Die Seele in Balance bringen

Bei Krebserkrankungen die Seele des Erkrankten in Balance zu bringen hat sich Psychoonkologin Franziska Schröder in ihrer Praxis zur Aufgabe gemacht. Foto: Praxis Schröder

Die Diagnose Krebs löst Ängste und Sorgen bei den Betroffenen aus. Die Groß-Gerauer Psychoonkologin Franziska Schröder unterstützt sie mit Gesprächsgruppen.

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GROSS-GERAU. „Krebs ist zu allererst eine körperliche Erkrankung, aber ab dem Moment, in dem die Diagnose steht, überwältigen Sorgen und Ängste die Betroffenen. Die Seele ist belastet, das Vertrauen ins Leben zerbricht“, sagt Psychoonkologin Franziska Schröder. Und: „Wenn einer weiß, er hat Krebs, gerät alles ins Wanken. Nichts bleibt, wie es war.“

Seit 2009 praktiziert die Gestalt- und Psychotherapeutin auch als Psychoonkologin, ist an das Krebszentrum Hanau (St. Vincent-Krankenhaus) und ans Alice-Hospital Darmstadt angebunden und kooperiert mit dem GPR Rüsselsheim und der Kreisklinik Groß-Gerau. Neben Medikation, Chemotherapie und Operationen sei die Psychoonkologie eine junge, nicht in erforderlichem Maß anerkannte Disziplin, meint sie. Oft trügen Krankenkassen die Kosten nicht.

Schröder: „Viele Chirurgen oder Fachärzte merken erst, wie schlecht es dem Patienten nicht nur körperlich, sondern seelisch geht, wenn er haltlos weint.“

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Gesprächsgruppen mit Fantasie- und Atemübungen

In Groß-Gerau leitet Franziska Schröder Gesprächsgruppen für Menschen mit Krebs. „Angst und Schmerz gehen Hand in Hand. In der Gruppe werden Ängste und Anspannungen abgebaut, es wird dem Schmerz etwas Positives entgegengesetzt. Durch Fantasie-, Entspannungs- und Atemübungen sowie durch Austausch der Betroffenen geht es darum, in Balance zu kommen und der Krankheit die Macht zu nehmen.“

Sich nach der Diagnose Krebs wieder ganz gesund zu fühlen, sei psychisch unabhängig von der Prognose schwierig, so Schröder. „Da bleibt was hängen, der Körper wurde ja in seiner Verletzbarkeit erfahren.“ Ein halbes Jahr bis drei Jahre nähmen Patienten unabhängig von ihren Krankheitsstadien an dem Gesprächskreis teil, sagt die Psychoonkologin. „Der Umgang mit der Krankheit ist individuell. Bei Bedarf begleite ich in Einzelsitzungen.“

Petra (Nachname auf Wunsch ungenannt) ist eine hübsche Frau Mitte fünfzig, die seit der Krebsdiagnose die Gesprächsgruppe besucht: „Der Mensch ist doch keine Maschine, an der man nur den Motor wieder zum Laufen bringen muss. Ich hatte große Schmerzen, aber schlimmer war die Verzweiflung, was nun werden soll. Ich hatte nur Angst. Ich konnte nicht mehr schlafen, dachte, vielleicht wachst du nicht mehr auf“, erzählt sie. Wiewohl ihr Mann ihr zur Seite stehe – „Unsere Ehe ist sogar intensiver, ist besser. Er sagt, er steht das mit mir durch“ – hätte sie keinen Lebensmut mehr gehabt.

„Der Tod ist es nicht, aber das Sterben – davor hab ich Angst. Es lähmt mich, zu wissen: Dich hat es erwischt“, sagt Petra. Die Diagnose der Ärzte sei nach der Chemotherapie optimistisch, aber: „Ich weiß nicht, wie’s in ein paar Monaten oder Jahren aussieht.“

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Die Gesprächsgruppe tut ihr gut: „Hier verstehen mich alle. Jeder kennt den Schock der Diagnose. Und den Schmerz, die Müdigkeit und die Fragen: Warum ich? Mir ging’s doch vorher so gut.“ Petra gesteht zögernd, dass sie auch von der Sorge und Fürsorge ihrer Familie oft zusätzlich belastet sei. „Wenn ich in die Gruppe gehe, bin ich einfach die Petra. Man sieht nicht dauernd nur die Kranke in mir“, sagt sie.

Es helfen nicht nur die Gespräche, sondern auch die Entspannungsübungen, so Petra. „Ich atme so intensiv wie nie zuvor und spüre mich tief in meinen Körper, als würde ich ihn streicheln. Dann werde ich ruhig. Oder ich stelle mir einen Ort vor, wo eine Fee auf mich wartet. Diesen Ort der Geborgenheit nimmt mir niemand. Ich träume mich dorthin, wenn alles zu viel wird.“

Nachdenklich erzählt Petra von Max (Name geändert), einem verstorbenen Gruppenteilnehmer: „Ich bin glücklich, dass ich ihn kennenlernen durfte. Er war zehn Jahre jünger als ich und hatte einen bösartigen Hirntumor. Aber Max war so positiv. Immer, wenn er kam, sagte er: Ich freue mich. Ich lebe noch.“

Der Tod ist kein Tabu in der Gruppe. Franziska Schröder sagt: „Das Wissen um die Endlichkeit ist da. Aber es geht uns in der Gruppe vor allem darum, wieder im Leben zurechtzukommen.“