Demenz in der Familie: Angehörigenschulung als Anfang

aus Leseraktion "Echo hilft"

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Echo-hilft-Spendenaktion 2020: Die Alzheimer- und Demenzkranken Gesellschaft Rüsselsheim im Haus der Senioren an der Frankfurter Straße ist eines von fünf Projekten. Foto: Guido Schiek

Die Alzheimer- und Demenzkranken Gesellschaft Rüsselsheim, die dieses Jahr bei „Echo hilft!“ mitmachen, bietet auch für Angehörige von Demenzkranken eine wertvolle Unterstützung.

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KREIS GROSS-GERAU. An einen genauen Zeitpunkt kann sich Tanja nicht erinnern, an dem ihr klar wurde, dass ihre Mutter an Demenz erkrankt ist. „Das war mehr ein schleichender Prozess.“ Um ihre Mutter zu schützen, will sie ihren Nachnamen nicht öffentlich machen. „Ich weiß inzwischen, dass sie dement ist – sie selbst sieht das aber anders“, sagt sie. Eine schwierige Situation. Tanja ist als Einzelkind groß geworden. Die Unterstützung ihrer Mutter liegt im Moment allein in ihrer Hand.

Mit dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren hat alles angefangen. Eine vergessene Verabredung mit Freunden, ungelesene Bücher, die sich stapelten oder das Chaos in der Küche zu Ostern, als ihre Mutter vergessen hatte, wie man Grüne Soße zubereitet. „Am Anfang habe ich es auf die Trauer geschoben. Ich wollte es selbst nicht wahrhaben.“ Bereits die Oma wurde im Alter dement. „Ich weiß also ganz genau, was auf einen zukommt, wenn jemand immer weiter abbaut“, sagt Tanja. Trotzdem war der Umgang mit ihrer Mutter schwierig. „Ich hatte den Eindruck, dass sich alles umkehrt, dass sie quasi wieder zum Kind wird.“

Doch das sei die völlig falsche Herangehensweise. Das hat sie bei der Schulung für Angehörige von Menschen mit einer Demenzerkrankung der Alzheimer- und Demenzkranken Gesellschaft Rüsselsheim gelernt. „Im Gegensatz zu Kindern lernen Demenzkranke nichts mehr dazu, sondern bauen immer weiter ab“, erzählt Tanja. „Pädagogische Strategien wie bei Kindern helfen in diesem Fall auch nur bedingt weiter.“

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Bei den Schulungen geht es vor allem darum, die Angehörigen zu unterstützen. Was bedeutet Demenz, was passiert im Gehirn der Erkrankten und welche Hilfen gibt es für die Familie – all das wird an zwei aufeinanderfolgenden Samstagen besprochen. Fünf bis sechs Schulungen im Jahr bietet die Rüsselsheimer Einrichtung an. „Für einige ist das der erste Schritt, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen“, sagt Annett Vielemeyer, Geschäftsführerin der Alzheimer- und Demenzkranken Gesellschaft. Das Ziel ist, miteinander ins Gespräch zu kommen und praktische Probleme zu besprechen. „Deshalb laufen die Schulungen auch sehr unterschiedlich ab, je nachdem welche Themen die Angehörigen mitbringen.“

Gerade die praktischen Hinweise haben auch Tanja geholfen. „Zum Beispiel, dass ich mich nicht gegenüber von meiner Mutter stellen sollte, wenn ich ihr etwas vormache, das sie nachmachen soll.“ Besser sei es, sich daneben zu stellen, damit der Erkrankte die Bewegungen nicht spiegelverkehrt sieht. Doch das richtige Verhalten zu kennen, löse nicht alle Probleme. „Gerade in Stresssituationen, in denen ich selbst überfordert, gestresst und verärgert bin, kann ich das nicht so umsetzen“, gibt sie zu. „Auch wenn ich weiß, dass das keinem von uns guttut.“

Von Marina Wagenpfeil