrückstand haben. Das hat etwas mit der Unsicherheit der vergangenen zehn Jahre zu tun, ob die Klinik überhaupt fortbestehen soll.

Neben Opel ist auch der Flughafen ein großer Arbeitgeber in der Region. Zehntausende Jobs bringen Wohlstand, doch der Flugbetrieb schafft auch hohe Belastungen für die hier lebenden Menschen. Wie wollen Sie den Spagat schaffen, Belastungen zu begrenzen, aber dem Flughafen Entwicklungsmöglichkeiten zu lassen? Nagelprobe ist das neue Terminal 3, gegen das der Kreis vor Gericht zieht.

Will: Man muss abwägen - auf der einen Seite die Wirtschaftskraft des Flughafens anerkennen, andererseits sagen, dass es Grenzen der Belastung gibt. Beim Terminal 3 sehen wir bis heute nicht, dass die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gesichert ist. Ein S-Bahn-Anschluss ist in weiter Ferne - kein Mensch weiß, was sich da tut. Die Schwebebahn, die da eingerichtet werden soll, sieht man nur auf schönen Bildchen. Beim Thema Bus-Shuttle auf dem Flughafen mache ich ein großes Fragezeichen. Das führt dazu, dass diejenigen, die zum Terminal 3 kommen, mit dem Individualverkehr fahren, öffentliche Straßen belasten, Staus verursachen - die Belastungen sind dann bei uns und nicht beim Flughafen.

Sie sprechen sich für eine Verschärfung des Fluglärmgesetzes aus. Welche Hoffnungen können Sie den Menschen in der Region machen, dass es leiser wird?

Will: Ich kann keine Hoffnung machen, dass es leiser wird, aber ich will zumindest Hoffnung machen, dass es nicht lauter wird. Alles andere wäre Selbstbetrug.