Echo hilft: Was trotz Demenz noch geht

aus Leseraktion "Echo hilft"

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Trotz Demenz so viel machen wie möglich: Regina Drescher setzt sich mit ihrem Gruppenangebot genau dafür ein. Foto: Vollformat/Volker Dziemballa

In der Aktivierungsgruppe "Trotz-Dem" der Alzheimer- und Demenzkranken Gesellschaft Rüsselsheim unterstützen sich die Teilnehmer gegenseitig. Fehler machen, gehört dazu.

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RÜSSELSHEIM/GROSS-GERAU. Rüsselsheim/Groß-Gerau. Das kannst du nicht mehr, lass' das mal, da kannst du nicht helfen - das bekomme sie zuhause inzwischen oft zu hören, erzählt die 66-Jährige. Seit wenigen Monaten kommt die Frau, die anonym bleiben möchte, in die Gruppe "Trotz-Dem" der Alzheimer und Demenzkranken Gesellschaft Rüsselsheim. Hier trifft sie sich mit Gleichgesinnten, andere Demenzerkrankte im Frühstadium. Dass sie etwas nicht kann, bekommt sie hier nicht zu hören. "Wir konzentrieren uns darauf, was alles noch geht", sagt Regina Drescher, die seit 2017 das Gruppenangebot leitet. Denn trotz Demenzerkrankung sei das eine ganze Menge.

Es sind nur wenige Teilnehmer in dem für dieses Jahr letzten Gruppentreffen. Normalerweise kommen an 30 Montagen im Jahr acht Betroffene zusammen. Diesen Montag sind es drei. "Wir haben erst am vergangenen Donnerstag von der Stadt die Erlaubnis bekommen, um die Räume im Haus der Senioren auch im Lockdown weiter zu nutzen", sagt Geschäftsführerin Annett Vielemeyer. Dafür sei sie der Stadt Rüsselsheim sehr dankbar. Dementsprechend spontan wurden jedoch alle eingeladen.

Mit Abstand und offenem Fenster beginnt Drescher mit Koordinationsübungen. Auf einem Bein stehen ohne Festhalten, Arme und Beine gleichzeitig bewegen, mit der rechten Hand einen Ball werfen und fangen - nicht alles funktioniert auf Anhieb, muss es aber auch nicht. Weiter geht es mit kleinen Gedächtnisspielen. Mit einem Würfel zählen die Gruppenteilnehmer die Zahlen, bis sie bei 100 angelangt sind. "Unser Ziel ist es, die Fähigkeiten zu erhalten, die noch da sind", erklärt Drescher. Eine Verbesserung gebe es hingegen meist nicht. Was sind 66 plus fünf? Wer länger überlegt, bekommt Unterstützung von den anderen. "Die Arbeit im Team fängt die unterschiedlichen Level auf." Belächelt wird hier niemand, aber viel gelacht.

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Das ist es auch, was das Angebot "Trotz-Dem" für die Betroffenen so wichtig macht. Während die soziale Teilhabe im Alltag meist mit dem Voranschreiten der Demenzerkrankung abnimmt, gibt es hier einen geschützten Raum, in dem niemand vorgeführt und ausgeschlossen wird. Fehler machen, gehört hier dazu. Neben den Übungen bleibt zudem auch immer Zeit für Gespräche. Bei einem Stückchen Stollen und Kaffee erzählen die Teilnehmer von ihren früheren Jobs und diskutieren über die Veränderungen durch das Internet. "Wir sind eine recht lockere Gruppe", sagt eine der Teilnehmerinnen.

Ein Großteil kommt aus dem nördlichen Teil des Kreises Groß-Gerau. Bislang finden die "Trotz-Dem"-Angebote für Menschen mit Demenz im Frühstadium nur dort im Haus der Senioren statt. "Für viele Angehörige aus dem Südkreis ist es ein riesiger Akt nach Rüsselsheim zu fahren", sagt Vielemeyer. Sie erinnert sich an einen Mann, der seine Frau jede Woche für zwei Stunden Gruppentreffen aus Trebur nach Rüsselsheim fährt. Eine Entlastung für die Angehörigen sei das nicht. "Dabei ist das Angebot auch dafür gedacht." Auch wenn einige bei Demenz im Frühstadium noch nicht unbedingt die Notwendigkeit für ein solches Kursangebot sehen, weiß Vielemeyer: "Unserer Erfahrung nach kann helfen, dass es in den Familien nicht zu einem großen Knall kommt." Denn nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen müssen sich mit der Diagnose auseinandersetzen. Deshalb will die Alzheimer- und Demenzkrankengesellschaft Rüsselsheim ihr Angebot erweitern und auch in der Nähe von Groß-Gerau ihre Kurse anbieten. "Damit können wir vielen Betroffenen helfen, die wir aus räumlichen Gründen bislang nicht erreichen konnten."

Von Marina Wagenpfeil