Die Retter des Reinheimer Teichs

Naturschützer nach der Reparatur eines provisorischen Damms auf einem Bild aus dem Jahr 1974. Von links: Georg Schneider (Hippelsbach), Karl Brodmann (Semd), Erwin Korzer (Semd), Herr Pörschke (Schaafheim) und Karl Rothmann (Groß-Umstadt).

1975 wurde der Reinheimer Teich nach zähem Ringen Naturschutzgebiet. Umweltschützer der ersten Stunde hatten sich dafür eingesetzt.

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Reinheim. Anfang der 1970er, Jahre vor der Gründung der Partei der Grünen, galten Umweltschützer als „spinnerte Naturfantasten”. So erinnert sich Dirk Diehl, der damals noch ein Kind war, an den damaligen beharrlichen Einsatz seines Vaters Otto Diehl und seiner Mitstreiter für den Kampf um den Erhalt der Natur und den Gegenwind, den sie dafür ernteten. Eines der Projekte, das seinem Vater besonders am Herzen lag: die Ausweisung des Reinheimer Teichs als Naturschutzgebiet.

Bevor die am 19. Dezember 1975 unter großem Jubel der Umweltpioniere tatsächlich erreicht war, gab es andere Ideen für das einzigartige Feuchtbiotop. Die Stadt Reinheim bemühte sich in den 1960er Jahren, das Teichgebiet als Industriestandort zu nutzen. Die Stadt versuchte, namhafte Unternehmen wie Ford, Opel und MAN zu gewinnen. Zum Glück für die Umweltschützer zeigte keine der Firmen Interesse. Anschließend plante der Landkreis ein Erholungsgebiet mit Bootshäusern, Liegewiesen und Spielplätzen. Auch hier hatten die Naturschützer Glück: Die Idee ging unter, weil das Geld dafür fehlte.

Um den Einsatz für unsere Natur geht es in der neuen „Echo hilft!“-Aktion.
Um den Einsatz für unsere Natur geht es in der neuen „Echo hilft!“-Aktion. (© VRM)
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Reinheimer Teich ist Mekka für Naturbeobachter

Längst hatte sich da schon der Reinheimer Teich, der mit seinen Wasserflächen, Schilfbeständen und Feuchtwiesen zahlreichen seltenen Tierarten eine Heimat bietet, zu einem Mekka unter Naturbeobachtern aus der ganzen Region entwickelt. Auch für Otto Diehl aus Langstadt. Er gründete 1958 die erste Ortsgruppe des damaligen Bunds für Vogelschutz (heute Naturschutzbund NABU), die er 50 Jahre lang leitete. Diehl zog immer wieder mit seinem Fernglas und Fotoapparat durch das Gelände, um selten gewordene Vogelarten wie die Sumpfohreule, den Großen Brachvogel und Schilfrohrsänger zu beobachten. „Meinem Vater war bewusst, diese Arten könnten demnächst ganz verschwinden, wenn man nichts dagegen tut”, sagt Dirk Diehl, der heute als Biologe das Naturkunde-Institut Langstadt leitet. Sein Vater starb 2018 im Alter von 91 Jahren.

Otto Diehl aus Langstadt war Mann der ersten Stunde im Einsatz für das Naturschutzgebiet.
Otto Diehl aus Langstadt war Mann der ersten Stunde im Einsatz für das Naturschutzgebiet. (© AK Naturschutzscheune)

Auch Fritz Fornoff vom Arbeitskreis Naturschutzscheune Reinheim hat Otto Diehl in bester Erinnerung. Den Arbeitskreis mit seinem Informations- und Erlebniszentrum direkt am Teich unterstützt die diesjährige „ECHO hilft!”-Aktion. „Wir haben viel zusammengearbeitet”, sagt Fornoff über Diehl. „Er hat viel für den Naturschutz gemacht, ihn erreicht so bald keiner.” Alle Naturschutzgebiete im Altkreis Dieburg gingen auf sein Konto, so Fornoff. Der Reinheimer Teich war 1975 das erste und ist bis heute das größte. Heute verfügt der Landkreis Darmstadt-Dieburg über mehr als 20 Schutzareale. Diehl sei ein Mann gewesen, so Fornoff, der angepackt habe. Bei Arbeitseinsätzen hätte er, wenn die anderen bereits fertig waren, sich noch um die Feinheiten gekümmert. „Mit 75 Jahren ist er noch den Schlot des Darmstädter Müllheizkraftwerks hochgeklettert, um den Wanderfalkenkasten zu kontrollieren.”

Neben Diehl die zweite wichtige Vorkämpferfigur war Willy Bauer. „Sie waren die beiden maßgeblichen Personen, die dafür gesorgt haben, dass der Reinheimer Teich Naturschutzgebiet wurde”, sagt Fornoff. Der 1991 im Alter von 61 Jahren gestorbene Frankfurter nimmt eine Schlüsselrolle im hessischen Naturschutz ein. Er war Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Nach ihm ist die heutige die Willy-Bauer-Naturschutzstiftung benannt.

Der Frankfurter Naturschützer Willy Bauer war die treibende Kraft hinter der Ausweisung zum Naturschutzgebiet.
Der Frankfurter Naturschützer Willy Bauer war die treibende Kraft hinter der Ausweisung zum Naturschutzgebiet. (© HGON-Archiv)
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Fornoff bedauert, Bauer niemals kennengelernt zu haben. Sehr gut in Erinnerung hat ihn jedoch Wolfgang Heimer, der frühere Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Darmstadt-Dieburg. „Wie keine andere Person hat er sich für den Naturschutz in Hessen verdient gemacht, darüber hinaus aber auch in Deutschland und beispielsweise in Griechenland durch seinen Kampf für den späteren Nationalpark am Prespasee”, sagt Heimer, der selbst in der HGON aktiv ist. Willy Bauer sei Dreh- und Angelpunkt gewesen. Er habe über eine ungeheure Weitsicht verfügt und zum Beispiel schon sehr früh vor den Folgen des Klimawandels gewarnt.

Wie sehr er recht behalten sollte und heute auch der Reinheimer Teich unter dem Klimawandel leidet, zeigte zuletzt der Dürresommer 2022. Der Feuchtbiotop verlor rapide an Wasser. Der Teich kippte, es kam zu einem dramatischen Fischsterben. Kaum Fische, wenig Nahrung für viele der seltenen Vögel am Reinheimer Teich, deren Schutz Bauer und Diehl so sehr am Herzen lag.