„Das Erste ist die Einsicht“

Seit zehn Jahren leitet Reinhold Schönhaber eine Suchtselbsthilfegruppe. Foto: Vollformat/Dziemballa

„Ein bisschen trinken – das funktioniert nicht. Das ist genauso absurd wie zu sagen, man sei ein bisschen schwanger“, stellt Reinhold Schönhaber (64) klar. Wer...

Anzeige

GROSS-GERAU. „Ein bisschen trinken – das funktioniert nicht. Das ist genauso absurd wie zu sagen, man sei ein bisschen schwanger“, stellt Reinhold Schönhaber (64) klar. Wer abhängiger Trinker war, wer also keine Kontrolle über seinen Alkoholkonsum hatte, müsse konsequent die Finger davon lassen, wenn er den Kreislauf durchbrechen wolle, sagt er.

Reinhold Schönhaber ist seit 24 Jahren das, was ein „trockener Alkoholiker“ genannt wird. „Am 19. April 1995 hab ich nach sechs Jahren exzessiven Trinkens mein letztes Bier getrunken. Das war der Stichtag für mein neues Leben.“

Vor zehn Jahren war Schönhaber dann im Duo mit der trockenen Alkoholikerin Gitta Sturm Gründer der Alkohol-und Suchtmittelselbsthilfegruppe (ASS) Groß-Gerau. „Ich habe eine Gruppenleiterausbildung und einen Suchthilfelehrgang gemacht. Dabei habe ich zuerst mal viel über mich selbst erfahren und stellvertretende Gruppenleitungen übernommen. Heute bin ich dankbar, anderen Abhängigen helfen zu können, offen über ihre Probleme zu sprechen“, erzählt der Vater dreier erwachsener Kinder, der beruflich Elektriker bei Opel war.

Anzeige

Kollegin Gitta Sturm biete parallel zu den Gruppentreffen Einzelgespräche an. Und trotz seiner Leitungsaufgabe in Groß-Gerau sei er selbst auch weiterhin einfaches Mitglied zweier Selbsthilfegruppen, erzählt Schönhaber – im Freundeskreis Suchtkrakenhilfe Mörfelden-Walldorf sowie in einer weiteren von derzeit sieben ASS-Gruppen der Region.

Reinhold Schönhaber weiß: „Wer abhängig getrunken hat und aufhören will, schafft es nicht allein. Du brauchst die Gruppe. Da ist immer jemand, den du erreichen kannst, wenn es dir massiv schlecht geht und du vor dem Griff zur Flasche stehst. Du brauchst den Rückhalt.“ Ein Stamm von 18 Teilnehmern sei in Groß-Gerau dabei, immer wieder kämen Neue jeden Alters sowie aus allen sozialen Schichten dazu. „Die Teilnahme setzt nicht voraus, dass einer trocken ist. Aber der Wille muss da sein. Das Erste ist die Einsicht: Ja, ich bin Alkoholiker. Schluss mit der Schauspielerei, denn Alkoholiker machen sich selbst und anderen was vor “, pointiert Schönhaber. „Ich weiß von Leuten, die an den Folgen der Sucht gestorben sind. Und ich kenne viele, bei denen alles aus den Fugen geriet – Job weg, Familie kaputt.“

Auch in der Gruppe gebe es Rückfälle: „Manchmal ist jemand Jahre lang trocken und denkt dann: Ein Glas geht doch. Doch der Pegel steigt und nicht lang, dann ist die Volltrunkenheit da“, mahnt der Gruppenleiter. Zugleich gilt: „Meist wachen Süchtige erst auf, wenn es einen Knall tut. Wenn etwa der Führerschein weg ist – das war bei mir so. Ich bin mit 2,7 Promille Auto gefahren, musste nach dem Unfall zum Idiotentest. Außerdem hatte ich das Auto meiner Frau zu Schrott gefahren.“ Die Scham darüber führte dazu, dass er entgiftet habe und eine Selbsthilfegruppe suchte. „Später hat meine Frau, mit der ich jetzt 42 Jahre verheiratet bin, gesagt, dass sie kurz davor war, mich zu verlassen. Das war ein Schock im Nachhinein. Und er war heilsam.“

Alkoholabhängigkeit sei statistisch die häufigste, psychische Krankheit in Deutschland, so Schönhaber anhand neuer Statistiken: „1,3 Millionen gelten als abhängig, 2,7 Millionen werden in der Kategorie des Alkoholmissbrauchs geführt. Die Ursachen sind so vielfältig wie Menschen verschieden sind.“ Es sei aber unsinnig, der Gesellschaft, in der Alkohol als Genussmittel gelte, Schuld an der eigenen Misere zu geben: „Einer kann damit umgehen, ein anderer nicht. Letztlich bist immer du es, der ein Glas annimmt oder ablehnt.“ Die meisten Teilnehmer der ASS-Gruppe seien in Therapie oder hätten eine hinter sich, sagt Schönhaber: „Wir sind eine hilfreiche Gesprächsgruppe, aber Entgiftung unter ärztlicher Aufsicht und Therapie sind sehr angeraten, um trocken zu werden.“