Einrichtung für jüngere Demenzkranke in Ober-Ramstadt

Wolfram und Andrea Krolikowski bei ihrer täglichen Nordic-Walking-Runde.Foto: Christina Kolb

Für Demenzkranke unter 65 Jahren gibt es keine adäquate Versorgung. Die Privatinitiative Waldmühle in Ober-Ramstadt geht neue Wege. Ein einzigartiges Modell in Hessen.

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OBER-RAMSTADT. Punkt 16 Uhr wird Wolfram Krolikowski unruhig. Stundenlang hat er sich mit "Malen nach Zahlen" beschäftigt. Jetzt zieht es den sportlichen 61-Jährigen nach draußen. Frohgemut setzt er seine Kappe auf, schaut immer wieder auf die Uhr, wartet in seinem Zimmer und redet vor sich hin. Er freut sich, als ihn seine Frau Andrea (56) mit leichter Verspätung abholt und marschiert pfeifend und lachend neben ihr los. "Vier bis sechs Kilometer Nordic Walking laufen wir täglich", erläutert Andrea Krolikowski. Ohne sie oder eine andere Begleitperson geht es allerdings nicht mehr.

Wolfram Krolikowski leidet an Demenz. 59 Jahre war er alt, als die Diagnose vor knapp zwei Jahren gestellt wurde. "Frühbetroffen" lautet das im Fachjargon. Demenz wird in der Gesellschaft üblicherweise mit älteren Menschen assoziiert. "Von den rund 1,7 Millionen an Demenz erkrankten Frauen und Männern in Deutschland, wird die Gruppe der Frühbetroffenen nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft mit zwei Prozent, etwa 25 000, beziffert", teilt Professor Dr. Margret Flieder, Professorin für Pflegewissenschaft und Pflegepraxis an der Ev. Hochschule Darmstadt, mit. Die gelernte Krankenschwester hat mit Professor Dr. Michael Schilder jahrelang im Bereich Erprobung und Entwicklung neuer Versorgungsstrukturen für Menschen mit Demenz und deren Angehörige in Darmstadt-Dieburg im Auftrag des Diakonischen Werks geforscht.

Zu den zwei Prozent der Frühbetroffenen gehört auch Wolfram Krolikowski. Mitten im Leben stand der ehemalige Berufskraftfahrer, als sich erste Anzeichen bemerkbar machten. "Die zunehmende Angst, im Beruf etwas falsch zu machen. Einen Kunden nicht zu finden, nicht rechtzeitig zu liefern, im Lkw einzuschlafen - ich hätte es merken müssen", bedauert Andrea Krolikowski rückblickend.

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Fürs Pflegeheim zu jung

Nach der Diagnose Demenz im November 2016 - bei ihm eine schnell voranschreitende Form, die auch aufgrund von Sekundärerkrankungen zu einem frühen Tod führen kann - kam im Januar des Folgejahres der Bescheid: "Erwerbsunfähig". "Während ich arbeiten ging, beschäftigte sich mein Mann zu Hause, fuhr viel Rad, täglich 50 bis 60 Kilometer", erzählt seine Frau. Nicht vergessen wird sie den Tag in der ersten Urlaubswoche an der Nordsee im Mai 2017, als ihr Mann einen Schlaganfall erlitt, sowie die Fahrt mit dem Rollstuhl durch den Krankenhaus-Park zwei Wochen später: "Als mein Mann nach den Blumen griff und sie sich in den Mund steckte, war mir mit einem Schlag klar, dass es nie wieder werden würde, wie es war." Zurück in Bickenbach, konnte Wolfram Krolikowski noch fünf Wochen im Krankenhaus bleiben. Und danach?

Allein zu Hause bleiben konnte er nicht mehr. Nach Pflegezeit und Urlaub wollte Andrea Krolikowski, Studienkoordinatorin an der TU Darmstadt, zum Semesterstart wieder ins Büro gehen. "Körperlich wurde mein Mann täglich mobiler und fitter, wollte laufen, laufen, laufen", erzählt sie. Alle geeigneten Heime in der Umgebung - 25 insgesamt - besichtigte sie mit dem gemeinsamen Sohn. Stets erhielten sie die gleiche Aussage: "60, das ist noch jung!" "Ich wusste, er passt nicht in ein Altersheim mit Senioren in Rollstühlen, Antik-Möbeln und kaum altersgerechten Freizeitmöglichkeiten", so Krolikowski.

