Blick in alle Himmelsrichtungen von der Stadtkirche Groß-Gerau

Nur eine kleine Hühnerleiter führt noch von hier hinauf bis zur Turmspitze. Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Von den vier kleinen Balkonen der Groß-Gerauer Stadtkirche aus lässt sich so einiges entdecken: etwa das neue Feuerwehrhaus Groß-Geraus und in weiter Ferne sogar die Skyline...

Anzeige

GROSS-GERAU. Am Ende des Turmaufstiegs über steile Stiegen steht man über dem Glockenstuhl mit den sechs Kirchenglocken auf schmalen, hölzernen Planken, ein Geländer gibt Halt: In alle vier Himmelsrichtungen lässt sich jeweils ein niedriges Holztürchen öffnen und man tritt hinaus auf kleine Balkone, die einen wunderschönen Rundblick erlauben – von dort aus sieht man etwa das neue Feuerwehrhaus Groß-Geraus und in weiter Ferne die Skyline von Frankfurt. Blickt man vom zweiten Balkon, ragt trutzig der Wasserturm über die Dächer der Stadt empor, südöstlich blickt man nach Büttelborn und Darmstadt, zur anderen Seite sind die Silhouetten von Rüsselsheim und Mainz in der Ferne auszumachen. Der Küster der Stadtkirche, Reinhold Wedler, öffnet jede der vier Türen und freut sich übers Staunen seiner Gäste: „Es geht über eine Hühnerleiter noch ein wenig höher hinaus – da oben hätten wir dann die Turmspitze erreicht. Es gibt nur noch eine Dachluke dort“, sagt er.

Bei Führungen zum Gemeindefest oder auch bei solchen auf Nachfrage sei aber bei knapp 35 Metern und nach 168 Stufen Schluss: „Alles andere ist zu heikel. Der Aufstieg ist dann eine recht wacklige Sache.“ Manchmal allerdings klettere er selbst nachts unterm Sternenhimmel ganz nach oben: „Es ist schön, wenn alles schläft und ich durch die Luke auf all das Licht sehe.“ Der Turm der Stadtkirche sei der höchste Ausguck in Groß-Gerau, meint Wedler. „Jedenfalls ist der Kirchturm von allen Seiten zu sehen“, sagt er stolz. Fast täglich hat er hier oben zu tun, macht sauber oder kontrolliert. Reinhold Wedler fühlt sich in Kirche und Turm zuhause. Jährlich werde der Glockenstuhl gewartet, erklärt er. Wedler weist beim Aufstieg zum Turm auf die in den Betonboden geritzte Jahreszahl hin – „1952“. „Damals wurde der nach dem ZweitenWeltkrieg fast völlig zerstörte Turm wieder aufgebaut – ebenso das Kirchenschiff. Die Kirche war 1955 fertig“, sagt Wedler. Aber im Herbst 1953 konnten zum Erntedankfest schon fünf der heute sechs Glocken im Turm eingeweiht werden. 1,3 Tonnen wiege die größte, so Wedler.

Während einer Pause beim Turmaufstieg wird der Versuch gestartet, den schweren Klöppel in Bewegung zu setzen: unmöglich. „Heutzutage werden die Glocken automatisch in Gang gesetzt. Wochentags nur zwei davon. Samstagabends, an Fest- und Sonntagen alle fünf. Das Läuten ist so laut, dass keiner oben im Turm stehen könnte“, sagt der Küster. Allerdings: Einen Eulenkasten gibt’s im Turm und ganz oben wohnen Falken, deren Entwicklung und Ausflüge über eine kleine Web-Kamera verfolgt werden können. Je höher wir steigen, desto holziger riecht es, desto wärmer wird es.

Anzeige

Steintreppe wird zum schmalen Stieg

Der untere Teil des Turms gleicht einem kühlen Stiegenhaus, führt über die Empore hinaus, weist links und rechts Archiv- und Requisitenräume auf. Dann aber wird die Steintreppe zur Stiege – steil und kleinstufig. „Von Kindern bis Großeltern – hier habe ich schon viele hinaufbegleitet. Und der Ausblick in alle Himmelsrichtungen hat noch jeden begeistert“, sagt der Küster.