Für den Menschen ungefährlich: Pfaffenhütchen-Gespinstmotte

Mit einem Schutzschleier überzieht die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte derzeit Büsche am Waldrand. Eckhard Woite vom Nabu Seeheim-Jugenheim beobachtet das in diesem Jahr besonders ausgeprägte, für Menschen aber unbedenkliche Naturphänomen. Fotos: Guido Schiek  Foto:

Zurückhaltung bei der Nahrungsaufnahme gehört nicht zu den herausragenden Eigenschaften der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte. Bei dem kleinen Insekt mit dem zungenbrecherischen...

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ALSBACH/MALCHEN. Zurückhaltung bei der Nahrungsaufnahme gehört nicht zu den herausragenden Eigenschaften der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte. Bei dem kleinen Insekt mit dem zungenbrecherischen Namen handelt es sich um eine Nachtfalterart. Die hellen Flatterfreunde bringen es mit ihren schwarz gepunkteten weißen Flügeln zwar nur auf eine Größe von einem Zentimeter. Der Appetit ihrer Raupen ist jedoch unersättlich. Innerhalb von Tagen fressen sie Büsche ratzekahl und überziehen sie mit ihren Gespinstfäden.

Mit einem Schutzschleier überzieht die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte derzeit Büsche am Waldrand. Eckhard Woite vom Nabu Seeheim-Jugenheim beobachtet das in diesem Jahr besonders ausgeprägte, für Menschen aber unbedenkliche Naturphänomen. Fotos: Guido Schiek  Foto:

„Das sieht aus wie in einem Film von Alfred Hitchcock“, sagt Peter Schaaf aus Alsbach. Er ist 2. Vorsitzender des örtlichen Tennisclubs. Quasi über Nacht hatten sich Büsche am Rand der Anlage in silbrig glänzende Installationen verwandelt, die vom Verpackungskünstler Christo stammen könnten. Bei aller Ästhetik zeigten sich besonders die auf den Plätzen trainierenden Kinder eher verschreckt: „Unter der oberen Watteschicht krabbeln tausende von Raupen“, berichtet Peter Schaaf.

Keine Gefahr für den Menschen

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Er verständigte die Gemeindeverwaltung. Der Bauhof will sich um die Sache kümmern, wenn nötig einen radikalen Rückschnitt setzen, damit der Spuk ein Ende nimmt.

„Das ist nicht mehr nötig“, sagt Eckhard Woite (76) vom Nabu Seeheim-Jugenheim. Die wundersame Buschverwandlung durch die Gespinstmotte gibt es jedes Jahr. „Aber diesmal ist sie besonders stark.“ Da werden unerfahrene Menschen schnell nervös und greifen zur chemischen Keule. Das aber ist der falsche Weg. Anders als etwa beim Eichenprozessionsspinner, geht von der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte keinerlei Gefahr für den Menschen aus. Auch das Überleben der Pflanze steht – im Gegensatz zum Fall des nach Europa eingeschleppten Buxbaumzünslers – nicht auf dem Spiel. Die Raupen fressen die Büsche zwar komplett kahl. „Aber nach sechs Wochen treiben die Pflanzen wieder neue Blätter aus“, weiß Eckhard Woite. Denn in der Natur sei es in der Regel so, dass der Schädling den Wirt nicht umbringt. „Sonst würde er sich ja die eigene Lebensgrundlage entziehen.“

Schlagartig sind nach ein paar Wochen die Raupen unter dem schützenden Seidenschleier verschwunden. Denn wenn die Larvenentwicklung abgeschlossen ist, verpuppen sich die Insekten am Stammfuß. Die Falter schlüpfen dann im Juli und legen ihre Eier an Zweigen ab. Die Junglarven kommen durch den Winter. Im Frühjahr beginnt dann das große Fressen aufs Neue.

Wie der Name schon andeutet, hat es die spezielle Gespinstmotte einzig und alleine auf das Pfaffenhütchen abgesehen. Das ist „eine Allerweltspflanze“, berichtet der 76 Jahre alte Malchener. Sie trägt auch den Namen Spindelstrauch und erreicht als reich verzweigter Strauch Wuchshöhen von bis zu drei Meter, als kleiner Baum auch bis zu sechs Meter. Aus seinem zähen Holz wurden früher Orgelpfeifen, Schuhnägel, Stricknadeln und Spindeln (daher Spindelstrauch) hergestellt.

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Zum Hingucker wird der ansonsten eher unscheinbare Busch im Herbst. Die vier Fruchtklappen springen dann auf und geben die an Fäden hängenden, orangerot ummantelten Samen frei. Sie erinnern an die „Birett“ genannte Kopfbedeckung von katholischen Geistlichen.

Auch davon, die Gespinstmotte mit Gift zu bekämpfen, rät Eckhard Woite ab. Stattdessen sollten rechtzeitig erste Gespinstbildung durch die Junglarven mit der Gartenschere weggeschnitten werden, heißt es auch in der Pflanzenschutzinfothek des Regierungspräsidiums. Weil die Sträucher sehr gut regenerieren, könne „normalerweise auf eine Bekämpfung verzichtet werden“.

Von Peter Keller