In Seeheim-Jugenheim ist das Gedenken lebendig

Unter großer Anteilnahme werden Stolpersteine verlegt. Schüler des Schuldorfs Bergstraße führen ein Theaterstück zum Thema Deportation auf. Die Autorin Imke Müller-Hellmann liest vom Grauen eines Konzentrationslagers.Archivfotos: Karl-Heinz Bärtl (2), Günther Jockel   Foto:

Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wach halten, das ist in der Gemeinde gelebte Kultur. 2009 gab es dazu einen fraktionsübergreifenden...

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SEEHEIM-JUGENHEIM. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wach halten, das ist in der Gemeinde gelebte Kultur. 2009 gab es dazu einen fraktionsübergreifenden Parlamentsbeschluss – alle waren sich einig, regelmäßige Gedenkveranstaltungen zu etablieren. Es war der erste fraktionsübergreifende Beschluss überhaupt in der Gemeindevertretung.

Unter großer Anteilnahme werden Stolpersteine verlegt. Schüler des Schuldorfs Bergstraße führen ein Theaterstück zum Thema Deportation auf. Die Autorin Imke Müller-Hellmann liest vom Grauen eines Konzentrationslagers.Archivfotos: Karl-Heinz Bärtl (2), Günther Jockel   Foto:

Karsten Paetzold, Pressesprecher der Verwaltung und Leiter des kommunalen Büros für Städtepartnerschaften, organisierte seitdem eine Vielzahl von Gedenkveranstaltungen mit ganz unterschiedlichen Themen rund um den Holocaust. Außerdem wurden mit Paetzolds Engagement 40 sogenannte Stolpersteine in der Gemeinde verlegt. Mit ihnen wird an von den Nationalsozialisten deportierte Menschen erinnert.

Schicksale werden dokumentiert

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Die Gedenkveranstaltungen haben unterschiedliche Formen: Ausstellungen, Lesungen, Gespräche mit und Vorträge von Zeitzeugen sowie Filmvorführungen. Mit ihnen wurden bereits die Schicksale von Euthanasieopfern, Sinti und Roma und Häftlingen in Vernichtungslagern dokumentiert. Kürzlich erst gab es eine Fotoausstellung zu einem Massaker, dass die Waffen-SS 1944 im französischen Oradour-sur-Glane verübt hat. Und das war auch die erste Veranstaltung, bei der ein Wunsch Paetzolds offen blieb. „Wir hatten einen Überlebenden des SS-Massakers aus Frankreich als Zeitzeugen eingeladen. Doch er erkrankte kurz vor der Veranstaltung und konnte nicht kommen.“ Es war auch die Veranstaltung, bei der Karsten Paetzold, wie er selbst sagt, seinen bisher bewegendsten Moment erlebte. „Zur Ausstellung kam ein älteres Paar aus Griesheim. Angehörige des Mannes waren damals unter den Opfern in Oradour-sur-Glane gewesen. Das hat das Ehepaar niemals losgelassen, das Schicksal begleitet ihr Leben. Zur Fotoausstellung vor wenigen Wochen kamen sie aber nach Seeheim. Ich sprach mit ihnen, es war eine sehr persönliche und emotionale Begegnung.“ Man merkt Paetzold an, dass es ihn bewegt.

Schon als Schüler engagierte er sich gegen neonazistische Tendenzen. „Bei uns im Ort gab es Aufkleber an Laternen und anderswo mit Naziparolen. Ich bin zur Polizei, doch die taten das als nicht so wichtig ab.“ Eine frühe Erfahrung, die seine Aufmerksamkeit und seine Empathie geschärft hat. Polen kennt Paetzold gut, er engagiert sich seit 1980 in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Darmstadt als Vorsitzender. Das Land hat er oft besucht und dabei die Auswirkungen des Holocaust gesehen. Er spricht polnisch, „aber ich verstehe es wesentlich besser, als ich es spreche“.

Zwei Bücher wurden in Seeheim-Jugenheim zum Thema Nationalsozialismus bereits aufgelegt. Eines beleuchtet, welche Opfer die NS-Diktatur in der Gemeinde forderte, das zweite Buch beschäftigt sich mit der Situation der ehemalige Zwangsarbeiter im damaligen Seeheim und Jugenheim.

So viel Engagement hatte bereits üble Folgen: Vor einigen Jahren wurden anderswo gestohlene Stolpersteine nachts durch Rathausfenster geschleudert. Auch ins Büro von Karsten Paetzold. Was macht das mit ihm? Angst? „Nein. Wir dürfen uns von so etwas nicht einschüchtern lassen.“ Das passt zu seinem Wunsch, wie es in Seeheim-Jugenheim mit der Gedenkkultur weitergehen soll. Paetzold geht in einigen Wochen in den Ruhestand. „Es wäre schön, wenn es weiter Gedenkveranstaltungen geben würde und wenn sich mehr Schulen daran beteiligen würden.“

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Nur eins, das gab es in Seeheim-Jugenheim noch nicht: Veranstaltungen und Diskussionen mit Rechtsextremen. Warum nicht? Karsten Paetzold: „Man überzeugt ja niemanden vom Gegenteil seiner Haltung. Was dann also passiert, ist, dass man Rechtsextremen mit einer solchen Veranstaltung, so kontrovers man sie auch gestaltet, eine Bühne gibt. Und das halte ich für nicht sinnvoll.“

Von Jürgen Buxmann