Strukturen wie in der Familie

Im Jugendhaus in Malchen sind zurzeit zwei Wohngruppen untergebracht. Eine besteht aus sechs unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, eine andere aus Jungen und Mädchen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern wohnen können. Fotos: Karl-Heinz Bärtl   Foto:

Lange lief alles wie aus dem Lehrbuch für Integration: Der 17-Jährige aus der Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Jugendhaus Malchen lernte schnell...

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MALCHEN. Lange lief alles wie aus dem Lehrbuch für Integration: Der 17-Jährige aus der Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Jugendhaus Malchen lernte schnell Deutsch und bekam im September letzten Jahres eine Ausbildung in einem Malerbetrieb. Jeden Morgen machte er sich um 6 Uhr auf den Weg, bestand die Probezeit und erfreute seinen Ausbilder mit seiner großen Arbeitsbereitschaft. Doch dann der Schock: Die Ausländerbehörde zwang den jungen Mann, den Ausbildungsvertrag nach drei Monaten wieder zu kündigen. Begründung: Er komme aus dem sicheren Herkunftsland Albanien.

Im Jugendhaus in Malchen sind zurzeit zwei Wohngruppen untergebracht. Eine besteht aus sechs unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, eine andere aus Jungen und Mädchen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern wohnen können. Fotos: Karl-Heinz Bärtl   Foto:

Solche Beispiele machen das zunichte, worum sich Gudrun Krebs, pädagogische Leiterin des Vereins für Kinderhauserziehung, und ihre Mitarbeiter seit fast 40 Jahren kümmern. Sie möchten jungen Menschen entweder den Weg zurück in die Familie oder in ein eigenständiges Leben ebnen. Im Falle des Albaners ist die Rückkehr in die eigene Familie verwehrt. Er hat in seiner Heimat kein Elternhaus mehr. Aber er möchte arbeiten und seinen Lebensunterhalt jenseits von staatlicher Unterstützung bestreiten. Doch derzeit bleibt ihm nur die Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen oder mit einem Sprachkurs zu füllen, obwohl er sich schon problemlos auf Deutsch verständigen kann. Nicht einmal ein Praktikum darf er annehmen, obwohl seine Abschiebung keineswegs beschlossene Sache ist.

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Zwei Wohngruppen gibt es derzeit im Jugendhaus Malchen, dem schmucken Gebäude inmitten der Natur, das 1948 als Kindererholungsheim gebaut wurde. Die eine Gruppe besteht aus sechs unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. In der anderen leben Jungen und Mädchen, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr bei ihren Eltern wohnen können.

Das pädagogische Konzept sieht ganz bewusst eine kleine, familienähnliche Struktur vor. „Als das Jugendamt 1999 einen neuen Träger suchte und wir gefragt wurden, haben wir auf das oberhalb gelegene Gebäude verzichtet“, berichtet Gudrun Krebs. Ohnehin ist Malchen mit 16 Plätzen der größte Standort des in Bensheim angesiedelten freien Trägers der Jugendhilfe. Dessen Angebot umfasst Häuser und Wohngruppen in Bensheim und Malchen sowie betreute Wohnungen in weiteren Gemeinden, unter anderem in Pfungstadt.

Gegründet wurde der Verein, der überwiegend aktuelle und ehemalige Mitarbeiter auf der Mitgliedsliste hat, 1978 in Lampertheim. Damals waren Erzieher mit den Zuständen an ihrem Arbeitsplatz unzufrieden und übernahmen in der Folge das Heim in Eigenregie. Nach und nach kamen weitere Aufgaben hinzu, sodass heute 85 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste stehen.

Die Gruppen sind wie eine Familie strukturiert, mit gemeinsamem Wohnzimmer, Küche und einem Zimmer für jedes „Familienmitglied“. Aber die Pädagogen verstehen sich keineswegs als Elternersatz. Ihre Aufgabe ist unter anderem, wieder einen guten Kontakt zu den Eltern herzustellen. Und die jungen Menschen auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Eine eigene Wohnung mit 18 zu finden, ist für die meisten allerdings enorm schwierig. Zu viele Vermieter winken ab. „Wir suchen händeringend nach Ein- oder Zweizimmerwohnungen im ganzen Landkreis“, berichtet Gudrun Krebs.

Von Peter Gutting