Eine Gedenktafel für die Jeidels

Das historische Foto aus der Sammlung des Pfungstädter Stadtarchivs, das vor 1922 aufgenommen wurde, zeigt links das Geschäftshaus der Familie Jeidel, das 1968 ersatzlos abgerissen wurde. An seiner Stelle befindet sich heute der Bär-Brunnen. Dort erinnert nun die Tafel an die früheren Besitzer des Anwesens. Foto: Pfungstädter Stadtarchiv  Foto: Pfungstädter Stadtarchiv

Eine Gedenktafel erinnert am Pfungstädter Bär-Brunnen an der Ecke von Kirchstraße und Borngasse an die Angehörigen der Familie Jeidel, früheren jüdischen Mitbürgern, die...

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PFUNGSTADT. Eine Gedenktafel erinnert am Pfungstädter Bär-Brunnen an der Ecke von Kirchstraße und Borngasse an die Angehörigen der Familie Jeidel, früheren jüdischen Mitbürgern, die hier ein Geschäft für Manufaktur- und Konfektionswaren waren betrieben haben.

Das historische Foto aus der Sammlung des Pfungstädter Stadtarchivs, das vor 1922 aufgenommen wurde, zeigt links das Geschäftshaus der Familie Jeidel, das 1968 ersatzlos abgerissen wurde. An seiner Stelle befindet sich heute der Bär-Brunnen. Dort erinnert nun die Tafel an die früheren Besitzer des Anwesens. Foto: Pfungstädter Stadtarchiv  Foto: Pfungstädter Stadtarchiv

Diese Gedenktafel ist die erste gemeinsame Aktion des Pfungstädter Heimatvereins und des Museumsvereins, die künftig ihre Zusammenarbeit noch vertiefen wollen. Lob zu dieser Aktion äußerte Bürgermeister Patrick Koch (SPD). „Es ist eine gute Sache, an Historisches in Pfungstadt zu erinnern, damit sich die heutigen Pfungstädter vorstellen können, wie es hier einmal ausgesehen hat“, sagte er und begrüßte das Vorhaben der beiden Vereine, an das frühere Pfungstadt mit weiteren Tafeln zu erinnern.

Abraham genannt Adolf Jeidel hatte das Eckhaus gegenüber dem Pfungstädter Rathaus schon 1890 gekauft und hier sein Geschäft eröffnet. Das Haus selbst war weitaus älter, denn wie Stadtarchivarin Sabine Gabriel erläutert, wurde es schon 1833 erbaut. Jeidel, der hier ein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft einrichtete und in der Kirchstraße 5 ein Möbelgeschäft betrieb, übergab den Laden schon 1910 seiner ältesten Tochter Toni. Nach ihrer Hochzeit mit Ludwig Herz 1919 führte dieser das Geschäft weiter. Toni und Ludwig Herz bewohnten die Wohnung über dem Geschäft, die wie es Stephanie Goethals, die frühere Stadtarchivarin in ihrem Buch „Abschied ohne Wiederkehr“ festgehalten hat, für damalige Verhältnisse modern eingerichtet war mit Badezimmer, gefliester Küche und einem zentralen amerikanischen Ofen zur Heizung.

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Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verschlechterte sich die Lage für jüdische Geschäftsleute, beim November-Pogrom 1938 wurde das Möbelgeschäft in der Kirchstraße 5, das Tonis Schwester Frieda mit ihrem Mann Leopold Rothschild betrieben hatte, geplündert und der Warenbestand in die Modau geworfen. Toni und Ludwig Herz veräußerten 1939 ihren Grundbesitz sowie 1940 auch das Haus, das sie bis zu einer damals schon geplanten Ausreise weiter nutzten. Anfang 1941 verließen sie Pfungstadt mit einer Gruppe jüdischer Mitreisender, darunter auch Tonis Schwager Leopold Rothschild, um nach Südamerika auszureisen. Frieda Rothschild, die Schwester von Toni Herz war schon 1939 gestorben, der gemeinsame Bruder Julius gehört zu den jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Pfungstadt. Ludwig Herz starb in Montevideo schon 1944, seine Frau Toni 1958 und Leopold Rothschild 1977.

Auf der jetzt enthüllten Tafel ist ein altes Foto aus dem Stadtarchiv zu sehen, das vor 1922 aufgenommen wurde. Es zeigt den Blick von der gegenüberliegenden Seite der damals noch gepflasterten Borngasse auf das Pfungstädter Rathaus mit der blühenden Linde davor und dem heutigen Anwesen Brunner gegenüber. Als Eckhaus ist zum Teil das Geschäfts- und Wohnhaus der Familie Jeidel-Herz zu sehen mit der Firmenüberschrift „Adolf Jeidel“ über dem Schaufenster.

Heute befindet sich an seiner Stelle der Bär-Brunnen, der hier 1972 durch eine Spende des damaligen Ortslandwirts Ludwig Bär errichtet wurde. 1968 war das seit 1966 im Besitz der Stadt befindliche Haus abgerissen worden. Es war nach dem Verkauf durch Toni Herz zunächst im Besitz der Gemeinde und kam 1951 nach dem Krieg kurzzeitig wieder in ihren Besitz, bevor es nach weiteren Besitzerwechseln 1966 wieder an die Stadt kam.