Respekt vor jedem Schicksal
Andächtig steht eine kleine Menschengruppe auf dem Platz vor der evangelischen Kirche in Weiterstadt. Die Männer, Frauen und Jugendlichen schauen auf einen Mann mit großem...
WEITERSTADT. Andächtig steht eine kleine Menschengruppe auf dem Platz vor der evangelischen Kirche in Weiterstadt. Die Männer, Frauen und Jugendlichen schauen auf einen Mann mit großem Hut, der in ihrer Mitte auf dem Asphalt kniet. Es ist ganz still. Nur leises Klopfen ist zu hören. Der Künstler Gunter Demnig hebelt und hämmert vorsichtig ein paar Pflastersteine aus dem Boden. Neben ihm stehen Eimer mit Mörtel, Sand und Wasser – und zwei Steinquader mit Messingplättchen darauf. Das sind die beiden Stolpersteine, die an das jüdische Ehepaar Lehmann erinnern. Ein Mitarbeiter des Weiterstädter Betriebshofs reicht Demnig Kelle und Besen. Es dauert nur wenige Minuten, dann sind die beiden Steine verlegt.
Behutsam wischt der Künstler Mörtelreste von den Plaketten. Fotos werden gemacht, Maxi Braun vom Weiterstädter Stadtarchiv reicht eine große Aufnahme herum. Sie zeigt das Wohnhaus der Familie Lehmann, das bis nach dem Zweiten Weltkrieg dort stand, wo jetzt die Haltestelle und der kleine Platz vor der Kirche sind. Darmstädter Straße 22 lautete die Anschrift.
Über das Schicksal der ehemaligen Bewohner, Berthold und Emma Lehmann, berichtete Bürgermeister Ralf Möller. Er erläuterte, dass Emma und Berthold ein Geschäft mit Lebensmitteln und Textilien führten. Nach der Machtergreifung der Nazis waren sie vom Boykott jüdischer Geschäfte betroffen. „Meine Eltern wurden ebenfalls an den Pranger gestellt, weil sie mit der Familie Lehmann Geschäftsbeziehungen führten und sich gut verstanden haben“, sagte Teilnehmer Heinz-Ludwig Petri. Sein Vater Adam hatte die Stolpersteine gestiftet. Die Teilnehmer erfuhren weiterhin, dass die Judenverfolgung in den Dreißigerjahren auch in Weiterstadt einen solchen Druck auf Betroffene ausübte, dass sich Berthold und Emma entschlossen, in die USA zu fliehen. Emma jedoch sah keinen anderen Ausweg und nahm sich im Jahr 1938 das Leben. Berthold und seiner Schwiegermutter gelang die Flucht nach New York. Von Berthold und Emma bleiben zwei Stolpersteine in Weiterstadt zurück.
42 weitere dieser kleinen Gedenktafeln hat Gunter Demnig in den vergangenen Jahren bereits in Weiterstadt verlegt. Vier weitere kamen am Freitag in der Hauptstraße 5 in Gräfenhausen hinzu. Auch dort hatten sich rund ein Dutzend Passanten, Anwohner und Vertreter aus Kommunalpolitik und der Kirchengemeinden versammelt. Die Steine erinnern an die Familie Frenkel, die dort in der ehemaligen Synagoge lebte. Weil sie polnische Staatsangehörige waren, wurden sie bereits 1933 von den Nazis schikaniert und ein Jahr später nach Lodz ausgewiesen. Jakob, seine Frau Golda Naha und die Kinder Nathan und Eva konnten nach Palästina fliehen und entkamen dem Holocaust, erläuterte Stadtarchivarin Maxi Braun.
„Es ist uns ein Anliegen, hier zu sein“, sagte Anwohnerin Helmi Kozok. Mit ihrem Ehemann Wolfgang war sie bei vielen Stolpersteinverlegungen in Weiterstadt dabei. Beide haben auch schon einen gespendet. „Es ist eine gute Sache, dass so etwas gemacht wird“, sagt Wolfgang Kozok.
Vor wenigen Tagen hat Gunter Demnig den 70 000. Stolperstein verlegt. „Da kommt keine Routine auf“, sagte er im Gespräch mit dem ECHO. Er betrachte jeden Stein mit großem Respekt, auch vor dem Schicksal, für das er steht. „Es ist kaum vorstellbar, wie es all diesen Menschen durch Vertreibung, Flucht und Pein ergangen ist“, sagte er. Bei seinen Aktionen beschränkt sich Demnig auf das Handwerkliche. Nach der Verlegung packt er leise zusammen, um zur nächsten Aktion zu fahren. Er werde nicht müde, seine Aktion, die er 1992 ins Leben gerufen hat, fortzuführen. „Vor allem Nachkommen suchen die Steine auf. Für viele Nazi-Opfer gibt es keine Grabstätte. Die Stolpersteine sind ein Ort des Gedenkens“, sagt Demnig.
Sein Terminkalender ist voll. Auch an seinem 71. Geburtstag am vergangenen Samstag war der Künstler aus dem Vogelsbergkreis unterwegs. Im März wird er bei der nächsten Aktion auch wieder in Weiterstadt sein.