Die Stolpersteine sollen glänzen
Mit Eimer, Wasser, Schwämmchen und Messingglanzpolitur waren Konfirmanden und weitere Bürger aus Weiterstadt und Gräfenhausen unterwegs, um die Stolpersteine zu putzen. Die...
WEITERSTADT. Mit Eimer, Wasser, Schwämmchen und Messingglanzpolitur waren Konfirmanden und weitere Bürger aus Weiterstadt und Gräfenhausen unterwegs, um die Stolpersteine zu putzen. Die Aktion wurde im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisiert. Putzpate Jan Fröhlich erklärte, dass er es nicht richtig fände, die Gedenksteine der Witterung zu überlassen. „Wenn die Steine nicht glänzen, dann sehen sie aus wie jeder andere Pflasterstein.“ Daher beteilige er sich an der Aktion, den Messingplatten wieder neuen Glanz zu verleihen.
Mit Metallpolitur werden die Messingplatten poliert
Die Stolpersteine sind Betonquader mit etwa zehn Zentimeter Kantenlänge mit einer Messingplatte, die in Bürgersteige vor Häusern eingelassen werden. Auf ihnen stehen die Namen der früheren Hausbewohner, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der diese seit den neunziger Jahren verlegt.
Nachdem in Weiterstadt die Steine geputzt waren, kamen in Gräfenhausen rund zehn Bürger mit Stadtarchivarin Maxi Jennifer Braun zusammen, wo im Schein von Taschenlampen oder Smartphone-LEDs die Messingplatten wieder aufpoliert wurden.
Die Stadtarchivarin erinnerte vor Ort jeweils an die Menschen, zu deren Gedenken die Stolpersteine gesetzt wurden. Beim Schicksal der Familie Rothschild zeigte sich, dass das Internet die Recherchemöglichkeiten verbessert hat. Die Familie Mannheimer/Rothschild hatte an der Schlossgasse 9 ein Geschäft mit Lebensmitteln, Kleidung und Schuhen. Dort hatten Frieda Rothschild, ihr Ehemann Philipp und ihre Kinder Gisela, Bernhard und Lothar sowie Friedas Mutter Emma Mannheimer gelebt. Emma Mannheimer wurde 1942 deportiert und in Theresienstadt ermordet.
„Ursprünglich nahmen wir an, dass alle umgebracht wurden“, sagte Karin Klingler vom Heimatverein Gräfenhausen-Schneppenhausen und erinnerte an die Forschungen Günther Hochs, die 1988 in der „Chronik der Gemeinde Weiterstadt und ihrer Ortsteile“ erschienen waren. Aber Maxi Jennifer Braun hatte online die Familie über Bar-Mitzwa-Daten in Amerika ausmachen können. Und im hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden seien auch Unterlagen über Entschädigungen nach 1945 zu finden gewesen.
Kranzniederlegung am Standort der Synagoge
Am Gedenkstein am Postplatz legten die Teilnehmer des kleinen Rundgangs einen Kranz nieder. Der Gedenkstein von 1983 erinnert daran, dass dort die Gräfenhäuser Synagoge stand. Der Bau war eine Hofreite in der damaligen Langgasse 5 und sah aus wie ein bäuerliches Anwesen. Im Erdgeschoss war eine Wohnung, der Saal zum Beten war im ersten Stock.
Den Postplatz habe es 1938 nicht gegeben, sagte Karin Klingler. Maxi Jennifer Braun und Klingler wiesen darauf hin, dass die Hofreite sich über den Nordrand des Postplatzes erstreckte. Sie ging von dem Platz mit dem Gedenkstein (dort waren die Stallungen) über die Straße (Hof) bis zu dem kleinen Platz (Wohnhaus und Synagoge), wo heute das Schild steht, das den Kerbplatz markiert.
Die Archivarin kündigte bei der Aktion bereits an, dass noch weitere Stolpersteine in Weiterstadt gesetzt werden sollen.