Angehörige sind gefordert, können aber auch mitgestalten

Als in der Demenz-WG Waldmühle zum Oktober 2016 ein Zimmer frei wurde, zögerte sie nicht. "Die Waldmühle ist eine selbstbestimmte, angehörigengeführte, ambulante Wohngemeinschaft in schöner Natur", beschreibt sie die Privatinitiative.

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Ein knappes Jahr ist seit dem Einzug von Wolfram Krolikowski vergangen, er fühlt sich wohl. In seinem persönlich eingerichteten Zimmer schmücken Fotos seiner Familie die Wände.

In der Waldmühle sind die Angehörigen zwar gefordert, können gleichzeitig aber auch mitgestalten. Andrea Krolikowski ist seit Januar Angehörigensprecherin - und hat viele neue Ideen. Nach acht Jahren wurde der Pflegedienst gewechselt, die Angehörigen haben neue Mitgliedervereinbarungen verfasst sowie eine Hauskoordinatorin, Adrienne Zehner, eingestellt. Und gemeinsam mit Angehörigen, Vermieter und Pflegedienst entsteht ein neues Konzept für die Zukunft und die neue Rolle der WG Waldmühle. "Ziel ist es, eine gemischte Wohngemeinschaft mit einem großen Anteil an Frühbetroffenen unter 65 Jahre und ein entsprechendes Betreuungs- und Alltagsangebot anzubieten", so Krolikowski.

"Ein Demenzkranker, der körperlich fit ist, hat völlig andere Anforderungen und sollte in den Alltag integriert werden", sagt Hauskordinatorin Zehner. Hier habe das ambulante Konzept viele Vorteile. Die Bewohner können ihren Hobbys nachgehen, in der Wohnküche beim Zubereiten der Mahlzeiten helfen, beim Bügeln oder Wäsche aufhängen. "Die Fähigkeiten, die sie noch haben, sollten so lange wie möglich erhalten bleiben", sagt Zehner. Begleitet geht Wolfram Krolikowski täglich einkaufen, deckt den Tisch, hält sich mit Nordic Walking und Heimtrainer fit. "Vielleicht gelingt es uns sogar, für die Bewohner Beschäftigungsmöglichkeiten in den Behindertenwerkstätten zu finden und so Arbeit zu ermöglichen", schwebt Andrea Krolikowski vor.

Sie weiß sie um den Notstand für diese Zielgruppe. "Geeignete Einrichtungen gibt es in Hessen nicht", bestätigt auch Jutta Burgholte-Niemitz, Leiterin der hessischen Fachstelle für selbstverwaltete Demenz-Wohngemeinschaften. "Leider müssen die Frühbetroffenen in der Regel in klassischen Altersheimen untergebracht werden." Margret Flieder, die auch über die Wirksamkeit von Gruppenangeboten für Frühbetroffene geforscht hat, bekräftigt: "Angebote und Einrichtungen für jüngere Demenzkranke muss man deutschlandweit mit der Lupe suchen, obwohl der Bedarf groß ist."

Die Krankheit ist zwar nicht heilbar. "Aber vor allem im Anfangsstadium ist es wichtig, gezielte aktivierende, gesundheitsfördernde und -erhaltende Angebote wie Yoga, Nordic Walking, Ergotherapie oder Gedächtnistraining zu betreiben", betont Flieder. Es sei erwiesen, dass diese Aktivitäten den Verfall oder Abwärtstrend der Krankheit moderat aufhalten und verzögern.

Die Jahre, die Wolfram Krolikowski verbleiben, sind laut Diagnose nicht allzu viele - nach Aussage seiner Frau "vielleicht noch drei?". Diese soll er so angenehm und so nah am Leben verbringen wie möglich. Die WG Waldmühle bietet die Voraussetzungen hierfür.