Roßdorf hat ein "Jurregässje"
Ein neues Straßenschild sorgt in Roßdorf für Aufsehen, denn die Landkreis-Gemeinde hat jetzt ein "Jurregässje". Bei der Enthüllung des Zusatzschilds für die kurze...
ROSSDORF. Die Vergangenheit endlich ruhen lassen? Dieser in Deutschland seit einigen Jahren immer offener und häufiger ausgesprochene Satz ist für rund 60 Roßdörfer am Tag des Holocaust-Gedenkens, an dem sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 74. Mal jährt, Anlass, das Gegenteil zu tun. Sie haben sich in einer kleinen Sackgasse gegenüber dem Rathaus versammelt, um der Enthüllung einer informativen Ergänzung des Straßenschilds beizuwohnen.
Es geht um das "Jurregässje", das amtlich nie so hieß, aber im Volksmund allgemein so genannt wurde, weil sich in der Gasse einst die Synagoge jüdischen Gemeinde in Roßdorf befand. Das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude steht im Grundsatz heute noch, ist dem Pogrom von 1938 weitgehend entgangen, weil es zu diesem Zeitpunkt schon entwidmet und von der jüdischen Gemeinde verkauft worden war. An dem heutigen Wohnhaus erinnert seit rund acht Jahren eine Gedenktafel an die Vergangenheit des Gebäudes.
Es bedurfte - daran erinnerte Engelbert Jennewein vom kulturhistorischen Verein Roßdorf - damals bereits der Intervention von Bürgermeisterin Christel Sprößler, das Einverständnis des Hausbesitzers zur Anbringung dieser Tafel einzuwerben. Dem pensionierten Lehrer war die vom öffentlichen Raum vor Rathaus und Kirche nicht sichtbare Tafel aber zu wenig. Er gab daher den Anstoß, das Namensschild "Darmstädter Straße" mit den wenigen Hausnummern der Sackgasse vorne an der Einmündung auf die Hauptstraße um eine zusätzliche Informationstafel zu ergänzen.
Weg "von der Erinnerung zur Erkenntnis"
In guter demokratischer Übung sollte dies aber nicht ohne das Einverständnis der betroffenen Anwohner geschehen, und zu seinem eigenen Erstaunen musste Jennewein feststellen, dass manche an dieser Idee Anstoß nahmen. "Auch 2019 gibt es noch Antisemitismus und Engstirnigkeit", sagte er am Sonntag in seiner Ansprache.
Das "noch" drückt freilich optimistisch die Hoffnung auf ein allmähliches Schwinden solcher Haltungen aus. Dass aber im Gegenteil solche Haltung seit Jahren wieder mehr und mehr in der Öffentlichkeit sichtbar wird, erwähnte Karlheinz Rück, der als 1. Beigeordneter die familiär verhinderte Bürgermeisterin vertrat. Der Gemeindevorstand habe daher im November des vergangenen Jahres den Beschluss gefasst, das Straßennamensschild um eine Informationstafel zu ergänzen. Er charakterisierte dies als Antithese zu der Aussage "Man muss mal einen Schlussstrich ziehen". Rück erinnerte an eine lebendige jüdische Gemeinde in Roßdorf mit rund 50 Mitgliedern zu Beginn der Nazi-Zeit 1933 und wies auf einen Weg "von der Erinnerung zur Erkenntnis". Und er versicherte, dass mit der Informationstafel keinerlei Schuldzuweisung verbunden sei.
Auch die evangelische Kirchengemeinde, vertreten durch Pfarrer Wolfram Seeger, beteiligte sich am Gedenken. Seeger erinnerte daran, dass der Bau der Synagoge einst auch durch einen Kredit der evangelischen Kirche ermöglicht wurde. Diese Enthüllung nahm, kurzfristig von ihrem ehemaligen Lehrer Jennewein dazu aufgefordert, um die junge Generation in die Erinnerungsarbeit einzubinden, die 20-jährige Roßdörferin Leah Stroh vor. Auf dem Schild steht: "Volksmund: Jurregässje Ehem. Standort der jüdischen Synagoge Von 1874 bis zum Verkauf 1938."