Zwei „Stolpersteine“ erinnern in Spachbrücken an Rosa und...
Der Künstler Gunter Demnig hat die beiden Messingsteine vor dem Haus in der Bachgasse 1 verlegt. Schüler der Dr.-Kurt-Schumacher-Schule haben die Geschichte des jüdischen...
SPACHBRÜCKEN. Eine Dorferneuerung bedeutet nicht nur, Wege und Plätze neu anzulegen, Blumen zu pflanzen und Hausfassaden zu gestalten. Zur Dorferneuerung gehört auch die Auseinandersetzung mit der Historie des Ortes. Der Arbeitskreis Dorferneuerung in Spachbrücken hat sich einem besonderen Teil der Dorfgeschichte gewidmet und das Schicksal jüdischer Familien, die in Spachbrücken lebten, aufgearbeitet. In Zusammenarbeit mit der zehnten Klasse des Gymnasialzweigs an der Dr.-Kurt-Schumacher-Schule entstand ein Faltblatt, das das Schicksal von Simon und Rosa Schack – den letzten in Spachbrücken lebenden Juden – zeigt.
Als Schlusspunkt der Kooperation mit den Schülern sowie der Dorferneuerung hatte der Arbeitskreis nun zu einer kleinen Gedenkfeier eingeladen, bei der der Künstler Gunter Demnig zwei seiner „Stolpersteine“ verlegte. 73 000 Messingsteine mit den Namen jener Menschen, die in der Nazi-Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden, sind bereits in 24 Ländern verlegt worden. Die Steine werden stets in das Gehwegpflaster vor den Häusern eingearbeitet, in denen die Opfer des Nationalsozialismus zuletzt lebten.
„Die Familienschicksale, die hinter den Namen stehen, sind für mich immer neu, individuell und berührend“, sagte Demnig. Besonders beeindruckt sei er stets vom Engagement der Jugendlichen, die häufig die Verlegung von Stolpersteinen in ihren Heimatorten initiierten und an den entsprechenden Aktionen mitwirkten.
Die Zehntklässler der Dr.-Kurt-Schumacher-Schule hatten die Lebensgeschichte des Ehepaars Rosa und Simon Schack recherchiert und aufgeschrieben und um das Gedicht „Als sie die Juden holten“ von Martin Niemöller ergänzt. „Wir haben uns in Reinheim schon einmal auf die Suche nach Stolpersteinen gemacht“, erzählt Schülerin Lilien Buchwald. „Die Auseinandersetzung mit den Eheleuten Schack hat uns die Familie nähergebracht und ihr Schicksal in unsere Wirklichkeit geholt.“
Bis 1942 lebten Rosa und Simon Schack in der Bachgasse 1 in Spachbrücken. Wie viele Bürger des Ortes hielten sie Kleinvieh und bewirtschafteten ein Gartengrundstück. Simon Schack war zudem Fabrikarbeiter in einer Ober-Ramstädter Firma. Im Alter von 67 und 66 Jahren mussten Rosa und Simon Schack als letzte Juden aus Reinheim und den heutigen Stadtteilen den Ort verlassen.
Unter dem Vorwand, ihren Wohnort in ein Altersheim zu verlegen, wurden sie am 27. September 1942 mit 1288 weiteren Juden, Sinti und Roma nach Theresienstadt deportiert. Aus dem Getto existieren Todesfallanzeigen, wie die Schüler mit dem Arbeitskreis Dorferneuerung recherchiert haben.
„Die Verlegung der Stolpersteine soll kein flüchtiger Moment sein, sondern ein Zeichen der Dauerhaftigkeit“, sagte Reinheims Bürgermeister Karl Hartmann. Die Entmenschlichung der Gesellschaft habe sich damals in der Einteilung in wertes und unwertes Leben gezeigt. Zwar hätten viele kein erkennbar schlechtes Gewissen angesichts der Gräuel gehabt. Aber es habe auch jene gegeben, die sich ihre Menschlichkeit nicht ausreden oder verbieten ließen. „Bleiben wir auch heute und morgen aktiv, sodass die Stolpersteine zu Bausteinen für eine bessere Welt werden“, rief Hartmann auf.